Konrad und die Stogglstecken
Konrad und die Stogglstecken
Konrad Messners Freunde vermuten ihn nirgendwo sonst als in seiner Werkstatt. Dort offenbart sich dem Besucher ein Sammelsurium an Geschnitztem, Gefundenem und Aufbewahrtem. Alles in einem Blick erfassen? Unmöglich!

Raben haben es Konrad Messner angetan. Vor einigen Jahren hatte er sogar seinen eigenen Raben. Er zog ihn auf und schloss ihn ins Herz. Die Nachbarn fanden das weniger erfreulich, denn der Kolkrabe stellte regelmäßig allerhand Unfug an. Raben sind es auch, die Konrads Haus bewachen – selbst geschnitzte. Das Schnitzen nämlich ist seine zweite Leidenschaft.

Seine Freunde und Bekannten wissen das und vermuten ihn nirgendwo sonst als in seiner Werkstatt. Dort offenbart sich dem Besucher ein Sammelsurium an Geschnitztem, Gefundenem und Aufbewahrtem. Alles in einem Blick erfassen? – Unmöglich! Hier gibt es, was irgendwie brauchbar oder auch nutzlos ist, und Konrad Messner zaubert mit einigen Handgriffen kleinere oder größere Kunst-werke daraus. So schnell aber geht das nicht, denn zuerst gibt es ein Schnapserl. „Damit er fertig wird“, sagt Konrad, weil er selbst trinke ja gar keinen Schnaps. Konrad III. – so nennt er sich selbst – scheint das Arbeiten mit Holz im Blut zu liegen. Sein Opa Konrad war Tischler und Vater Konrad derjenige, der das Schnitzen zu einer Art Familientradition machte. Er wurde bekannt für seine Krippenfiguren sowie für seine mystisch anmutenden Wurzelgesichter.

Konrad III. interessierte sich schon als kleiner Bub für alles, was mit Holz zu tun hat. Dementsprechend ist sein Holzschuppen fast so bunt wie seine Werkstatt und Hüterin so manchen Schatzes: Haselnussstecken zum Beispiel. Sie warten dort auf ihre Bestimmung. Konrad Messner macht sie zu etwas, woran sich kaum mehr jemand erinnert: Stogglstecken.

In der Werkstatt von Konrad III. findet man tausende kleine Details, vor allem auch die Einzelsbestandteile der Stogglstecken.

Geht man heute Wandern, begegnen einem fast durchwegs Menschen mit zwei Stecken aus leichtem Metall. Früher war das anders. Man hatte einen Wanderstab, nein, in Oberlienz und Umgebung einen Stogglstecken, in der Matreier Gegend einen Spornstecken, im Oberland nur einen „Bergstecken“.

Der bekannte deutsche Botaniker, Apotheker und Zeitschriftenherausgeber David Heinrich Hoppe (1760–1846) hinterließ dem Stogglstecken sogar ein literarisches Zeugnis. Er erkundete gerne die Lienzer Umgebung. Der Stogglstecken war ihm ein selbstverständlicher Begleiter. In seinem Botanischen Taschenbuch aus dem Jahr 1799, lobte er sowohl sich als auch seinen Stock: „(…) denn ich hatte auf dem gefahrvollen Untersberge das Bergsteigen, und den Bergstock zu führen, gelernet; so daß ich, wie in der Ebene einhergieng, und allemal den Führer weit hinter mich zurücke ließ.“

Er erklärte auch die Handhabung des für ihn wundersamen Hilfsgeräts: „Ein Bergstock ist sehr lang und dick, auch unten mit einem Stachel versehen. Wenn man an einem Berge seitwärts fortschreitet; so setzt man den Stock allemal gegen die Höhe des Berges, niemals gegen die Tiefe. Bei einem möglichen Sturz fällt man aufwärts, niemals unterwärts; und dies heißt, auf eine geschickte Art den Bergstock führen.“

Die zwei Meter langen Haselnussstecken trocknen ein Jahr, ehe sie bereit für die Metallspitzen mit Gewinde sind.
Konrad Messner schnitzt seine Stogglstecken.

Heute ist der Stogglstecken in Vergessenheit geraten. Dabei kommt er in vielen Kulturen seit Jahrtausenden vor. Josef von Nazareth wird meist mit Wanderstock dargestellt, ebenso Moses. Die ägyptischen Götter hatten Wanderstöcke und aus der griechischen Antike kennt man die Darstellungen der freien Bürger mit Stock. Während ihrer Reden in der Agora stützten sich die Begründer der Demokratie nicht auf ein Rednerpult, sondern auf einen Stab und entrissen damit den früheren Gebietern ihr Herrschaftssymbol. Der Stab war Symbol einer gewissen Stabilität, Sicherheit aber auch der Möglichkeit, sich verteidigen zu können und zu wollen. Kirchenväter, Hirten und Jäger hatten solche Stöcke – Letztere bis heute, und das auch in Osttirol.

Konrad Messner schnitzt seine Stogglstecken, weil er um ihren Sinn weiß. Ausgangspunkt ist das biegsame Haselnussholz. Im November werden die Stecken gehackt. Jeder Stab muss zwei Meter lang sein. Da grünes Holz einen Zentimeter pro Jahr trocknet, ist dies die Zeit, bis ein Stecken bereit zur Verarbeitung ist. Die Spitze und die Hülse aus geschmiedetem Eisen bezieht Messner aus Matrei. Er bohrt den Stecken an, dreht den Stift in das Holz, feilt den Stab und passt die Metallhülse an, die mit zwei Schrauben befestigt wird.

Die Metallspitze diente den Jägern und Wilderern früher zudem als Verteidigungsgerät. Auch andere Vorteile gegenüber den zwei modernen Wanderstöcken liegen auf der Hand: die Hebelwirkung für das Eigengewicht, beim Bergabgehen werden die Gelenke entlastet, Sprünge abgefedert und umgekehrt die Oberarmmuskulatur gefordert. „Auch zum Sondieren am Gletscher brauche ich ihn wegen der Gletscherspalten,“, sagt Bergführer Sigi. der Obmann der „Venediger Bergführer“ in Prägraten.

Falls man demnach einem Bergsteiger mit Stogglstecken begegnet, handelt es sich wahrscheinlich um einen der Venediger Bergführer. In ihrem Fall ist es natürlich ein Spornstecken. Er ist zum Erkennungs-zeichen geworden, eigentlich nur zufällig. Mittlerweile gibt es zwar Wanderstäbe aus leichtem Carbon und Glasfiber mit Teleskopierung, doch sie bevorzugen die Haselnussvariante.

Neben Prägratener Bergführern sind es vor allem Jäger und Hirten, die die Kunst beherrschen, sich mit einem Stogglstecken fortzubewegen.

Für Ungeübte ist die Handhabung gar nicht so einfach und birgt eine gewisse Verletzungsgefahr. So geht es: Beim Bergaufgehen wird eine Hand am Stock belassen, die zweite bleibt frei, um sich am Gelände festhalten zu können. Meist hat man beide Hände am schräg gestellten Stock, der so zum verlängerten Arm oder dritten Bein wird. So kann man sich perfekt empor hebeln oder abstützen. Wenn’s nicht gleich funktioniert: Die Venediger Bergführer zeigen gerne wie’s geht!

Credits
  • Autorin: Evelin Gander
  • Fotografie: Miriam Raneburger
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