Ausstellung GRENZEN|LOS. VON TRENNLINIEN UND ÜBERWINDUNGEN im Museum Schloss Bruck. Foto: Wolfgang C. Retter

Ausstellung GRENZEN|LOS. VON TRENNLINIEN UND ÜBERWINDUNGEN im Museum Schloss Bruck. Foto: Wolfgang C. Retter

Von Trennlinien und Überwindungen
Von Trennlinien und Überwindungen
Ein Gespräch über reale und imaginäre Grenzen mit Eleonora Bliem- Scolari, Kuratorin des künstlerischen Segments der aktuellen Ausstellung auf Schloss Bruck und Künstlerin Margret Wibmer, die im Rahmen der Schau das Videokunstwerk „Material Encounters“ vorstellt.

Ein monumental aufgeblasenes Pressefoto am Eingang zur Ausstellung GRENZEN|LOS. VON TRENNLINIEN UND ÜBERWINDUNGEN im Museum Schloss Bruck: Landeshauptmann von Südtirol, Luis Durnwalder, und der Bezirkshauptmann von Lienz, Herbert Kunz, entfernen anlässlich des Schengener Abkommens am 1. April 1998 den Grenzbalken in Arnbach. Das Bild gibt den Auftakt zu einer Erzählung, die sich durch die weiteren Räume spinnt: „Nach einem Jahr, in dem die Grenzen persönlicher Freiheit hautnah erfahren wurden“, heißt es im Text zur Ausstellung, „wird auch sozialen Grenzen – wie dem Kampf um weibliche Selbstbestimmung – und Fragen nach Grenzen in der Kunst ein Platz gegeben.“ Wir haben dazu die Kuratorin des künstlerischen Segments, Eleonora Bliem-Scolari und die in Amsterdam lebende Künstlerin Margret Wibmer befragt.

Die Besucherinnen und Besucher dieser Ausstellung werden anfänglich mit nationalstaatlichen Entwicklungsprozessen konfrontiert. Foto: Wolfgang C. Retter

Eleonora, wie fügt sich die Kunst in das Gesamtkonzept ein?

BLIEM-SCOLARI: Die Besucherinnen und Besucher dieser Ausstellung werden anfänglich mit nationalstaatlichen Entwicklungsprozessen konfrontiert, die im Darstellungsverlauf historisches Bewusstsein einfordern. Der Grenzbalken mutet tatsächlich wie ein in den Raum gestelltes Klischee an, das in unser aller Gedächtnis als tradiertes Muster längst übernommen wurde. Mit ähnlicher Vehemenz, wie Grenzverschiebungen und Länderteilungen die Jahrhunderte bewegen, sind säkulare und klerikale Machtstrukturen Teil unseres sozialen und kulturellen Bewusstseins geworden. 

Der als grenzenlos einzustufende Diskurs um die Wertigkeit der Geschlechter wird außerdem auch für die nächsten Generationen — und das unabhängig von deren Nationalität — keinen Konsens finden, also nicht gelöst werden.

Was bedeuten nun jene imaginären Grenzen, die ebenfalls nicht selten entstehen, wenn es um das Verständnis für ein Kunstwerk, eine künstlerische Äußerung geht? Ich weiß, hier in diesem Rahmen führt nur ein Raum als Ausklang dorthin, um die Idee und die Hinterfragung von künstlerischen Konzepten und deren Offensichtlichkeiten vorstellen zu können. Es ist der letzte Raum, in dem das Bewusstsein, eine Grenze mit persönlicher Offenheit und dem Zugeständnis künstlerischen Denkmustern folgen zu wollen, überschritten werden muss. Es wird, wie bei territorialen Barrieren, jeder Mensch angehalten, Platituden zu hinterfragen und sich in eigenwilliger Absicht dem Kunstobjekt zu nähern. 

Eleonora Bliem-Scolari ist eine der Kurator:innen der Ausstellung GRENZEN|LOS auf Schloss Bruck. Foto: Brunner Images

Insgesamt sind fünf Künstlerinnen und Künstler in einem Raum mit jeweils nur wenigen Werken vertreten: Warum gerade diese?

