Katharina Löffelmann in ihrem Wiener Atelier.

Katharina Löffelmann in ihrem Wiener Atelier.

I like you
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Katharina Löffelmann ist Mitglied der „Rip off Crew“, einem weiblichen Streetart-Kollektiv in dem sie den typografischen Part übernimmt. Auch als Einzelkünstlerin setzt die Wienerin am liebsten Zeichen. Einige davon leuchten.

Vor exakt einem halben Jahrhundert schätzte Theodore M. Mills die weltweite Zahl der face-to-face-Gruppen, deren Mitglieder einander im Gegensatz zu gesellschaftlichen Großgruppen von Angesicht zu Angesicht kennen, auf ungefähr 5 Milliarden. Das hieß, beim damaligen Stand der Weltbevölkerung von rund 3 Milliarden, dass die Mehrzahl der Erdenbewohner mehreren solchen Kleingruppen angehören musste. Ihr Anwachsen auf das heutige Niveau hochzurechnen, war für den amerikanischen Soziologen eine gewagte, doch grundsätzlich nicht unmögliche Sache der Kombinatorik. Was er damit aber nicht beantworten konnte, war die Frage nach der Entwicklungsdynamik der Gruppen im Zeitalter sozialer Medien und ob nicht vielleicht unter dem Namen „Facebook“ ein groß angelegter Etikettenschwindel betrieben wird.

Aus einer paritätisch zusammengesetzten Gruppe von Menschen z. B. die Frauen herauszurechnen, macht bei Bevölkerungsstatistiken und soziologischen Fragen durchaus Sinn, bei der römischen Kurie oder den Soroptimistinnen eher nicht. Wir können hier aber nach anderen Kriterien filtern, etwa nach Haar- und Augenfarbe, nach Alter, Körpergröße oder Jahreseinkommen. Irgendwann stoßen wir auf eine einzelne Person, die in keine weiteren Merkmale mehr geteilt werden muss, die wir dann in Bezug auf die Gruppe als „Individuum“ erkennen und die innerhalb dieses Referenzrahmens nur mehr sich selber gleicht.

Ob eine 1,63 Meter große, 25-jährige und rothaarige Frau für das Kollektiv von Bedeutung ist, muss jede Gruppe selber entscheiden. Immerhin aber reicht die Beschreibung, um auf einem Gruppenbild der „Rip off crew“ Katharina Löffelmann zu identifizieren. Für ein von der Gruppe gestaltetes Bild aber sind andere Qualitäten gefragt.

Die „Rip off Crew“ mit Linda Steiner, Katharina Löffelmann und Mariella Lehner (von unten) vor ihrem Mural in Lienz ...
... und an einer 300 m2 großen Hauswand im 5. Wiener Gemeindebezirk.

Zusammen mit Linda Steiner und Mariella Lehner gestaltet Löffelmann Murals, Bemalungen von Mauern und Häuserfassaden im öffentlichen Raum, und sie übernimmt dabei bevorzugt den typografischen Part, das Komponieren mit Schriften im weitesten Sinne des Wortes, obwohl die Art des Mit- und Ineinanders, die ihren Charme aus exakter Planung und spontanen Einfällen gleichermaßen bezieht, das Gesamtbild kaum mehr in die einzelnen Spektralfarben aufzuschlüsseln erlaubt.

Folglich sind auch die Auskünfte, die die drei über ihren jeweiligen Anteil an solchen Projekten erteilen, wenig ergiebig. Die Rip off Crew gibt es noch nicht viel länger als ein Jahr, und doch konnte sie mit ihrer Strategie bereits punkten: In Lienz, wo im Juli ihr damals noch größtes, 160 m2 messendes Wandgemälde entstand, dessen Fläche sie allerdings schon einen Monat später im Rahmen des Streetart-Festivals „Calle-Libre“ auf einer Feuermauer in der Mauthausgasse im fünften Wiener Gemeindebezirk beinahe verdoppelten: „Drei Frauen und 300 m2“ titelte „Die Presse“ und war sich sicher: „Es geht gerade rasant nach oben.“ Aber bleibt auch für das künstlerische Individuum noch Luft nach oben?

