Karos
Almwirtschaft
Karos Almwirtschaft
Hoch über dem Defereggental stellt eine Modedesignerin Käse her. Wir haben ihr dabei zugesehen.

Britta kommt aus dem Ruhrpott und trinkt ihren Frühstückskaffee normalerweise nicht um 5 Uhr früh. Dennoch ist sie ausgeschlafen, an diesem wunderschönen Augustmorgen hoch über dem Defereggental. Hier ticken die Uhren anders, ganz anders. Britta aus dem Ruhrpott ist derzeit Sennerin, genauer gesagt Almgehilfin, per Internet engagiert von Karo Baumgartner, der eigentlichen Hüterin der 1.600 Meter hoch gelegenen Alm.

Karos Vater, der Osttiroler „Locationscout“ Leo Baumgartner hätte seine Freude mit der Szene: es ist ein Almleben wie aus dem Bilderbuch und doch echt, mit allen Mühen, die einen früh am Abend müde werden lassen und all den Überraschungen, die die Natur hier oben täglich bereithält. Aber auch mit viel Professionalität und einer Liebe zum Job, die man buchstäblich schmecken kann.

Richtig gefrühstückt wird um 5 Uhr übrigens noch nicht, dafür bleibt keine Zeit. Nur ein großes „Häferl“ Kaffee zum Wachwerden gibt es. Die Frauen bauen das Melkzeug zusammen und schütten die „Abendmilch“ in den Kessel. Es wird nämlich auch Käse produziert auf Karos Alm. Dann geht es in den Stall, Kühe melken und die Kälber tränken. Drei sind noch ganz  klein. Sie sind auch hier oben zur Welt gekommen. „Sowas erlebst du nicht im Ruhrgebiet und vergisst es auch nicht mehr, dein Leben lang.“

Neben Kühen und Kälbern wird Karo Baumgartners Almzoo von zwei Hühnern und Hündin Gaya komplettiert. „Die Tiere geben hier den Rhythmus vor.“

Die Käserei ist Karos Reich, für sie fast eine Art von Meditation. Eine Käsekultur lebt. Sauberkeit ist wichtig, Exaktheit beim Waschen und Rühren. Und Wärme. Die braucht der Käse, um sich zu entwickeln, also wird ihm eingeheizt. „Mit der Zeit bekommt man ein Gefühl“, erklärt Karo, „dann muss man sich nicht mehr strikt an Rezepte und Zeiten halten.“ Es ist schon ihr vierter Almsommer. In den vergangenen Jahren war sie selbst Gehilfin, auf Almen im Piemont, auf dem Stallersattel und im Gailtal. Heuer trägt sie erstmals die Verantwortung und hat Britta zur Unterstützung engagiert, die täglich die Kühe auf die Weide treibt. Man muss den ganzen Tag ein Auge auf das Fleckvieh werfen, damit die Rinder nicht in Richtung Heimat talauswärts joggen. An jedem zweiten Tag marschieren Karo, Britta und Hündin Gaya zu einer Almweide, etwa eine Stunde Gehzeit entfernt. Sie betreuen dort 21 Stück Galtvieh und Jungvieh, das kontrolliert und gezählt werden muss. „Die laufen völlig frei herum. Oft suchen wir lange, bis wir alle beisammen haben.“ Alltag auf der Alm. Ein Alltag ohne Fernseher und Internet. Selbst der Handyempfang funktioniert hier nur mit Einschränkungen.

Sind Kuh und Käse in ihrem Element, haben die Frauen Zeit für ein kräftigendes Frühstück und einen Plausch. Dann geht Britta den Stall ausmisten und Karo widmet sich wieder ihren Milchprodukten im Salzbad. Schnittkäse, Graukäse, auf Anfrage auch Ricotta und Hüttenkäse stellt sie her, dazu natürlich auch Butter, Molke und Buttermilch. Man kann Karos Produkte direkt auf der Alm und bei umliegenden Hüttenwirten kaufen. Mancher Wanderer kehrt nur wegen der Köstlichkeiten ein, Karos Käsekunst hat sich herumgesprochen, bei Gästen wie Einheimischen. „Es ist faszinierend, wie man nur durch Lagerung und Bearbeitung ganz ohne Zusätze aus einem einzigen Ausgangsprodukt so unterschiedliche Sorten machen kann.“ 

Vor keinem Problem, das sich hier heroben stellt, kannst du weglaufen.

