Die Schönheit
des Vergänglichen
Die Schönheit des Vergänglichen
Alexandra Kontriner sammelte schon als junges Mädchen gerne, was andere übersahen. Heute macht sie Fragmente der absterbenden Natur zu einer Kunst, die uns an die eigene Vergänglichkeit erinnert und zugleich zeigt, wie nahe die Schönheit und der Tod beisammen liegen.

Alexandra Kontriner sammelte schon als junges Mädchen gerne, was andere übersahen. Heute macht sie Fragmente der absterbenden Natur zu einer Kunst, die uns an die eigene Vergänglichkeit erinnert und zugleich zeigt, wie nahe die Schönheit und der Tod beisammen liegen. Wenn Alexandra Kontriner über ihre Arbeit, ihr Leben und ihre Pläne redet, dann macht sie das mit einem Temperament, das nicht vermuten lässt, wie introvertiert, fast meditativ diese Künstlerin an ihren Bildern arbeitet. Kontriner stammt aus Assling, genauer gesagt aus der Fraktion „Koschtn“, hoch über dem Pustertal, wo sie schon als junges Mädchen gerne sammelte, was andere übersahen oder achtlos zertraten. Hier ein verdorrtes Blatt, da ein toter Käfer oder Schmetterling, vertrocknet und doch faszinierend organisch, bereits zerfallend, aber kurz zuvor noch Hülle für das größte Geheimnis überhaupt: das Leben.

Pirol, 2016 / Wasserfarbe und Bleistift auf geprägtem Büttenpapier, 59 × 42 cm, in Privatbesitz
Zaunkönig, 2015 / Detail, Wasserfarbe und Bleistift auf geprägtem Büttenpapier, 53 × 38 cm, im Besitz der Künstlerin

Damals wie heute kann Alexandra Kontriner so ein Fragment der absterbenden Natur stundenlang betrachten, damals wie heute zeichnet sie diese Fundstücke. Aus der Leidenschaft der frühen Jahre ist Kunst geworden. Dazwischen liegt ein Weg, dessen Richtung vorgezeichnet war. Mit 16 ging Alexandra nach Kramsach an die Glasfachschule, später nach Innsbruck, um Kunstgeschichte zu studieren und schließlich nach Wien, wo sie heute mit ihrem Partner und ihrer dreijährigen Tochter lebt.

Der Künstlerin geht es wie vielen auswärts lebenden Osttirolerinnen und Osttirolern, denen die Gebirgsdörfer ihrer Kindheit Sehnsuchtsorte bleiben, Stätten der Naturbegegnung und Frischluftquelle zumindest so lange, bis die dörfliche Enge der kreativen Inspiration den Sauerstoff entzieht und man schleunigst zurückpendelt in die Gedankenfreiheit der Großstadt. „Ich bin ein totaler Naturmensch“, sagt Kontriner von sich und kommt nach wie vor gerne zurück nach Kosten, vor allem im Sommer. Dann geht sie tagelang auf die „Albe“, macht weite Wanderungen und blickt dabei – wie in den Kinderjahren – aufmerksam auf den Boden und den Wegesrand. Manche Fundstücke dieser Wanderungen nimmt sie mit in ihr „Atelier“, einen kleinen Erker in der Wiener Wohnung.

Und hier, auf Kontriners Arbeitstisch, passiert die erstaunliche Metamorphose, die kreative Wiederbelebung des Absterbenden zu einem bleibenden Eindruck. Kontriners Arbeiten erinnern an die Stillleben des Barock. Auch sie zeigen Blumen im Verblühen und tote Tiere, konfrontieren uns mit der „Vanitas“, der Vorstellung von der Vergänglichkeit und damit letztlich Eitelkeit alles Irdischen. Die Schönheit und der Tod sind nahe Verwandte. Kontriners Lebensgefährte, der Autor Thomas-Roman Eder, beschreibt es so: „Alexandra Kontriner scheint Momente der Vergänglichkeit vor dem endgültigen Vergehen bewahren zu wollen. Sie hebt filigrane Zeugen gewesenen Lebens auf, arrangiert sie, setzt sie in Beziehung zueinander. Die Verletzlichkeit wird als beschädigter Körper, eingerissener Flügel oder fehlender Fühler dargestellt, so als würde etwas nicht mehr Vorhandenes gezeigt oder darüber hinaus gedeutet werden: auf Vereinzelung, Einsamkeit, Verlust.“

Tagpfauenauge, 2014 / Detail, Wasserfarbe und Bleistift auf geprägtem Büttenpapier, 53 × 38 cm, im Besitz der Künstlerin
Färberkamille, 2012 / Wasserfarbe und Bleistift auf Büttenpapier, 100 x 40 cm, im Besitz der Künstlerin

Bisweilen baut sie winzige Embleme in die Körper ihrer Tiere ein, Symbole für Vergänglichkeit, Leben und Tod. Skizzierte Raster und strenge Perspektiven unterwerfen die Darstellung der Natur einer formalen Ordnung und zeigen das Interesse der Künstlerin am Verhältnis von Gegebenheit und Prinzip, Natur und Mensch. Sie gibt der Symbiose Vorrang vor dem Gegensatz.

