Musik, die
lacht und weint
Musik, die lacht und weint
Innervillgraten liegt 1.402 Meter über dem Meer und zählt rund 1.000 Einwohner. Fast nirgendwo in den Alpen sind Trauermärsche heute noch so lebendig wie hier. Wann immer jemand aus der Dorfgemeinschaft stirbt – sei es ein stilles Mitglied oder sei es ihr verdienstvollster Vertreter – die örtliche Musikkapelle rückt vollzählig aus, begleitet die Toten mit klingendem Spiel, von ihren Heimathäusern, wo sie aufgebahrt werden, zur Kirche und auf den Friedhof zur letzten Ruhe. Bei jedem Wetter und an jedem Tag der Woche.

„Statt Stillstand in Schmerz und Klage vermittelt der Trauermarsch den Eindruck eines zeremonialen Dabeiseins. Nun gewinnen Blechbläser und Schlagwerk ein Mitspracherecht und die Trauermusik bekommt militärischen Anstrich.“ – Diese Charakterisierung des Trauermarsches im Nachschlagewerk „Die Musik in Geschichte und Gegenwart“ trifft in besonderem Maß auch auf die Trauermusiktradition der Gemeinde Innervillgraten in Osttirol zu, wobei das „zeremoniale Dabeisein“ zum Zeitpunkt des „letzten Weges“ hier nicht nur virtuell (als „Eindruck“) erfolgt, sondern sehr real. „Beim Ableben von Menschen in den Tiroler Bergdörfern war es üblich“, schildern die Innervillgrater Musikanten in einer Projektbeschreibung zum vorliegenden Tonträger, „dass die Musikkapelle den Toten mit Trauermärschen verabschiedete. Die Musiker, alles Laien, ließen im Fall eines Begräbnisses ihre Tätigkeit ruhen oder nahmen sich vom Arbeitgeber frei, um ihre Pflicht in der Gemeinde zu erfüllen. Dabei erwiesen sie dem Verstorbenen mit Trauermärschen, die schon seit Generationen gespielt wurden, die letzte Ehre.“

Diese Praxis ist heute nur noch in wenigen Dörfern des Alpenraumes so lebendig und bedeutsam wie in Innervillgraten. Wenn jemand gestorben ist, wenden sich die Hinterbliebenen an die Musikkapelle und bitten sie, das Begräbnis musikalisch zu umrahmen. Bei jedem Todesfall rückt noch heute die vollständige (!) Besetzung der Kapelle aus, egal an welchem Wochentag. Dabei schöpft die seit 1831 bestehende Innervillgrater Musikkapelle aus einem großen, teils nur handschriftlich niedergelegten Repertoire an Trauermärschen.

Auch heute noch rückt die gesamte Kapelle vollzählig bei jedem Begräbnis aus, an jedem Tag der Woche.
Foto: Eduard Senfter

Ende 2015 erscheint bei Col Legno Music eine exklusive Sammlung dieser Musik. Die auf dieser CD vorgestellten Trauermärsche aus dem Innervillgrater Blasmusikfundus beeindrucken, wenn man sie in einem Stück hört, durch die Wucht ihrer Gleichförmigkeit. Der Trauermarsch ist ein unverkennbares Musikgenre. Heroisch ist sein Gestus und tröstlich seine Wirkung. Wie ein Muster durchzieht die rhythmische Figur aus Viertelschlag, punktierter Achtel, gefolgt von einer Sechzehntel und zwei weiteren Viertelschlägen all diese Stücke. Der B-Teil steht – ebenso wie bei den vorbildhaften Trauermärschen von Beethoven oder Chopin – meist durch seinen lyrischen, melancholischen Ausdruck in einem deutlichen Kontrast zu den marschartigen Eckteilen. Ein Trauermarsch kann einem Trauernden jenen Halt verleihen, den er benötigt, um den geliebten verstorbenen Menschen mit Fassung auf seinem „letzten Weg“ zu begleiten. Ein Trauermarsch hilft Trauer zu lindern. „Für mich ist das Spielen eines Trauermarsches sehr ergreifend“, sagt der Innervillgrater Kapellmeisterstellvertreter und Initiator dieses Tonträgers, Hannes Schett, „ein Trauermarsch kann einem sehr viel sagen. Er erinnert einen an die schönen Zeiten mit den Verstorbenen und oft hilft er auch, Abschied zu nehmen.“

Ein Blick auf die Titelliste zeigt, dass die Musikkapelle Innervillgraten, wenn sie Trauermärsche spielt, vor allem in der österreichischen Blas- und Militärmusiktradition verwurzelt ist. Komponisten wie Rudolf Melusin (1826–1887), August Ritzberger (1872–1943), Erwin Trojan (1888–1957) oder Hans Kliment (1906–2006) sind im ganzen Alpenraum bekannt, Karl Oberthor oder Bernhard Linhart scheinen hingegen eher im regionalen Nahbereich verortet zu sein. Sehr typisch sind auch die Titel der pathosreichen Musikstücke: „Ruhe sanft“, „Abschiedsklänge“, „Nachklänge“, „Der letzte Seufzer“, „Trost in Tränen“ usw. Beachtenswert ist, dass die meisten dieser Werke nicht einfach „aufgelegt“ und abgespielt werden können, sondern immer wieder der Bearbeitung für die jeweils aktuelle Besetzung der Innervillgrater Musikkapelle bedürfen.