Ein guter Käse will verwöhnt werden, er wird geschleudert, gebadet, geputzt und beschriftet, braucht Pflege, Ruhe – und Zeit. Das schmeckt man am Ende des Tages. Karo liebt Käse: „Besonders entscheidend für die Qualität ist das Futter, das die Kühe bekommen“, erklärt die kreative Sennerin, die eigentlich Schneiderin ist. Wer genau hinschaut erkennt an manchem Kleidungsstück der jungen Frau das Ergebnis dieses Talents. „Karamba“ heißt das Modelabel, das Baumgartner gemeinsam mit Grafikdesignerin und Fotografin Ramona Waldner gegründet hat und natürlich in allen Lebenslagen selbst trägt. Die Mode ist wie der Käse – mit viel Geschmack und Liebe zum Detail von Hand gefertigt. Sie passt nicht nur auf den Berg, sondern auch in die Lifestyle-Szene „unten“ in der Stadt. In Lienz kann man die aktuelle Karamba-Kollektion zum Beispiel in der Boutique „La Ola“ kaufen. Für Karo Baumgartner reichen weder Käse noch Mode zum Bestreiten des eigenen Lebensunterhalts. In der kalten Jahreszeit hält sie sich mit unterschiedlichen Jobs über Wasser. Der Rhythmus klassischer Saisonarbeiten passt nicht zu jenem der Tiere auf der Alm.

Meine Motivation sind die Erfahrungen, die ich mache, die Momente mit Tier und Natur.

Diese Tiere und damit wohl die Natur an sich lassen bei Baumgartner dennoch keine Zweifel aufkommen. Wenn sie über die Alm spricht, klingt das nicht nach Beruf. Es ist ganz offensichtlich Berufung, vielleicht sogar Bestimmung: „Der Rhythmus des Lebens wird hier von den Tieren vorgegeben, von der Natur und der Witterung. Du machst, was zu machen ist, weil dir gar nichts anderes übrigbleibt. Alles ist notwendig – und klar. Vor keinem Problem, das sich hier heroben stellt, kannst du weglaufen. Du musst dich damit auseinandersetzen und eine Lösung finden.“ Es ist diese Klarheit, nach der sich Karo in jedem Frühsommer auf das Neue sehnt. Das Leben kann so einfach sein, so reduziert auf das Wesentliche. Vieles, was sonst wichtig scheint, wird auf der Alm scheinbar überflüssig. Strom gibt es zwar, geliefert von einem kleinen Kraftwerk, aber nur für Licht und Käserei. Es gibt kein Warmwasser in der Hütte, keine Dusche und natürlich ist das klassische WC ein Plumpsklo. Ist das ein Lebensmodell? Die Modedesignerin idealisiert ihre sommerliche Lebenswelt nicht, vieles sieht sie durchaus pragmatisch und damit wirtschaftlich: „Während die Marketingorganisationen des Landes unsere Tiroler Almprodukte rühmen, kann man vom privaten Almbetrieb und der Käseherstellung in Wirklichkeit nicht leben. Wir bekommen 12 Euro für ein Kilo Käse und brauchen dafür 10 Liter Milch. Das ist ein Milchpreis von 1,20 Euro pro Liter inklusive Arbeit.“

Deshalb werden die in Tourismusprospekten als romantisch vermarkteten Almen im echten Leben vorwiegend von Pensionisten betreut oder von Menschen, die das Almleben als Teil einer auf den Kern reduzierten Lebensphilosophie betrachten. Karo Baumgartner wünscht sich nicht noch mehr Marketingfolder, sondern eine bessere Förderung, die eine gerechte Entlohnung der Almarbeit ermöglichen würde. Geld bringt sie im Herbst jedenfalls keines heim von der Alm: „Meine Motivation sind die Erfahrungen, die ich mache, die Momente mit Tier und Natur.“

Anfang Oktober ziehen Karo, Britta, Gaya und die Kühe zurück ins Tal. Die Rinder reisen mit dem Traktor, weil ein Fahrweg bis zur Alm hinauf führt. Einen Kopfschmuck will ihnen Karo Baumgartner dennoch basteln: „Als Belohnung für einen guten Sommer.“

Credits
  • Autor: Gerhard Pirkner
  • Fotografie: Ramona Waldner
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