Sagenhafte Comics
Sagenhafte Comics
Andi Unterkreuter lässt alte Sagen aus Osttirol in neuen Bildern aufleben und zeigt in seinen Comics die Kunst der ironischen Erzählung in zeichnerischer Verdichtung.

Wenn man Andi Unterkreuter gegenüber sitzt, hat man nach einiger Zeit das Gefühl, dass er Teil seiner eigenen Figurenwelt ist. Vielleicht macht das den guten Comic-Zeichner aus, vielleicht muss er irgendwann eins werden mit den Geschöpfen, die er zunächst erschafft, dann zum Leben erweckt und schließlich durch dieses Leben begleitet. Wie immer, wenn ein Pinsel oder Stift im Spiel ist, fokussieren wir als Betrachter auf das Sichtbare. „Das ist gut gezeichnet,“ hört Andi Unterkreuter immer wieder, eine Reaktion, die er einkalkuliert. Zum Lachen sind seine Comics nämlich selten. „Meist sind meine Geschichten knalldüster. Deshalb halt ich den Leuten ein optisches Zuckerle hin.“

Das Gespräch mit dem Lienzer wird zum Gedankenspaziergang durch eine dramaturgische Welt, die der Comic-Normalverbraucher nie betritt. Unterkreuter, der in den letzten Jahren als Müllsortierer gearbeitet hat, ist nicht nur ein toller  Zeichner, er ist vor allem ein Meister der hintergründigen Bilderzählung, einer Kunstform, deren Unterstatement so groß ist, dass sie als Kunst fast unsichtbar wird. Ganz ehrlich – wer von uns hält Comics für Kunst? Dabei sind Comics Erzählungen mit äußerst verdichteter Dramaturgie. Die Fantasy- und Actionfilme der Gegenwart haben die Comic-Ikonen der dreißiger Jahre in den Fokus einer neuen Generation gerückt, als Bildwelt der unbegrenzten Möglichkeiten, in denen Captain America und Hulk nicht einfach die Welt retten, sondern für dieses Unterfangen Ressourcen einsetzen, die nur durch die Phantasie ihrer Schöpfer begrenzt werden. Andi Unterkreuter ist Zeichner und Erzähler mit weit gesteckten Phantasiegrenzen. Sein Kopf ist voller Geschichten, die den Weg nach draußen suchen. Das war schon immer so, schon in der Zeit, als er noch jung und Angestellter der Stadt Lienz war, im Kulturamt, damals geleitet von Gerhard Wassnig, einem Künstler.

„Am Anfang willst du nicht Comiczeichner sein, sondern Künstler und dann orientierst du dich an Leuten, von denen du glaubst, dass sie Künstler sind,“ erzählt er. Naheliegend war die Literatur. James Joyce Ulysses (mittlerweile als Comic veröffentlicht!), Hubert Selbys „Letzte Ausfahrt Brooklyn“, Wolfgang Borchert und Thomas Mann – Andreas Unterkreuter las viel und zum Teil auch Sperriges mit Faszination. „Wie diese Schriftsteller in ganz kleinen Einheiten, auf einer Seite zum Beispiel, so viel Emotionen, soviel Plastizität, soviele Charaktere beschreiben, das hat mich fasziniert und interessiert. Ich hab mich gefragt: Wie machen die das? Durch Weglassung? Durch Wortwahl? So bin ich zum Visuellen gekommen. Ich wollte zuerst Filme machen, habe aber gemerkt, dass man dafür mehrere Leute braucht. Und ich bin ein Mensch, der gerne alles selber macht.“  Also wurde Andi Comiczeichner.  Alles was er kann, hat er sich selbst beigebracht, hat die großen Meister seines Genres studiert. Burne Hogarth war einer dieser Meister, er hat die Tarzan-Comics der fünfziger Jahre gezeichnet.

"Es hat 10.000 Stunden gedauert, bis ich so zeichnen konnte wie heute. Nach 5.000 Stunden habe ich die ersten Aufträge bekommen."
Andreas Unterkreuter

Wichtigster Impulsgeber für Unterkreuter war aber Scott McCloud. „Er hat alles zusammengefasst, was die Zeichner vorher intuitiv gemacht haben. Ab wann ist etwas ein Comic? Wann nur eine Aneinanderreihung von Bildern. Es gab Riesendiskussion in den neunziger Jahren. McCloud hat bewiesen, dass es Kunst ist.“ Mit einigen Büchern im Gepäck und einer fixen Idee im Kopf kündigte Unterkreuter seinen sicheren Job bei der Stadt Lienz und ging nach Wien. Er wollte nicht  Beamter sein, sondern Comic-Künstler. Dafür ließ er alles stehen und liegen und hat nur noch gezeichnet, gezeichnet, gezeichnet. „Es hat 10.000 Stunden gedauert, bis ich so zeichnen konnte wie heute. Nach 5.000 Stunden habe ich die ersten Aufträge bekommen.“

