Auf dem
Russenweg
Auf dem Russenweg

Warum heißt der Weg entlang des Lienzer Schlossbergs zur Hochsteinhütte eigentlich „Russenweg“? Allzu viele Russen werden ihn nicht gegangen sein, dafür umso mehr Einheimische, die den Pfad vor allem dann schätzen, wenn die Temperaturen sibirisch sind, also im Winter.

Dann ist dieser Steig so richtig romantisch und pure Entspannung für Körper, Geist und Seele. Nicht unbedingt sein Anfang, zumindest dann nicht, wenn man – wie die Jungs bei unserem Fototermin – die Hardcore-Variante über die Piste bis zur „Moos“ wählt. Das ist schon Sport, was man hier auf den unteren Hängen der H2000 zeigen kann, da sollten die Felle stramm sein und die Muskeln ebenso, weil der gerade Weg – wie so oft im Leben – recht steil und beschwerlich werden kann. Es geht natürlich auch „hinten herum“, ungefähr dort, wo neuerdings zu allen möglichen und unmöglichen Zeiten die johlenden „Osttirodler“ auf Schienen zu Tal sausen, vom Schloss Bruck über die Flanke des Berges bis zur Moosalmwiese, auf der das Vergnügen erst so richtig beginnt.

Ab hier schnürt man westwärts und retour durch den Winterwald, in langen Kehren und ohne viel Kraftaufwand, der Kopf wird frei, die Gedanken fließen, ab und zu fällt ein Stäubchen Pulverschnee von einem Ast und die Sonne verabschiedet sich ein Weilchen. Sie nimmt den Weg auf der anderen Seite des Berges. Macht aber nichts, immerhin ist es ein Russenweg, den wir gehen, der darf schon ein wenig klirrend, elegisch und schattig sein. Ist ja nicht für immer und umso romatischer, weil man das Gefühl hat, mit den Fellen an den Beinen ganz allein in Richtung Mittelerde zu wandern. Und dann wird’s plötzlich wieder heller, die Bäume lichten sich, der Jungwald lässt die Sonnenstrahlen durch und man spürt, das Ziel rückt näher. Skitourengehen ist ja im Prinzip nichts anderes als Bergwandern im Winter und alle Metaphern, alle Bergsport-Analogien und philosophischen Vergleiche gelten natürlich auch hier.

Man schafft mit eigener Kraft und im eigenen Rhythmus einen Weg, der eigentlich schon das wahre Ziel ist, vor lauter Schönheit und Entspannung, die sein Beschreiten dem Skiwanderer beschert. Und doch ist es gut, wenn am Ende dieses Weges eine Belohnung wartet, in diesem Fall eine der bekanntesten und zurecht meist besuchten Hütten der Lienzer Berge, die Hochsteinhütte. Vor ein paar Jahren wurde sie aus- und umgebaut, sie ist nicht mehr ganz so urig aber immer noch authentisch und vor allem: Es gibt etwas Gutes zu essen! Das kann nicht nur der Russe nach einem langen Weg durch den Winterwald gut vertragen, zusammen mit einem Schnapsl, am besten einem Pregler, dessen Herkunft wir auf Seite 56 ausführlich erläutern. Es sollte bei einem Stamperl bleiben, denn die kilometerlange Abfahrt, die jetzt bevorsteht, ist für jene Lienzer die Skifahren können – also für fast alle – das Beste, was man vor der Haustüre auf zwei Bretteln kriegen kann.

Man fährt – nach einer kleinen Aufwärmpassage im Schlittschuhschritt – die ganz reguläre Hochsteinabfahrt hinunter ins Tal, meist erstklassig präpariert, immer eine Hetz für dynamische Carver und Bolzer, die ihre Schwünge in die Falllinie setzen und die Oberschenkel in Stoßdämpfer verwandeln möchten. Ah, was für ein Vergnügen. Wenn’s nach dem langen Aufstieg beim Runterblatteln schon im oberen Drittel zu brennen beginnt, kann man ja beim „Stern“ einen Einkehrschwung ansetzen, sonst geht’s mit Karacho bis in den Zielhang.

Dort wird noch einmal alles ausgepackt, was man als Skifahrer so drauf hat, immerhin sehen die Sesselliftpassagiere zu. Dann zieht man den letzten langen Schwung in den Zielhang wie einst Alberto Tomba, als der sich um Hundertstel  von Bernhard Gstrein abhängen ließ und tausende Italiener am Fuß des Hochsteins fast ohnmächtig wurden vor lauter Spannung. Apropos Italiener im Zielhang. Wer jetzt noch – oder schon wieder – einen Hunger hat, der findet einen guten Italiener gleich neben der Tankstelle. Da Renzo, prima Pizzeria. Also zack, abkristeln, direkt vor dem Kofferraum des Autos, das geduldig auf dem Zielhang-Parkplatz auf seinen Besitzer gewartet hat.

Jetzt wird endgültig abgeschnallt und wir haben uns einen Grappa verdient. Oder doch einen Wodka? Schließlich waren wir heute schon auf dem Russenweg!

Credits
  • Autor: Gerhard Pirkner
  • Fotografie: Tobias Tschurtschenthaler
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3 Postings bisher
AH-DdF vor 6 Monaten

Der Weg wurde tatsächlich von russischen Gefangenen im 1. Weltkrieg errichtet, da man am Hochstein eine 2. Frontlinie errichten wollte, sollte die Dolomitenfront fallen.

    spitzeFeder vor 6 Monaten

    Höchst interessant - danke für die Information, AH-DdF!

spitzeFeder vor 6 Monaten

Ja, und warum heißt der Russenweg jetzt Russenweg? Das würde mich nach der Lektüre des amüsant geschriebenen Artikels jetzt genau so brennend interessieren wie die brennenden Oberschenkel.