BLIEM-SCOLARI: Wenn man den Raum betritt, fällt sofort auf, dass eine schräg positionierte Wand eine Teilung vornimmt, die das Gehverhalten und insbesondere das Sehverhalten der Besucherschaft auf das Konzept des „Kunstraums“ hinführen soll. Nicht wegen des genealogischen Osttirol-Bezuges sind die drei Kunstschaffenden Margret Wibmer, Fritz Ruprechter und Maria Köfler zueinander in Beziehung gestellt, sondern sie verbindet in ihrer doch großen Unterschiedlichkeit vor allem die Konzentration auf das Stoffliche, das in Musterfolgen daherkommt, und das mit dem Kalkül der prozesshaften Wiederholung. Das gewohnt Haptische wird auf Papiere, auf Stoffe oder auf elektronische Medien transferiert und mehrschichtig auf das jeweilige Trägermedium übertragen.

Jener Aspekt der Mehrschichtigkeit, der in den Arbeiten der drei Kunstschaffenden erkennbar ist, fordert gleichzeitig aber auch variierende Sichtdistanzen zu den Objekten. Das bedeutet, dass das Publikum einer wechselwirkenden Innen- und Außenansicht ausgesetzt ist: Bei Fritz Ruprechter geht es um den Akt des kontemplativen Tuns an sich, dessen Ergebnis am zweidimensionalen Bildträger geometrisch- und raumstrukturelle Form annimmt. 

Maria Köflers Grundidee findet sich in den Mustern bäuerlicher Tischdecken oder Vorhänge wieder. Die Kreuzstichtechnik versinnbildlicht neben den konzentrierten Arbeitsschritten und der Geschicklichkeit außerdem hierarchische und familiäre Rollenverteilungen. Die traditionell bekannten Stickmotive beinhalten seit Jahrhunderten Botschaften und eben auch Zugehörigkeiten. Dargestellt sind Mutter und Vater in schablonierten Mustern, die über Generationen von (vorwiegend) Stickerinnen tradiert werden. Aber, wo bleibt in diesem Kontext die Hinterfragung der Rollenverteilung der Generationen? Für die Künstlerin ein wichtiges Ansinnen. 

Fünf Künstlerinnen und Künstler – zu den erwähnten kommen noch der deutsch-russische Maler Genia Chef und der „Bananensprayer“ Thomas Baumgärtel – sind in diesem Raum mit einer „Ahnung“ ihrer Arbeit zueinander in Beziehung gestellt worden, um durch ihre Unterschiedlichkeit das Verbindende und das Trennende zu berühren.

Margret Wibmer. Foto: Rosa Lommen, Movement Exposed Gallery Space, 2020.

Indem ich mich vom anderen abgrenze, „definiere“ ich mich und den Anderen im Sinne von Ich und Du, aber auch Dein und Mein.

WIBMER: In einem sehr schönen Text zu meiner Arbeit ‚The girl and her object’ schreibt Steven ten Thije, Kurator im Van Abbemuseum: „Der Besitz eines Kunstwerks ist etwas Besonderes, da das Werk nicht auf die gleiche Weise benutzt werden kann wie die meisten Dinge, die wir kaufen, benutzt werden können. Wir kaufen das Werk nicht, um es zu konsumieren, sondern um es zu bewahren und zu erhalten. Vielleicht muss man sogar sagen, dass wir Kunstwerke nicht besitzen, sondern dass wir Verantwortung für sie übernehmen. Das macht auch die Galerie zu einer besonderen Art von kommerziellem Raum. Wir kaufen dort etwas, das in gewissem Sinne nicht zu unserem Eigentum wird, sondern zu unserem Anliegen.“

Margret, deine Arbeit spielt ja mit Grenzen auf sehr vielfältige Weise.