Betrachtet man Kontriners Bilder, fragt man sich unwillkürlich, wie etwas Totes so faszinierend sein kann, so schön, so ästhetisch und eigentlich gar nicht traurig. Haben diese Bilder etwas Morbides? „Manche schon“, lacht die Künstlerin ganz fröhlich. Erst 2012 präsentierte sie eine kleine Auswahl ihrer Arbeiten der Öffentlichkeit. Nicht alle Vorlagen sind in der freien Natur gesammelt. Kontriner ist Stammgast im Naturhistorischen Museum in Wien, genauer gesagt in der Vogelsammlung, wo ihr die Belegschaft zwischen den Archivschränken ein von Besuchern unbehelligtes Plätzchen zum ruhigen Arbeiten reserviert.

Die Künstlerin braucht nämlich Ruhe, Zeit und die Wirklichkeit, um ihre Werke zu schaffen. Sie malt niemals Fotos ab. „Ich brauche das Tier oder die Pflanze vor mir, muss das Objekt oft sehr lange anschauen, mich hineindenken.“ Vielleicht ist das der Grund, warum am Ende eine Illusion gelingt, das perfekte Spiel mit der ästhetischen Grenze zwischen Bild und Betrachter. Die Darstellung wird plötzlich nicht mehr als Bild wahrgenommen, sondern als das Objekt selbst, das Kontriner unglaublich detailreich in seiner realen Größe malt. Viele Stunden vergehen, bis erst mit dem Bleistift und dann mit Pinsel und Aquarellfarben ein Quadratzentimeter Papier bemalt ist.

Alexandra Kontriner bei der Arbeit in ihrem Atelier, einem kleinen Erker ihrer Wiener Wohnung. Foto: Julia Haimburger

Apropos Papier: Vom nassen Waldboden, von der staubigen Straße holt Alexandra Kontriner die Dinge auf den feinsten aller papierenen Untergründe, auf handgeschöpftes Bütten, dessen Malfläche in einer Radierwerkstatt mit einer Kupferplatte komprimiert wird. So erhält die Künstlerin eine kompakte, glatte, wunderbar edle Oberfläche für ihre feinst strukturierten Miniaturen. Der nicht geprägte Rand des Blattes wird zum Passepartout, das den Inhalt umrahmt.

Für mich sind es mehr als Naturstudien. Ich habe einen Anspruch und gerade erst begonnen.
Alexandra Kontriner

Und so kehrt der tote Falter mit dem zerrissenen Flügel, der eigentlich schon vergangen war, auf wundersame Weise in unsere Wahrnehmung zurück, wie unter einer Lupe, die dem scheinbar Unbedeutenden ganz plötzlich Bedeutung gibt. Alexandra Kontriner nimmt die Dinge ernst, wertet sie auf, mit großer Sorgfalt und Liebe auch zum handwerklich Schönen, zu Haptik und Materialqualität. Ob ihre Kunst auch Anerkennung findet, bei der Kritik, bei Sammlern und Galeristen? Die Künstlerin wirkt fast überrascht von dieser Frage und keine Spur kokett: „Grundsätzlich mache ich es, weil ich das seit jeher machen will. Mir taugt das. Es ist mir egal, wenn manche sagen, das sind Naturstudien. Für mich ist es mehr, ich habe einen Anspruch und gerade erst begonnen.“

Im Sommer, auf der Alm in Osttirol, hat Kontriner nicht gezeichnet, sondern nachgedacht. „Meine Arbeit wird sich weiter entwickeln, da habe ich schon einiges im Kopf.“ Im Jänner 2017 stellt die Künstlerin erstmals in größerem Rahmen aus, jetzt hat sie das Œuvre für eine komplette Ausstellung beisammen. „Ich musste das erst aufbauen, weil ich ja sehr langsam arbeite.“ Sie lacht: „Doch, ich habe Ambitionen! Ich finde es schön, wenn meine Arbeit Interesse weckt.“ Es ist mehr als Interesse. Alexandra Kontriners Bilder sind Einladungen, hinter das Wesen der Dinge zu blicken, die Essenz des Lebens selbst zu entdecken, jene Schönheit des Vergänglichen, die uns immer wieder mahnt: Nütze den Tag!


MEHR
Werkschau und Informationen zur Künstlerin
www.alexandrakontriner.com

Credits
  • Autor: Gerhard Pirkner
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