Nicht Masse,
sondern Exzellenz
Nicht Masse, sondern Exzellenz
Nicht emsiges Köpfezählen und der Wettlauf um Studentenzahlen machen Lienz zur "echten" Universitätsstadt, sondern das, was eine gute Uni immer ausmacht: Wissenschaft auf hohem Niveau.

Mitte September 2017 rauchten auf Schloss Lengberg im Osttiroler Nikolsdorf ein paar ausgewiesen kluge Köpfe. Moderiert von einer Beratungsfirma und organisiert von UMIT und Uni Innsbruck gingen rund zwanzig Leute – gut die Hälfte war aus Nordtirol angereist – bei einem Workshop einer spannenden Frage auf den Grund: Was braucht Lienz auf dem Weg zu einem attraktiven Universitätsstandort? Am Ende des Tages waren sich die Uni-Dozenten aus Innsbruck und Hall, die Standortmanager und Marketingexperten dies- und jenseits des Alpenhauptkamms erstaunlich einig: Nicht emsiges Köpfezählen und der Wettlauf um Studentenzahlen machen Lienz zur echten Universitätsstadt, sondern das, was eine gute Uni immer ausmacht: Wissenschaft auf hohem Niveau.

Selbst die größten Optimisten rechnen nicht damit, dass tausende bildungshungrige junge Leute die Kleinstadt Lienz in einen Studienhotspot und ein Beislparadies verwandeln könnten. Dazu ist das angebotene Studium einfach zu speziell, selbst im Tiroler Maßstab. Kaum mehr als hundert Mechatronik-Studenten gibt es derzeit im ganzen Bundesland. Die UMIT in Hall und die Leopold-Franzens-Universität in Innsbruck bieten jeweils genau den selben Bachelor-Studiengang an, den man auch in Lienz inskribieren kann. So gesehen schlägt sich die Dolomitenstadt mit derzeit zwölf studentischen Pionieren und neuerdings auch einer Handvoll Doktoranden gar nicht einmal schlecht, speziell wenn man in Rechnung stellt, dass die angehenden Akademiker erst Anfang 2018 ihr eigentliches Quartier im nagelneuen Campusgebäude an der Isel beziehen können.

Für die beiden kooperierenden Universitäten ist das Image ihrer Lienzer Außenstelle bereits vorgezeichnet: Die Dolomitenstadt soll von einem weißen Fleck auf der Wissenschaftslandkarte zu einem recht exklusiven Treffpunkt für Wissenschaftler und Forschungspioniere im Technologiebereich werden, die hier mit Konzentration, viel persönlicher Betreuung und Unterstützung der Wirtschaft an spannenden Innovationen arbeiten. Nicht Masse ist das Thema, sondern Exzellenz.

Quasi als Vorauskommando für dieses Vorhaben schickten die beiden Unis 2016 den jungen Dozenten und internationalen Wissenschaftler Fadi Dohnal ins Osttiroler Bergland. Dohnal ist mit freiem Auge kaum von seinen Studenten zu unterscheiden, doch seine Fachkompetenz und sein internationales Netzwerk sind beachtlich und unbestritten. Der Wissenschaftler studierte Maschinenbau und Technische Physik, promovierte mit Auszeichnung an der TU Wien und arbeitete an Projekten in ganz Europa, den USA und Asien. Gemeinsam mit Martin Pfurner vom Institut für Grundlagen der Technischen Wissenschaften, der ebenso wie Assistentin Julia Außersteiner aus Osttirol stammt, baut Dohnal die Uni-Außenstelle in Lienz auf – unter nicht ganz einfachen Bedingungen. Das Campusgebäude war zum Start des Lienz-Studiums noch nicht einmal in Bau, also schlugen die Studienpioniere ihre Zelte in der lokalen Wirtschaftskammer auf.

Als sich schließlich nur sechs Studenten und eine Studentin als Erstsemestrige einschrieben, bekamen Lokalpolitiker und diverse „Vordenker“ Muffensausen. Sie hatten – aus welchen Gründen auch immer – mit einem Ansturm gerechnet. Zwischen blumigen Sonntagsreden und der akademischen Realität klaffte plötzlich eine unübersehbare Lücke. Man hatte gehofft, dass aus der Lienzer HTL ganze Rudel von Maturanten einfach ein Haus weiterziehen und vor Ort studieren würden. Doch die jungen Leute kehren dem Bezirk wie eh und je den Rücken, um draußen in der Welt nicht nur die Wissenschaft, sondern auch das Leben und die Freiheit zu erforschen.

Die Speerspitze der Mechatronik-Forschung in Lienz: Fadi Dohnal flankiert von den Dissertanten Mariusz Zamojski (links) und Wolfgang Hörtnagel.

