Katarina Schmidl in der Wiener Galerie Bildraum07. Fotos: Expa/Michael Gruber

Katarina Schmidl in der Wiener Galerie Bildraum07. Fotos: Expa/Michael Gruber

Der Rhythmus des Alltäglichen
Der Rhythmus des Alltäglichen
Katarina Schmidls Werk schärft die Sinne. Mit großer Achtsamkeit gibt die Künstlerin dem Beiläufigen eine neue Bedeutung und verwebt Wahrnehmungsmuster zu überraschenden Erzählungen.

Kinder besitzen die Fähigkeit, Farben und Formen zu entdecken, wo der erwachsene Blick vorbeihastet und Normalität vermutet. Eine Kreidezeichnung auf dem Boden – die Einladung zum Tempelhüpfen; verstreute Fliesen – wer erreicht das andere Ende des Platzes, ohne je von den Fliesen zu steigen; ein Kanalgitter – wie ein Muss zum Drumherumgehen. Die in der Umgebung sich ergebenden Muster bewirken für Kinder zuweilen einen Rhythmus im Laufen, Springen, Atmen. Man kann ihn sehen und annehmen, oder nicht.

Katarina Schmidl zeigt das Besondere im Alltäglichen, Muster, die wir oft erst auf den zweiten Blick erkennen.

Katarina Schmidl hat sich diese Fähigkeit erhalten. Sie sieht jene Muster und besonderen Formen, die sich anderen erst erschließen, wenn sie darauf hingewiesen werden. Sie erkennt nicht nur das Besondere im Alltäglichen, sondern sie geht in ihren Arbeiten konkret darauf zu. In ihrer aktuellen Ausstellung „Sequenz“ in der Wiener Galerie Bildraum07 ist der erste Hinweis darauf bereits neben der Türe untergebracht, ein kleiner Bildschirm, der mit der Wand verwachsen zu sein scheint und ein kleines Rinnsal in einer Almwiese im Loop zeigt: „Ohne Titel (Troll)“, ein Werk, das bei einem Ausflug mit Schmidls Kindern für diese entstanden ist.

„Als das Kind Kind war“, schrieb Handke einmal

Kindlich ist an ihren Werken dennoch nichts. Lediglich die Freude an Materialien, ihren Möglichkeiten und die Offenheit für das verborgen Schöne lässt auf eine große Offenheit für die kleinen Geheimnisse alltäglicher Begegnungen schließen. Es mag sich um ein abgerissenes Haus handeln, dessen Überreste eine völlig neue Silhouette ergeben, ein Fleckerlteppich an Asphaltausbesserungen – wenn Katarina Schmidl ein Foto davon macht, erwacht die Szene zum Leben und gewinnt eine Leichtigkeit, die man sich nur wünschen kann, selbst öfter zuzulassen.

Am Anfang steht bei Katarina Schmidl dabei das Material, die Form, die Wiederkehr der Begegnung, die zum Rhythmus wird. So erzählt sie Geschichten. Dabei spielt die Position der Künstlerin stets eine wesentliche Rolle, wobei diese präsent oder sehr reduziert sein kann. Reduziert ist ohnehin eines der ersten Worte, das in Schmidls Werk in den Sinn zu kommen vermag, ganz besonders in der aktuellen Ausstellung. Einige wenige Objekte, zum Teil in einem großzügigen Regal untergebracht, einige Plakate an der Wand, ein zweiter Raum mit einer großzügigen Videoinstallation, deren Klang den Besucher durch den Bildraum begleitet.

Reduzieren, um anzuregen

Die absichtliche Reduziertheit ist nur der erste Eindruck, wenn man die Galerie betritt. Schon die ersten Schritte durch die Ausstellung regen die Sinne gleich mehrfach an, und es ist nicht immer klar, ob das Material an sich einen ganz leichten Geruch hat – etwa nach Plastik – oder ob diesen die Geschichte hinzufügt, die man sich selbst erzählt, während man in Katarina Schmidls Formenwelt eintaucht. Der Gummi eines Reifens wird in ihren Händen zu den atmenden Kiemen eines Seeungeheuers – oder ist eine Lunge, das Ohr eines Drachens oder einfach sich wiederholende Formgebung. Der Blick des Betrachters formt mit, darf sich einlassen auf das, was sichtbar ist und das, was unter der obersten Schicht des Materials ebenso wie der Formgebung wartet. Zugegeben, manchmal möchte man ein Werk auseinandernehmen, um zu erfahren, ob der eigene Blick richtig liegt. Doch darum geht es nicht. Die Begegnung mit der Materialform ist das Interessante, nicht das Innenfutter.

Katarina Schmidl und Dolomitenstadt-Autorin Daniela Ingruber.
Die Ausstellung in der Wiener Burggasse ist noch bis 17. Jänner zu sehen.

Wenn man das annimmt, erscheint es wie ein Geschenk, das die Künstlerin ihrem Publikum macht: die Freiheit, sehen zu dürfen, was der Blick im Vorbeigehen erhascht, oder was sich ergibt, wenn er konzentriert, ruhend bleibt. Dementsprechend heißen ihre Werke meist „Ohne Titel“, wenngleich fast immer mit einem Zusatz, der das Material oder ein Detail beschreibt. Das diene der Orientierung, auch der reinen Wiedererkennung, wenn über eine Skulptur geredet wird, sagt sie.

