Sabine Groschup. Foto: Georg Weckwerth

Sabine Groschup. Foto: Georg Weckwerth

Deines Herzens
Nähe
Deines Herzens Nähe
Eine der vornehmsten Aufgaben der Kunst ist der Dialog, der jenseits des Austauschs unverbindlicher Freundlichkeiten Bedeutung erzeugt. Doch welches Verhältnis zum anderen könnte bedeutender sein als die Liebe? – Betrachtungen über die Kunst von Sabine Groschup.

„In diesem Hemd aus grobem Leinen, das sie bei ihrer Einlieferung getragen hat, stand ein Schimpfwort. Was war das gleich?“ Gerade als sie ihr digitales Notizbuch aus der Kitteltasche fischte, fiel es ihr wieder ein: „Hysterische Ziege.“ „Hysterische Ziege?“, fragte die Psychiaterin. Die Frau bewegte ihre Augen. Das war es. So glaubte sie zu heißen.

Man muss sich Sabine Groschups Roman “Teufels Küche”, in dem sogar ein Friseurtermin zum Kriminalstück gerät, schon auf sehr unangemessene Weise erlesen, will man auch hier die bekannten Metaphern des Weiblichen, wie das 19. Jahrhundert, das Zeitalter des technischen Fortschritts sie konzipiert hat, ausfindig machen. Das Image der Künstlerin, die Text und Textil – Jane Austen lässt grüßen! – unauflöslich verbindet und ihre Verletzbarkeit der eigenen Psyche zur Last legt.

Sabine Groschup zählt zu den vielseitigsten Künstlerinnen Österreichs.
Die gebürtige Innsbruckerin malt, fotografiert, filmt und schreibt.

Groschups Romanheldin, die Kriminalkommissarin Merle, aber hält mit einer physischen Narbe, dem sichtbaren Relikt einer Schussverletzung durch einen Liebhaber, der „nur knapp ihr Herz verfehlt“ hat, dagegen. Und auch die Autorin selbst, die Zeichnerin, Malerin, Fotografin und Filmemacherin, der das Nähen und Sticken während der Schulzeit ein Gräuel war, nahm mit ihrer ersten Gestaltung mit Nadel und Faden männlich besetzte Symbole wie die Antoinette, einen 50 PS 8-Zylinder-Flugmotor, auf den Arm: „Das ölige ‚Monster‘ wurde zum liebenswerten, niedlichen Ding.“

Sabine Groschup, 1959 in Innsbruck geboren, studierte zunächst Archäologie und Architektur, bevor sie sich 1982 in die damals noch junge „Meisterklasse für experimentelles Gestalten“ von Maria Lassnig einschrieb und die beiden ersten Animationsfilme im dort eingerichteten Trickfilmstudio realisierte. Die Beziehung zur „alten Profaxin“, als die Lassnig sich 2011 in einem Brief an Groschup selber bezeichnete, blieb auch nach dem Studium eng. „An Maria Lassnigs Werken faszinierte mich immer, dass ihr gelang, in einem Bild zugleich Ernsthaftigkeit, Traurigkeit, Fröhlichkeit und Humor zu vereinen.“

Lassnigs „Kunst der guten und schlechten Gefühle“ (Peter Gorsen), der „Body-awareness“ befreit Groschup jedoch aus dem engen Korsett des weiblichen Körpers und weitet sie in ihren Selbstportraits aus auf die „Self-awareness“, für die es im Deutschen kein passendes Äquivalent gibt, da „Selbstwahrnehmung“ zu kurz greift, „Selbstbewusstsein“ dagegen immer die optimistische Deutung des Eigenen meint und den Zweifel nicht duldet. Wie René Descartes aber scheint Groschup das eigene Sein im Zweifel bestätigt zu sehen und dabei zunächst einmal auf die Unbestechlichkeit optischer Medien, die Spiegelreflexkamera und den Spiegel, zu setzen, in denen Subjekt und Objekt der Wahrnehmung ständig die Seiten wechseln, dabei aber Schatten und völlig körperlos bleiben.

Sabine Groschup beweist Mut zum Anti-Ideal und zum Verzerrten.

Wenn Groschup ihr Spiegelbild mit nassen Haaren im Badezimmer oder im verchromten Toilettenpapierhalter entdeckt und einfängt, beweist sie Mut zum Anti-Ideal und zum Verzerrten. 2012 montierte sie rund tausend Selbstporträts zur eineinhalbminütigen Animation, doch auch die Vielzahl muss die Frage „Wer bin ich – und wenn ja wie viele?“ letztlich unbeantwortet lassen. „Wir sind, was wir sind, durch unser Verhältnis zu anderen“, sagt George Herbert Mead.

Eine der vornehmsten Aufgaben der Kunst ist der Dialog, der jenseits des Austauschs unverbindlicher Freundlichkeiten Bedeutung erzeugt. Doch welches Verhältnis zum anderen könnte bedeutender sein als die Liebe? Beherrscht Kunst den einem Liebesverhältnis angemessenen Dialog?

Für ihre Ausstellung „Auf_Wühlend_Fühlend“ hat die Künstlerin 2889 Bilder auf Briefkuverts zu einer rund achtminütigen filmischen Liebeserklärung an den Liebesbrief mit dem Titel „Lieb Dich“ gestaltet und 213 Taschentücher mit Liebesgedichten bestickt – nach einer Grammatik des mittelalterlichen Franziskanertheologen Ramon Llull, die durch die Kombination von Begriffen und logischen Operationen wahre Aussagen generiert:

In einer dunklen Unendlichkeit
plätschern tausende Geräusche
zugleich und durcheinander
einzeln eingefangen
zerplatzen sie ohrenbetäubend
zwischen den Fingern
in diesen Momenten suche ich
deines Herzens Nähe
und die Melodie der Ruhe.
Credits
  • Autor: Rudolf Ingruber
Ein Posting verfassen

Sie müssen angemeldet sein, um ein Posting zu verfassen.
Anmelden oder Registrieren