Der Krieg kennt kein Erbarmen
Der Krieg kennt kein Erbarmen
Die berührende Geschichte des Kaiserschützen Erich Mayr

Es ist eine Szene, die es eigentlich nur im Roman oder im Film gibt. Eine Frau durchstöbert einen alten Schrank mit Utensilien des lange verstorbenen Großvaters. Er war Zeit seines Lebens ein begeisterter Maler und Zeichner. Zwischen Stiften und allerlei Papieren findet sie einen verstaubten Karton und darin liegen, fein säuberlich geordnet, kleine, vollständig beschriebene Notizbücher, Skizzenhefte, Fotografien und liebevoll gesammelte Erinnerungsstücke.

Waltraud Niederwieser aus Lienz hat genau das erlebt. Sie fand einen Nachlass ihres Großvaters Erich Mayr und hielt eine Dokumentation in Händen, deren Bedeu-tung erst nach und nach sichtbar wurde. Helmut Niederwieser, Waltrauds Mann, kam viele Monate später mit einem mehr als 500-Seiten dicken Buch in die Dolomitenstadt-Redaktion. Titel: „Der Krieg kennt kein Erbarmen. Die Tagebücher des Kaiserschützen Erich Mayr (1913 – 1920)“.

Zwischen beiden Ereignissen liegt für die Nachkommen des 1890 in Brixen geborenen Tagebuchschreibers eine Reise in die Vergangenheit, zu den eigenen Wurzeln aber auch zu einem Stück europäischer Zeitgeschichte, das die Gegenwart Süd- und Osttirols bis heute beeinflusst und in Mayrs Tagebüchern authentisch und sehr berührend festgehalten ist. Der junge Soldat war ein weit überdurchschnittlich begabter Schreiber, Zeichner und Maler, ein sensibler Kreativer, der die Welt um sich sehr wach registrierte, ein wenig kauzig, aber mit großer Neugier.

Seine Tagebücher sind deshalb auch heute noch lesbar und lesenswert. Als die Enkelin ihren Fund einigen Fachleuten präsentierte, war die Dimension des Werkes zunächst nur zu erahnen. Mayr hatte drei seiner vier Tagebücher in der Gabelsberger-Kurzschrift verfasst, die heute nur noch Experten entziffern können. Allerdings wurde an den Datumseinträgen schnell klar, wie akribisch hier der Alltag des Krieges aufgezeichnet war. Und als das einzige in Kurrentschrift verfasste Tagebuch transkribiert war, bestanden keine Zweifel mehr über die Qualität der Aufzeichnungen.

Gabelsberger Kurzschrift
So schrieb Mayr seine Tagebücher.
Erich Mayr | Kaiserschütze von 1913 bis 1920

Im Herbst 2013 erschienen Mayrs Erlebnisse während des Ersten Weltkriegs als umfassende Dokumentation im Universitätsverlag. Verfasserin Isabella Brandauer gelang dabei das Kunststück, bei aller wissenschaftlichen Exaktheit die Persönlichkeit des Tagebuchschreibers lebendig werden zu lassen. Nicht nur Menschen mit Interesse an den historischen Abläufen des Krieges fasziniert der Alltag dieses „kleinen Mannes“, der in einem aus heutiger Sicht fast surreal anmutenden Kriegsszenario niemals aufhört zu schreiben, zu zeichnen und alles festzuhalten, was um ihn herum passiert. Das Tagebuch ist Mayrs engster Vertrauter im Feld und später in französischer Gefangenschaft, so vertraulich, dass er es sorgsam versteckt und hütet.

"Am 23. September abends retteten das liebe Burgerl und ich ein Mädchen, das entschlossen war, ihren Tod in den Wellen des Inn zu suchen. Es wurde bei einer gewissen Familie Draxl in der Innstraße sehr schlecht behandelt. Über diesen Abend ist weiters nicht viel zu berichten, da er mir ohnedies stets in Erinnerung bleiben wird."

So beginnen Mayrs Aufzeichnungen im Herbst 1913. Nach der Schulzeit in Brixen war er als kleiner Beamter an der Finanzlandesdirektion in Innsbruck gelandet, jetzt musste er zurück nach Südtirol, wo er Anfang Oktober in Cortina einrückte, noch durchaus in der Überzeugung, dass er damit eine sinnvolle Pflicht gegenüber dem Vaterland erfüllt.