WIBMER: Mein Video ‚Material Encounters‘ ist eine enge Zusammenarbeit mit der koreanischen Tänzerin Miri Lee und dem Komponisten Jongkag Park. Aus der Zusammenarbeit mit Künstlerinnen und Komponisten aus anderen Kulturen entsteht neues Wissen und eine neue Sprache. „Material Encounters“ erkundet außerdem die Grenzen zwischen physischem und digitalem Raum. Aus der Improvisation, die sowohl für die Entwicklung des textilen Requisits als auch für die Bewegungen der Tänzerin ausschlaggebend war, entsteht eine gewisse Formensprache. Diese wurde in der digitalen Bearbeitung der Videoaufnahmen weiter bearbeitet, was die endgültige Gestaltung des Werkes sehr wesentlich mitbestimmt. „Material Encounters“ von 2018 ist Teil eines größeren Werkes, das die Beziehungen zwischen Körper, (Zwischen-)Räumen und einer tragbaren Textilrequisite erforscht, die ich für den Zweck der Intervention entwickelt habe.

Margret Wibmer ist auf Schloss Bruck mit dem Videokunstwerk „Material Encounters“ vertreten. Foto: Wolfgang C. Retter

Architektur wurde einmal als „Theorie der Abschirmungen“ beschrieben, man könnte auch „Abgrenzungen“ sagen, als ein Verhältnis von Verbergen und Zeigen. Ähnliches gilt ja auch für Textilien, die man am Körper trägt.

WIBMER: Das Textilrequisit, das ich für ‚Material Encounters’ entwickelt habe, ist aus einer mehrjährigen Recherche zur Funktion von Kleidung entstanden. Es kennzeichnet sich durch eine offene Struktur, besteht aus mehreren Lagen von durchsichtigen und undurchsichtigen Stoffen und mehreren kopfgroßen Löchern. Es war mir wichtig, dass das textile Requisit am Rande des Handhabbaren ist, komplex genug, dass die Tänzerin nahezu ihre Orientierung verliert, aber gerade noch ‘Kontrolle’ bewahrt.

Was gab es zu kontrollieren?

WIBMER: Inspiriert von Salpuri, einem traditionellen schamanischen koreanischen Tanz, der böse Geister verjagen und menschliches Leid heilen soll, insbesondere im Zusammenhang mit dem Tod eines geliebten Menschen, entwickelte Miri Lee eine Reihe von Körperhaltungen, die Tierfiguren ähneln. Alles andere ist Improvisation in Kommunikation mit dem Requisit. Die Tänzerin ist sich dabei der materiellen Oberfläche, die durch ihre Bewegung entsteht, nicht bewusst. Ebenso wenig wie der Formensprache, die entsteht und bestimmte Assoziationen hervorruft.

Die Überschrift zum Raumtext „Grenzen der Kunst“ ist mit einem Fragezeichen versehen. Warum?

WIBMER: Meine Überlegungen dazu sind folgende: Die Kunst kennt keine Grenzen, das ist ganz klar und das ist ja gerade die Kraft der Kunst!! Aber natürlich werden ihr immer wieder Grenzen gesetzt. In Holland betrachten gewisse Politiker Kunst als ein ‘linkes Hobby’ und wird jede Art der Auseinandersetzung mit Kunst gar nicht stimuliert, im Gegenteil man findet es völlig überflüssig.

BLIEM-SCOLARI: Diese Frage ist an das Publikum gerichtet, das mit Kunst konfrontiert wird: Wie weit ist jeder einzelne von uns überhaupt bereit, sich mit mehr oder weniger Vorbildung intellektuell auf künstlerische Äußerungen einzulassen? Es geht dabei nicht um das tiefere Verständnis über die Absicht oder den Inhalt eines Kunstwerks, sondern gerade um den Willen darum, jene Grenze der Auseinandersetzung mit künstlerischen Themenkreisen zu überschreiten. Sich ernsthaft damit zu befassen ist nicht selbstverständlich. Wie auch immer das Ergebnis der Überlegungen ausfällt — zustimmend oder ablehnend — es ist dann jedenfalls zweitrangig.

Credits
  • Autor: Rudolf Ingruber
  • Fotografie: Wolfgang C. Retter, Brunner Images, Rosa Lommen
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