„Uns hat das nicht wirklich überrascht. Wir rechnen, wenn der Betrieb erst läuft, eher mit dem Zuzug von Studierenden aus Kärnten und Südtirol, aber auch aus Deutschland, wo das gebirgige Osttirol einen gewissen Reiz ausübt“, erzählt Fadi Dohnal bei einem Rundgang mit Studierenden über die Campus-Baustelle, auf der im Spätherbst 2017 noch Hochbetrieb herrscht. Das Land Tirol spendiert dem Bezirk einen architektonisch reizvollen Prestigebau auf Stelzen. Dessen Seminar- und Laborräume werden nicht nur von den Universitäten genutzt, sondern auch von der HTL, dem Polytechnikum und einer Berufsschule am Standort. Diese Integration von vier Bildungsebenen gilt österreichweit als Vorzeigemodell, weil sich in einem Haus Studierende, Doktoranden, Lehrlinge, angehende Handwerksmeister und HTL-Schüler begegnen und auch fachlich austauschen können, was vor allem für die Schulen eine neue Qualität bedeutet. Hier können junge Menschen in einer bislang forschungsfernen Region schon während der Schul-zeit hochkarätigen Experten über die Schulter schauen.

Einer von ihnen ist Mariusz Zamojski. Der immer gut aufgelegte Mann aus Masuren im Nordosten Polens passt vielleicht nicht ins Klischee vom typischen „Lienzer Studenten“, wie es die Politiker gerne zeichnen. Dafür freut sich der Osttiroler Technologiebetrieb iDM in Matrei umso mehr über Zamojskis zweite akademische Karriere. Ein abgeschlossenes Maschinenbau-Studium hat der Familienvater, der von Nordpolen über Deutschland und Kärnten nach Osttirol kam, nämlich schon in der Tasche. Als er von der Chance erfuhr, in Lienz ein Forschungsprojekt zu beginnen, bewarb sich Zamojski um einen Platz im Doktoranden-Kolleg, wurde gecastet und für gut befunden. Jetzt schreibt er unter den Fittichen von Fadi Dohnal eine Doktorarbeit über die nächste Generation von Wärmepumpen, die in der Entwicklungsabteilung von iDM heranwächst.

iDM-Entwicklungsleiter Christoph Bacher erklärt, warum die Kooperation mit der Universität Sinn macht: „Wir sind ein stark wachsendes und forschungsorientiertes Unternehmen. Zum einen suchen wir neue Ansätze zur Regelung des Kältekreises. Das geht über maschinelle Themen hinaus und tief hinein in den Bereich der Digitalisierung. Wir sitzen auf Bergen von Messdaten, aus denen wir neue, allgemein gültige Algorithmen entwickeln wollen. Das hilft uns, nicht nur Wirkungsgrade zu verbessern, sondern auch die Entwicklungszeit für neue Geräte zu verkürzen. Das Schlagwort dazu heißt: Time to Market.“ Drei Jahre hat Mariusz Zeit, um seine Dissertation, betreut von Fadi Dohnal und eingebettet in ein Doktorats-Kolleg, fertigzustellen. Er bekommt einen fixen Arbeitsplatz im neuen Campusgebäude an der Isel in Lienz, tauscht sich virtuell mit Fachleuten in aller Welt aus und kann gleichzeitig die technische Infrastruktur von iDM nutzen.

„Wir sind auch an einigen anderen Forschungsprojekten beteiligt, da sitzen die Akteure verstreut in ganz Europa“, erzählt Christoph Bacher. Im konkreten Fall sei geografische Nähe aber ein entscheidender Vorteil. Mariusz Zamojski erläutert, warum: „In meiner Arbeit geht es um die Regelung thermodynamischer Systeme. Du kannst ein Gerät ein- und ausschalten. Das ist die simpelste Variante. Wir arbeiten aber an sehr hochentwickelten Methoden der Regelung. Was bisher statisch bestimmt wurde, soll künftig in das Gedächtnis der Maschine eingepflanzt werden. Die Geräte werden ihren Wirkungsgrad dann sozusagen selbst optimieren.“ Für seine Forschung braucht Mariusz nicht nur viel theoretisches Wissen, sondern immer wieder praktische Tests am Gerät selbst. Deshalb stehen ihm die Prüfstände in der Entwicklungsabteilung von iDM für seine Arbeit zur Verfügung. Ein kurzer Anruf genügt und schon eine Stunde später kann der Wissenschaftler mit den Fachleuten in Matrei seine Erkenntnisse diskutieren, bewerten – und testen.

Mariusz Zamojski und iDM Entwicklungsleiter Christoph Bacher bei einem Testlauf in der Kältekammer des Technologiebetriebes.

Bessere Produkte schneller in den Markt zu bringen, dadurch mehr Wettbewerbsfähigkeit zu erzielen und ein entsprechendes Wachstum des Unternehmens abzusichern – das ist die Relevanz, die Forschung aus der Sicht von Bacher, Dohnal und Zamojski hat. Der Zuwanderer aus Polen trägt, einfach ausgedrückt, als Wissenschaftler an der Uni Lienz zur Schaffung hochwertiger Arbeitsplätze in Osttirol bei. „Schreibt, dass wir laufend intensiv nach gut ausgebildeten Mitarbeitern suchen“, bittet mich der iDM-Entwicklungsleiter. Er sieht im Bezirk weniger einen Mangel an Arbeitsplätzen, als einen Mangel an gut ausgebildetem Personal. Das zeichne sich als Problem der Zukunft ab: „Wir wollen weiter ausbauen und brauchen dringend mehr gute Leute. Das betrifft nicht nur iDM, sondern auch viele andere Unternehmen in der Region“, erklärt Bacher.