Der Kriegseinsatz prägt den sensiblen Soldaten. Die anfänglich optimistische Einstellung weicht bald nüchterner Illusionslosigkeit. Im Herbst 1914 hat er noch wenig Verständnis für die Einstellung seines Leutnants, dem jedes Mittel recht scheint, nicht an die Front zu ziehen. Im April 1915 ist der Leutnant tot.

Quartier in Kolomea
Zeichnung aus dem Tagebuch

Mayr notiert am 9. April:

"Während der Nacht ein kurzes Gefecht. Am frühen Morgen kam, nachdem wir schon um halb Drei alarmiert wurden, der Befehl zu einem Angriff auf die russischen Stellungen. Herr Leutnant sprach merkwürdig viel von einer Lieben zu Haus und schlug mir die Bitte, ihn beim Angriff begleiten zu dürfen, rundweg ab."

Der Leutnant fällt, tagelang versuchen die Kameraden, seine Leiche zu bergen. Erich Mayr war in Galizien, in den Karpaten, am Isonzo und an der Tiroler Front. Von besonderem dokumentarischen Wert sind seine Aufzeichnungen aus der Kriegsgefangenschaft in Frankreich, wo er jahrelang auf Nachricht aus der Heimat wartete.

Im Jänner 1920 kommt er nach Hause, mit Tuberkulose und einer schweren Rippenfellentzündung. Er ist vermindert erwerbsfähig und in einer prekären wirtschaftlichen Lage. Was er in Worte und Bilder gefasst hat, auf hunderten von Seiten, ist als Dokument auch und gerade für Ost- und Südtiroler Leser eine ergreifende literarische Verbindung von Welt- und Lebensgeschichte, vom Überleben des Einzelnen, mit allen Sehnsüchten, Hoffnungen und auch Träumen in einer aus den Fugen geratenen Welt.

Zwischen den Kriegen wurde Erich Mayr Vater von drei Kindern und blieb kreativ.

Er verfasste und zeichnete ein Märchenbuch, aber auch eine Familienchronik, die 1938 endet. Auf den letzten Seiten kommentiert er den Kampf um die Freiheit Österreichs gegen das „verhasste Hakenkreuz“ und die „braune Seuche“, dann endet die Chronik: „Mag das Volk auch befehlsgemäß seinen Führern zujubeln – es wird der Tag der Ernüchterung kommen und das Erwachen wird schrecklich sein.“ Erich Mayr starb 1965 im Alter von 75 Jahren in Innsbruck. Sein geliebtes „Burgele“ sollte ihn um neun Jahre überleben.

Der Soldat und sein "Burgele"
Hochzeitsfoto 1918

Eine Skizze aus dem Felde

„Es ist Zeit in den Graben zurückzugehen und sich zu ducken. Schon surrt die erste Granate über unsere Köpfe weg. Noch scheint der Mond, aber es wird auch schon grau im Osten und unsere Tätigkeit ist beendet. Unsere nicht benützten Geräte tragen wir wieder zurück in die Doline und weiter geht’s dem dunklen Waldrücken zu, in dem unser Heim liegt. Wir müssen vorbei an einem Platz mit vielen Feldgräbern. Alles ist zerschossen, den ganzen Weg entlang und man muss sich in Acht nehmen, nicht in einen Granatentrichter hineinzufallen. Der Steig führt uns durch den kleinen Feldfriedhof hindurch. Etwas schimmert da zwischen dem bleichen Kalkstein im bleichen Mondlicht gleich weiß wie die Karstfelsen. Es sind menschliche Knochen. Das Grabkreuz daneben ist umgestürzt und liegt abseits des offenen Grabes. Eine Granate schweren Kalibers ist in die letzte Ruhestätte dieser hier Ruhenden gefallen und hat einen der Armen seinem stillen Grab entrissen, wo er doch hoffen durfte, Ruhe zu finden. Nein, der Krieg kennt kein Erbarmen, …“

Erich Mayr

 

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