Alle glauben,
zu Hause tut sich nichts
Alle glauben, zu Hause tut sich nichts
Chryselda und Stefanie zogen aus, um sich zu verwirklichen und kehrten heim, um gemeinsam ein gutes Leben zu führen. Ganz leicht war beides nicht.

Es gibt viele Gründe, um Osttirol zu verlassen. Man geht fort, um zu studieren oder zu reisen, weil gerade ein Jobangebot gekommen ist, oder einfach, weil man raus will. Rückkehrer gibt es auch. Manche kommen nach kurzer Zeit – daheim ist daheim – andere erst nach Jahren, oft mit Ideen und Ambitionen für ein ganz neues Leben in der alten Heimat. Wie leicht oder schwer ist es, in Osttirol nach den Wanderjahren wieder Fuß zu fassen?

Ich treffe mich mit Chryselda Pedarnig und Stefanie Pichler-Pedarnig zum gemeinsamen Kochen und Abendessen. Es ist eine gute Gelegenheit, die beiden zu fragen, wie das so ist mit dem Schritt zurück ins vermeintlich alte Leben?

Chryselda Pedarnig verließ Osttirol nach ihrer Matura am BORG Lienz, um in Wien Tontechnik zu studieren, arbeitete für zehn Jahre in diesem Bereich und hatte gute Perspektiven. Dann kam der Wunsch nach Veränderung und Chryselda studierte Meteorologie. Es folgte ein Jahr Forschungstätigkeit an der Universität Wien und fünf Jahre Arbeit in der operativen Wettervorhersage.

In der Zwischenzeit zog auch Stefanie nach Wien, zuerst nur, um der Fernbeziehung zu ihrer Freundin die Ferne zu nehmen, dann aus Überzeugung. „Anfänglich meinte Stefanie, irgendwann gehen wir doch bestimmt wieder heim, oder?“, erinnert sich Chryselda. „Ich dachte, warum denn heim?“ Aber die Idee setzte sich fest und als sich auch Chryselda reif für eine Rückkehr fühlte … war Stefanie plötzlich zur begeisterten Großstädterin mutiert!

Nicht nur wir haben uns verändert, sondern auch alle anderen. Die Menschen leben ihr Leben, egal wo sie sind. Wieder zueinander finden ist die große Herausforderung.
Chryselda Pedarnig

Heute lachen beide über den wechselseitigen Sinneswandel. Das Paar hörte aber nicht auf, darüber nachzudenken, wie eine Rückkehr wohl sein könnte. Großes Thema war natürlich der Lebensunterhalt. Stefanie hatte in Lienz bereits zwölf Jahre bei der Bank Austria gearbeitet. Diese Berufserfahrung konnte sie in Wien im selben Unternehmen auch gut für ihre Weiterbildung und Führungsqualifikation nutzen. Für Chryselda war klar: Weder Tontechnik noch Meteorologie spiegelten ihren Wunsch nach beruflicher Verwirklichung, zudem sind das nicht unbedingt gefragte Berufsbilder in Osttirol. Das dämpfte die Osttirol-Ambitionen fürs Erste, bis Chryselda eine Ausbildung zur Mentaltrainerin sowie Meditations- und Achtsamkeitslehrerin abschloss.

„Eigentlich passte es dann irgendwie gut. Beruflich ergab sich bei mir eine Möglichkeit in Lienz, wir hätten zu der Zeit sowieso auch in Wien eine größere Wohnung suchen wollen, Chryselda hatte nun mit dem Mentaltraining einen beruflichen Herzenswunsch, den sie unabhängig vom Standort ausüben kann und so wurde dann alles plötzlich konkret,“ erzählt Stefanie Pichler-Pedarnig. Chryselda fügt noch hinzu, was viele Heimkehrer wohl ähnlich spüren: Nach so vielen Jahren in der Großstadt zog es sie einfach wieder hin zur Ruhe, aufs Land, in die Natur – nach Osttirol. Es wurde ihr allmählich zu hektisch, zu laut in Wien.

„Hier gehst du in fünf Minuten zu Fuß zur Arbeit! Diese unfassbare Menge an zusätzlicher Freizeit, die ich in Wien in Straßen- und U-Bahnen verbracht habe und jetzt einfach für mich nutzen kann, das ist Lebensqualität!“, schwärmt Stefanie. Sie nutzt die neugewonnene Freizeit gerade für einen Universitätslehrgang. „Es ist klasse, ich studiere und am Ende habe ich immer noch mehr freie Zeit!“, freut sich die Lienzerin.

Angekommen in der alten Heimat – „Mit einem Rucksack an Erfahrungen und Wissen“.

Und doch: Ist es wirklich nur ein Umzug zurück ins alte Leben, wenn man wieder heimkommt? Ist es überhaupt noch die Heimat, wenn man jahrelang lediglich als Besucher da war? Während unserem gemeinsamen Abendessen diskutieren wir darüber. Die beiden Frauen finden an diesem Abend keine eindeutige Antwort. Sie haben es sich leichter vorgestellt, so viel ist sicher. Man zieht nicht in ein altes Leben zurück, sondern kommt mit einem Rucksack an Erfahrungen und Wissen zurück, der nun auch in der alten Heimat für ein verändertes Lebensgefühl sorgt.

Als sie weggingen, waren sie „junge Wilde“, genossen das Flair der großen Stadt, und bei den Familienbesuchen waren sie hauptsächlich die Töchter und Freundinnen, die endlich wieder mal daheim waren. Aber jetzt sind sie Chryselda und Stefanie, die sich wieder einfinden mussten in den weniger schnelllebigen Alltag in Lienz.

„Natürlich haben nicht nur wir uns verändert, sondern auch alle anderen. Man glaubt immer nur, zu Hause tut sich nichts. Aber das stimmt nicht. Die Menschen leben ihr Leben, egal wo sie sind. Wieder zueinander zu finden, die eigenen Veränderungen mitbringen zu können und die der anderen zu akzeptieren, das ist die große Herausforderung. Vielleicht lebt man anfangs noch in einem anderen Tempo. Aber nach einiger Zeit stellen sich alle wieder aufeinander ein.“ Als Mentaltrainerin sieht Chryselda ihre berufliche Tätigkeit im Osttiroler Raum als spannende Herausforderung und vor allem als wichtiges Angebot für die Osttiroler Bevölkerung.

Inzwischen sind beide Frauen gemeinsam angekommen, in der alten Heimat, doch an diesem Abend schwingt hörbar auch ein bisschen Melancholie mit, eine leise Sehnsucht nach der Anonymität der großen Stadt, den Clubs, den Museen, der Oper, dem Theater … „Aber wie oft waren wir in der letzten Zeit denn wirklich im Konzert?“, schließt Stefanie dann auch diesen Gedanken mit einem Lächeln ab.

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