„Nope“ – Schrift als Medium der Intersubjektivität.
„Modern Icon“ – ein Selbstporträt der Künstlerin.

Katharina Löffelmann kam, nachdem sie 2014 an der „Graphischen“ im Fach Multimedia diplomiert und dann als Werbegrafikerin gearbeitet hatte, auf Reisen nach Kambodscha, Japan, USA und Vietnam erstmals mit Streetart in Berührung. Die Szene in Indonesien, Jakarta und Bali hat sie besonders beeindruckt. Seit zwei Jahren arbeitet sie auf Projektbasis für eine Siebdruckfirma in Wien, hält dort Workshops ab, ist Ausstatterin für einen Gastronomiebetrieb, für den sie auch ihr erstes Leuchtschild gebaut hat, und sie hat 2018 ein Lehramtsstudium an der Akademie der bildenden Künste begonnen. „Und ich mache nebenbei allerhand künstlerische Projekte“, rundet Löffelmann ihre noch junge Biografie ab.

Streetart, Lichtinstallationen und Leuchtschriften sind heute, wenn auch von Amtsträgern und Wächtern der kommunalen Ästhetik noch immer beargwöhnt, keine Provokation mehr. Sie sind längst Mainstream oder wenigstens Mode. Musste Harald Naegli, der Sprayer von Zürich, für seine illegalen Aktionen 1979 immerhin noch sechs Monate absitzen, hatte ein durchaus vergleichbares Kunstwollen der nächsten Generation – Keith Haring, Basquiat – in den USA von Anfang an gute Chancen, Museumswürdigkeit zu erlangen. „Wir haben uns noch etwas getraut“, ist als Vorwurf an die Streetart- und Graffitikünstler von heute daher aus dieser Richtung, „top-down“ sozusagen, nicht mehr ins Treffen zu führen, im Gegenteil: Die überbordende Fülle an Labels macht es jungen Künstlern nicht eben leicht, noch eine unbesetzte Nische zu finden und den gutbürgerlichen Wunsch zu bedienen, den Stein des Anstoßes oder das Objekt der Begierde einem genau definierten Subjekt zuzuordnen.

Genau hier aber, in der Befragung der geschichtlichen Bürde auf ihre Bedeutung für die unmittelbare Gegenwart und die eigene Situation, liegt die Stärke von Katharina Löffelmanns Kunst. In sehr sorgfältig auf den jeweiligen sozialen Kontext abgestimmten Kompositionen, Collagen und Materialkombinationen wird die Schrift wieder zum Medium der Intersubjektivität, des Austauschs von Botschaften zwischen Personen und der Mitteilung von Gefühlen.

„I like you“ von Katharina Löffelmann. Die Installation kann man im Dolomitenstadt-Artshop kaufen!

„I like you“ ist die direkte Abbildung eines Chatverlaufs auf Facebook. Es bedeutet in diesem Zusammenhang mehr als „Ich mag dich“. Das Individuum ist in den sozialen Medien kein Unteilbares mehr, es wird gelikt, empfohlen – und eben geteilt. Aber halt! Heißt „like“ nicht auch „ähnlich“ oder gar „gleich“? Und könnte man „I like you“, wenn auch mit Abstrichen von der korrekten Grammatik, die in solchen Foren ohnehin eine bescheidene Rolle spielt, nicht genauso mit „Ich bin dir ähnlich“, „Ich bin wie du“ übersetzen? Möglich sind solche Assoziationen durchaus, aber gerade dann wird ein simples „Ich mag dich“, zurückgeführt auf seine eigentliche und ursprüngliche Bedeutung, schon wieder zur Kunst.

Katharina Löffelmann im Dolomitenstadt-Artshop

Credits
  • Autor: Rudolf Ingruber
  • Fotografie: Atelier Löffelmann, Simon Baumgartner, Jolly Schwarz
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