Erst nach fünf Jahren des Zeichnens beschließt Unterkreuter, seine Arbeiten der Kritik auszusetzen und sucht sich dafür gleich einen Meister aus: „Ich hab Harald Havas angerufen, meines Erachtens der Wichtigste in der Wiener Szene. Ich hab alle Harald Havas im Wiener Telefonbuch durchtelefoniert und mich vorgestellt.“ Der Meister meinte:  „Deine Arbeiten sind gut, aber ich sag dir eines, leben kann man von Comics nicht“. So kam der Osttiroler, der die Aufnahmeprüfung an der Grafischen nicht geschafft hatte, dennoch in den inneren Zirkel der Wiener Zeichnerelite. „Alle waren begeistert. Aber mich hat das eher verunsichert.“ Und die finanziellen Prognosen trafen ein. Aber wirtschaftlicher Erfolg ist ohnehin kein Anspruch, den der Zeichner an sich und seine selbstgeschaffenen Phantasiegeschöpfe stellt. Er lebt mit und nicht von seinen Figuren. Wie sollte er seinen systemkritischen Helden oder Sinella, dem Pin-up-Girl in der Hölle übel nehmen, dass sie kein Geld verdienen? Darum geht es nicht in seiner Welt.

Jahrelang hat Unterkreuter nach seiner Rückkehr nach Osttirol Müll sortiert, mit der ihm eigenen Gelassenheit und einem Schuss Aussteigerromantik: „Man muss dem kapitalistischen System seinen Tribut überweisen, aber außerhalb dieses Systems bin ich frei.“ Diese Freiheit nimmt sich Unterkreuter auch künstlerisch in einem Projekt, das er gemeinsam mit dolomitenstadt.at realisiert. Mit der Popularität von Comicverfilmungen sind Comics präsenter als je zuvor. Gleichzeitig eröffnen Graphic Novels neue Möglichkeiten der Beschäftigung mit sozialen Praktiken und kollektiver Erinnerung. Und hier kommt Andi Unterkreuters künstlerische Subversion ins Spiel, seine verschmitzte und zugleich radikale Art der Auseinandersetzung mit dem Lieblingsthema vieler Osttiroler Künster: der eigenen Heimat.

Was Christoph Zanon, Gerold Foidl, Johannes Troyer und andere heimatkritische Autoren literarisch abarbeiteten, nimmt Unterkreuter als zeichnender Erzähler mit scheinbar leichter Hand in Angriff: das schwierige Thema der Osttiroler Identität, an die sich der Zeichner auf einer zunächst unverdächtig wirkenden Ebene annähert. Unterkreuter zeichnet in einer Kooperation mit dem Dolomitenstadt-Verlag Osttiroler Sagen – als Comics! Das ist zum einen ein vergnügliches Unterfangen, schließlich sind Sagen ein Archetyp dramaturgischer Unterhaltungskunst, mit allem, was man für einen echten Thrill so braucht, Monster und Übersinnliches, Gefahr und überraschende Wendungen.  „Meine Lektorin hat gesagt, bist du deppert, gehst du jetzt auf die Edelweißschiene? Aber das ganze Klischee, das wir von dieser Sagenwelt haben, ist doch Blödsinn. Die Jungen schauen sich Mysteryfilme an – die wollen eine Mystifizierung der Umgebung. Ein Berg ist unheimlich, ein Baum ist unheimlich.“

Andi Unterkreuter zeichnet seine Comics mit der Hand und scannt die Figuren erst zur Nachbearbeitung auf dem Rechner ein.

Es ist aber auch eine Gratwanderung am Rand eines Abgrunds, den die Osttiroler Seele entweder nicht sehen oder nicht als Gefahr erkennen will. Unterkreuters Sagengestalten geistern nicht durch eine fremde, längst versunkene Mittelalterkulisse, sie begegnen uns im Heute, wie Geister, die wir nicht loswerden. Etwa in den „Feuerbunzen“, einer klassischen Irrlichter-Sage, die in Unterkreuters Interpretation nicht nur ein junges Pärchen an den Rand des Wahnsinns bringt, sondern  auch ein Schlaglicht auf die Smartphone-Generation wirft.

Gleich nach Ostern wird der erste Osttiroler Sagen-Comic von Andi Unterkreuter auf dolomitenstadt.at zu sehen sein. Acht bis zehn weitere Episoden zeichnet der Künstler im Laufe des Jahres in einem visuellen und erzählerischen Experiment, auf das sich unsere Leser schon jetzt freuen dürfen.

Auf dolomitenstadt.at interpretiert der Zeichner Osttiroler Sagen als Comic.

Der ebenso verschmitzte wie tiefsinnige Müllmann und Arbeiter, der Exbeamte und Exwiener, der bescheidene Querdenker hält uns einen Spiegel hin und fragt zugleich: „Was siehst du?“ Die Antwort geben wir uns selbst. Manche spüren bei den Comics des Leisachers gar nichts, anderen fällt dazu nur ein Wort ein: genial.

Credits
  • Autor: Gerhard Pirkner
  • Fotografie: Marco Leiter
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