Dieser Achtsamkeit begegnet man in Katarina Schmidls Kunstwerken immer wieder. Erklärungen sind nicht notwendig, denn sie überlässt die Interpretation dann den BetrachterInnen, wenn sie selbst einen besonderen Grund für die Erschaffung eines Objektes hatte. Manchmal aber, so Schmidl, sind Erklärungen doch wieder wichtig, etwa bei den Installationen oder wenn Werke einen sozialpolitischen Hintergrund haben, wie die Auseinandersetzung mit der sogenannten Flüchtlingskrise im Jahr 2015. Es kann aber auch die Fahrt in das Heimatdorf ihres Mannes sein, bei der ihr immer wieder kleine Details auffallen, bis sie sich eben diesen intensiv widmet, wie sie es in der Hauptinstallation im zweiten Raum der Ausstellung gemacht hat.

Ein Weg und seine Übersetzung in Lochkartenklang

Eine Straße, Kurven, geflickter Asphalt, zuerst das Gefühl, man fahre mit einem Auto eine ganz normale Straße durch einen Wald entlang. Je länger man hinsieht, desto mehr entwickeln sich die Bilder zu einem Rhythmus, fließen neue Informationen ein, die Umgebung, Bäume, Wiesen, einzelne Häuser, vielleicht ein Dorf. Die Musik dazu erinnert in ihrer zurückhaltenden und doch eindringlichen Intensität unweigerlich an die Klangbilder von John Cage, stammt aber ebenso von Katarina Schmidl wie das Video. Dabei sieht sie sich keineswegs als Komponistin, sondern der Klang übersetzt den Musterbogen der Straßenausbesserungen in eine Bewegung, die nicht nur das Auge des Betrachters füllt, sondern auch klanglich in das Schauen eindringt.

Katarina Schmidl ist dafür die Flächen, die im Asphalt andersfarbig sind, abgegangen, hat die eigenen Schritte vermessen, geographisch wie rhythmisch, und diese Tempi dann auf Lochkarten übertragen. In einer Drehorgel spielte sie diese Schrittübertragungen ab und zeichnete sie gemeinsam mit einem Tontechniker auf. Der Ton ist dem Video – eine Fahrt über ebendiese Straße – unterlegt. Dass Bild und Ton nicht parallel zueinander verlaufen, bewirkt eine Irritation ebenso wie die Möglichkeit, beim Hinschauen in einen eigenen Rhythmus zu verfallen. Der kann ein Denkprozess sein oder ein meditativer Moment, immer aber sorgt er für Ruhe und Bewegung zugleich, weil Katarina Schmidl ahnt, was man beim Sehen braucht: nie die ganze Information. So weiß sie, dass das Publikum die Drehorgel am Klang erkennt. Ob man diese oder die dazugehörigen Lochkarten ausstellen muss, war zwar im Vorfeld eine Überlegung, doch gerade der Entschluss, diese Werkzeuge wegzulassen, gibt noch mehr Raum für das Eintauchen in den Bildklang.

Teamarbeit, anders gedacht: Respekt vor dem Wissen

So konzentriert auf Augenblicke, Begegnungen mit persönlichen Rhythmen, wie dem eigenen Schritt, oder die lange Beschäftigung mit der Haptik eines Materials auch sein müssten, die Künstlerin hebt im Gespräch immer wieder die sich ergebende Teamarbeit hervor. Sie meint damit nicht unbedingt das Schaffen eines Werkes in gemeinsamer Arbeit, sondern die Begegnungen, die ihr im Laufe des Schaffens passieren. Etwa die Auseinandersetzung mit den Firmen, über die sie ihre Materialien, oft fehlerhafte Tranchen von Strohhalmen, Folien oder Reifenmaterial, erhält. Nicht selten kommen die Firmenleiter dann zu ihren Ausstellungen, um zu sehen, was daraus wurde, erzählt sie.

Es kann aber auch der Austausch mit Fachleuten sein, den sie anspricht, etwa bei der Kunstinstallation, die sie im Mai 2018 in Erinnerung an das Kosakendrama am Drauradweg in Lienz gestaltete. Damals tauchte die Frage nach der richtigen Farbqualität auf Asphalt und der bestgeeigneten Schrift auf. Der Rat einer einheimischen Malermeisterin wurde für Schmidl zur Teamarbeit. Und eben diese sei ihr immer wieder wichtig, weil sie daraus lerne, sagt sie, und weil diese letztlich Einfluss auf die Entstehung des Werkes habe. Das können auch Ameisen sein, wie in einem älteren Video von Schmidl, in dem die Tiere zu den Hauptakteuren wurden, indem sie mit ihrem Verhalten Regie führten.

Für den sich darauf einlassenden betrachtenden Blick wird diese Teamarbeit zu einer ganz seltsamen Berührung des Inneren. Schmidl lädt ein zur Auseinandersetzung mit der eigenen Achtsamkeit im Alltag. Und doch ist da nie ein erhobener Zeigefinger, nie der Druck, etwas begreifen zu müssen, immer aber die Freiheit zu sehen und zu erkennen, ganz für und vor sich selbst.

Credits
  • Autorin: Daniela Ingruber
  • Fotografie: Expa/Michael Gruber
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