Mariusz Zamojski ist nicht der einzige Wissenschaftler am noch jungen Forschungsstandort Lienz. Auch ein echter „Heimkehrer“ erhält einen Arbeitsplatz im neuen Campusgebäude. Wolfgang Hörtnagel stammt aus Assling, hat an der TU Graz Elektrotechnik studiert und ist wieder nach Osttirol zurückgekehrt, als sich die Chance auf eine wissenschaftliche Karriere bot. Seine Kenntnisse kommen einem anderen Vorzeigebetrieb in der Region zugute: Liebherr. Auch der größte Arbeitgeber des Bezirks arbeitet aktiv mit der Uni-Außenstelle in Lienz zusammen. Das Doktoratskolleg soll noch im Laufe des Wintersemesters auf insgesamt fünf Dissertanten anwachsen.

Hans-Peter Schröcker, Studiendekan an der Fakultät für technische Wissenschaften in Innsbruck und gleichzeitig Sprecher des Doktoratskollegs Mechatronik Lienz der UMIT und Uni Innsbruck, freut sich über das zarte, aber wachsende wissenschaftliche Pflänzchen in Osttirol: „Mit der Einrichtung des Doktoratskollegs wollen wir die Interaktion zwischen dem Campus Technik Lienz und der regionalen Industrie in Osttirol weiter stärken. Von der Bearbeitung herausfordernder industrieller Forschungsfragen im Rahmen eines interdisziplinären und vernetzten Teams werden sowohl die beteiligten Firmen als auch die Universitäten profitieren.“

Beim Forschen kommst du an den Punkt, wo du anstehst und dich ausgebrannt fühlst. Dann musst du die Batterien neu aufladen. In dieser Umgebung kann man genau das sehr gut meistern.
Mariusz Zamojski

Ein wichtiger Aspekt sei außerdem, dass sich das Doktoratskolleg positiv auf das Bachelorstudium Mechatronik am Campus Technik Lienz auswirken werde: „Die Bachelorstudierenden werden frühzeitig engen Kontakt zu angewandter industrieller Forschung haben. Dadurch schaffen wir eine gesunde Balance zwischen akademischer Grundausbildung und wissenschaftlich hochwertiger Forschung, die schließlich das Wesen einer Universität ausmacht“, erklärt Schröcker. Er war ebenso wie weitere führende Köpfe der Universität Innsbruck und der UMIT beim Zukunftsworkshop für den Studienstandort Lienz dabei. Unter Experten war man sich auf Schloss Lengberg weitgehend einig: Lienz hat das Potenzial für eine neue, sehr spezifische Forschungsqualität, von der nicht nur der ländliche Raum und die dort angesiedelten Unternehmen profitieren, sondern auch die Träger des dezentralen Studiengangs, also die Universitäten selbst. Sie wollen den kleinen Campus in der Dolomitenstadt als Außenposten für tatsächlich pionierhafte Aktivitäten etablieren.

„Es tut auch den Forschern in der Stadt ganz gut, einmal in die Berge zu kommen“, lacht Fadi Dohnal, der – trotz Höhenangst! – den gebirgigen Wohn- und Arbeitsort mit seiner Familie bereits ins Herz geschlossen hat. Schon 2018 planen Uni Innsbruck und UMIT den Start von zwei- bis dreiwöchigen interdisziplinären Blockveranstaltungen in Osttirol. Dazu würden mehrere Teams aus unterschiedlichen Fakultäten außerhalb ihrer Institute in der inspirierenden Natur Osttirols zusammentreffen, um gemeinsam an Forschungsprojekten zu arbeiten und ihren Horizont zu erweitern. Auch temporäre Summer- und Winterschools, wissenschaftliche Weiterbildung für Manager und flankierende Module wie Klettern oder Kunst sind bereits in Diskussion.

Für Mariusz Zamojski aus Polen ist der Forschungsstandort Osttirol längst auch Heimat geworden: „Es ist doch wunderschön. Ich sehe meine Landsleute, die im Winter zum Skifahren kommen. Als Zuwanderer ist das für mich etwas Besonderes, hier zu leben und zu arbeiten.“ Neben Lebensqualität findet Mariusz auch Inspiration: „Beim Forschen kommst du immer an den Punkt, wo du anstehst und dich komplett ausgebrannt fühlst. Dann musst du die Batterien neu aufladen, musst dich um hundertachtzig Grad drehen und wieder neu aufstellen. In dieser Umgebung kann man genau das sehr gut meistern.“


Mehr Informationen unter
www.campus-technik-lienz.at

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