Der Wut-Trucker: Österreichs bekanntester Fernfahrer

Josef Herrnegger erlangte durch seine Facebook-Videos bundesweit Popularität. 

Es ist Samstag, der 22. Juli. Josef Herrnegger, von sämtlichen Bekannten Sepp genannt, fährt mit seinem Truck auf einen Schotterparkplatz hinter dem Felsen, auf dem die Burg Heinfels über das Pustertal wacht. Er hat mit seinen Kollegen Wolfgang Hantinger und Andreas Kofler das Osttiroler Trucker Treffen organisiert, das hier an diesem Tag stattfinden soll. Schon kurz nach Mittag präsentiert sich der Parkplatz gefüllt mit zahllosen Lkw-Zugmaschinen aus Nah und Fern — manche von ihnen nahmen gar die weite Anreise aus Slowenien, Vorarlberg oder Niederösterreich auf sich, um Teil dieses Festes zu sein. „Meine Freunde aus aller Welt“, wirft Sepp ein, während er stolz am Steuer seines dunkelblauen Trucks sitzt, den er „Dark Viking“ getauft hat.

Die Alltagsperson Josef Herrnegger dürfte nur manchen Einheimischen ein Begriff sein. Anders steht es um den „Wut-Trucker“, wie er vom heimischen Boulevard getauft wurde. Der Wut-Trucker Josef Herrnegger erlangte durch seine Facebook-Kurzvideos, gekennzeichnet durch Schimpftiraden und Appelle an die verschiedensten Ministerien, Ämter und Institutionen landesweit Bekanntheit. Wirklich anfreunden konnte sich Sepp mit seinem neuen „Künstlernamen“ anfangs zwar nicht, inzwischen habe er sich aber damit abgefunden, wie er mir erzählt: „Bei Ladestationen oder auf Raststätten erkennt man mich regelmäßig. Da ruft mich dann natürlich niemand mit Josef oder Sepp. ‚Schau! Des is der Wut-Trucker!‘ trifft es da eher. Aber da muss ich dann selbst immer schmunzeln.“

Sepp klebte mit Tixo ein selbstgebasteltes Schild an die Windschutzscheibe seines Trucks. Darauf steht, wie könnte es anders sein, in dunklen Lettern „Wut-Trucker“ geschrieben. Verziert wird der Schriftzug von rot-weiß-roten Streifen. Inzwischen hat sich das Festgelände in Heinfels auch mit Besuchern gefüllt, die die Trucks begutachten. Sepps Schild zeigt Wirkung, sein „Dark Viking“ sollte fortan eines der beliebtesten Fotomotive sein.

Stolz präsentiert Sepp sein Schild mit der Aufschrift „Wut-Trucker“. Fotos: Dolomitenstadt/Roman Wagner

Dass der Wut-Trucker landesweit erkannt wird, kommt nicht von ungefähr. Seine Videos erzielen enorme Reichweiten. Über drei Millionen Menschen haben sich das erfolgreichste Video angesehen, in dem der gebürtige Sillianer sozusagen live im Cockpit über die mangelnde Disziplin mehrerer Verkehrsteilnehmer schimpft, die keine Rettungsgasse bilden.

Sepp sieht sich mittlerweile als „Sprachrohr“ für andere Verkehrsteilnehmer. „Ich spreche eben das aus, was sich viele denken. Nach jedem Video erreichen mich unzählige Nachrichten von Personen, die sich mit mir solidarisieren.“ Das treibe ihn an, immer wieder neue Videos aufzunehmen. Sein Debüt als wütender Trucker gab der 51-Jährige im vergangenen Jänner, als er sich über die Schneeräumung der Asfinag monierte. „Das kam einfach aus mir heraus. Meine Wut hatte mich veranlasst, dieses Video aufzunehmen“, erklärt Sepp. Bei Aufrufen in Millionenhöhe ist es nicht verwunderlich, dass auch die Asfinag selbst auf dieses Video reagiert hat. Die Autobahnmeisterei habe ihn eingeladen, eine Station zu besichtigen. Dieses Angebot habe er bisher jedoch nicht in Anspruch genommen: „Keine Zeit“.

Sepp gelingt es gut, den Wut-Trucker in sich zu verbergen, wenn dieser gerade nicht gebraucht wird. Er scherzt viel und gerne und auch auftretende Probleme mit der Veranstaltung bringen ihn nicht aus der Ruhe. Seine drei Kinder sind heute ebenfalls zu Gast beim Osttiroler Trucker Treffen. Sepp ist Familienmensch. Seit mittlerweile 27 Jahren rollt er mit tonnenschweren Sattelschleppern über die Straßen Europas. „Früher war ich auch in England und Spanien mit dem Lkw unterwegs“, erzählt er. Inzwischen führen seine Routen in erster Linie durch Österreich, Deutschland und Italien.

Sepp’s Heiligtum – sein „Dark Viking“.

Wenn er mal wieder als Wut-Trucker auf Facebook in Erscheinung trete, dann handle er weniger im Eigeninteresse, als vielmehr im Sinne anderer Verkehrsteilnehmer. „Beim Video über die Schneeräumung zum Beispiel ist es mir vor allem um die Führerscheinneulinge und die betagten AutofahrerInnen gegangen. Für sie kann eine schneebedeckte Autobahn schnell zum Verhängnis werden.“ Auf Herrneggers Facebook-Profil findet man neben den Wut-Videos auch diverse andere Schmankerln, zum Beispiel eine Performance aus der Fahrerkabine im Hans Söllner-Style. „Das hab ich in der Zeit vor den anderen Videos gerne gemacht“, lacht Sepp.

Über das beachtliche Interesse am Osttiroler Trucker Treffen, das dieses Jahr zum ersten Mal in dieser Größe stattfindet, freut sich Sepp besonders. Zahlreiche Trucks, Trucker und Interessierte sorgen für ein rauschendes Fest. In einem Pavillonzelt wird ab den Abendstunden die Osttiroler Band „Vintage Express“ mit ihrem Sound für ausgelassene Stimmung sorgen. „Es ist wirklich Wahnsinn. Wir hatten nicht mit einem derartigen Interesse der Leute gerechnet“, schwärmt der leidenschaftliche Trucker. Über 70 Fahrzeuge präsentieren sich an diesem Tag den Besuchern in Heinfels. So viele Pferdestärken, versammelt auf einem Platz, findet man wohl auch auf einer Autobahn-Raststation nur schwer.

Am Steuer ist der gebürtige Sillianer stets fokussiert – und manchmal auch ein bisschen wütend.

Auch in der Zukunft werden uns noch einige Videos des Wut-Truckers aus Osttirol erreichen, wie mir Sepp versichert, der sich demnächst über einen prominenten Beifahrer in seinem Lastwagen freuen darf. Im vergangenen Juni hatte er in einem Video den österreichischen Verkehrsminister Jörg Leichtfried für seinen Einsatz gegen die Einführung der deutschen Pkw-Maut als Robin Hood betitelt.

In diesem Video warf er dem Bundesminister auch vor, bei der Erhöhung der Lkw-Maut in Österreich, die in diesem Jahr vollzogen wurde, tatenlos zugesehen zu haben. Der Verkehrsminister zögerte daraufhin nicht lange, und wandte sich an den Wut-Trucker. Dieser wird nun von Leichtfried im August auf einer Tour von Wien in die Steiermark begleitet. An Gesprächsstoff während der Fahrt sollte es nicht mangeln, Sepp wird uns im Nachhinein bestimmt auf Facebook über die gewonnenen Erkenntnisse informieren.

Slideshow vom 2. Osttiroler Trucker-Treffen:

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