„Ein Trauermarsch erinnert einen an die schönen Zeiten mit den Verstorbenen und oft hilft er auch, Abschied zu nehmen.“
Hannes Schett

Zu arrangieren war in der Praxis der Blasmusik immer schon gang und gäbe und kaum jemand weiß das besser als die Innervillgrater aus langer historischer Erfahrung. Zu den schillerndsten Persönlichkeiten des Innervillgrater Musiklebens zählen die beiden „Högger“-Bauern Josef Steidl d. Ä. (1864–1945) und sein Sohn Josef Steidl d. J. (1905–1979). Beide wirkten jahrzehntelang als Kapellmeister. Insbesondere Steidl d. Ä. leistete in dieser Funktion von 1892–1934 wahre Pionierarbeit und wäre, wenn ihm sein Vater eine Kirchenmusikausbildung in Regensburg erlaubt hätte, wohl ein bedeutender Musiker geworden. Er ist mit einem selbstkomponierten „Trauermarsch“ auf dieser CD vertreten. Seine handschriftlichen Erinnerungen „Mein Lebenslauf als Musiker“ (veröffentlicht in den „Tiroler Heimatblättern“ 1983), die bis 1936 reichen, verdeutlichen, wie sehr im dörflichen Milieu persönliches Engagement und Flexibilität erforderlich waren, um eine musikalische Fest- und Feierkultur aufrechtzuerhalten.

Als Organist, Kirchenchorleiter und Kapellmeister bildete Steidl d. Ä. unermüdlich junge Musikanten aus. Viele Musikalien hat er „aus meiner Geldtasche“, wie er öfter betont, für die Kapelle angeschafft und „für Gotteslohn“ bearbeitet. Steidl, der seine musikalischen Kenntnisse neben seinem Beruf als Landwirt vorwiegend autodidaktisch erwarb, war imstande, Schubert-Messen oder Mozart-Opernouvertüren für Blasmusik zu arrangieren. Sein Lebenslauf zeigt auch auf, in welchem Ausmaß die Blasmusik ab Ende des 19. Jahrhunderts aus der lokalen in die patriotische Szene hinüberglitt, bis man selbst für den Kaiser und schließlich für Engelbert Dollfuß als angeblichen „Retter Österreichs“ (Steidl) spielen musste.

Die Trauermärsche der Innervillgrater Musikkapelle (das Foto entstand 1968) sind auf einer exklusiven CD zu hören, produziert von col legno.
Foto: Johann Wiedemair

Josef Steidl d. J. stand seinem Vater als Arrangeur und Komponist in nichts nach. Seine beiden Grablieder „Mein Trost in Tränen“ und „Wie die Glocken düster dröhnen“, die ebenfalls auf dieser CD enthalten sind, unterstreichen den tröstlichen Aspekt der Trauermusik. Diese ist letztlich eine Kulturtechnik zur Bewältigung der Todeserfahrung. „Da mich diese getragenen und harmonischen Klänge immer wieder aufs Neue berühren und in einen emotionalen Bann ziehen, war es mir ein großes Anliegen, diese alten, selten gespielten Trauermärsche für die Nachwelt auf einem Tonträger festzuhalten“, fasst Hannes Schett seine Bemühungen zusammen.

Josef Steidl sen. (1864-1945)
Foto: Archiv
Josef Steidl jun. (1905-1979)
Foto: Archiv

Die Musikkapelle Innervillgraten wurde 1831 gegründet. Die schillerndste Persönlichkeit in der Geschichte der Musikkapelle dürfte wohl Josef Steidl (1864–1945) vulgo „Högger“ gewesen sein. Im Alter von 14 Jahren war er als Es-Klarinettist der Musikkapelle beigetreten, übernahm mit 28 Jahren das Kapellmeisteramt und übte dieses von 1892 bis 1934 aus, wobei er in den letzten Jahren eng mit seinem Sohn und Nachfolger zusammenarbeitete.

Im Jahre 1934 wurde er zum Ehrenkapellmeister der Musikkapelle Innervillgraten ernannt. Er war in Sachen Kirchenmusik auch durch Eigenkompositionen und Arrangements für die Blasmusik tätig. Seine Kompositionen und Nachbearbeitungen diverser Werke großer Komponisten wie W. A. Mozart bereichern auch heute noch das Repertoire der Musikkapelle Innervillgraten.

Von 1935 bis 1974 führte Josef Steidl jun. (1905–1979, Sohn des Ehrenkapellmeisters Josef Steidl sen.) die Musikkapelle Innervillgraten an. Auch dieser tat sich durch viele Eigenkompositionen und Arrangements hervor, die auch heute noch gerne von den Musikanten gespielt werden. Gleichzeitig leitete er den Kirchenchor und spielte bis zu seinem Lebensende die Orgel in der Pfarrkirche St. Martin in Innervillgraten.

Zum Zeitpunkt der CD-Veröffentlichung im Herbst 2015 zählt die Musikkapelle 61 aktive Mitglieder.

Credits
  • Autor: Thomas Nussbaumer
  • Fotografie: Eduard Senfter, Johann Wiedemair
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