Die
Zeitreisende
Die Zeitreisende
Rosmarie Lukasser

Dolomitenstadt besuchte die junge Osttiroler Künstlerin in ihrem Wiener Atelier.

Rosmarie Lukasser hat ein spezielles Verhältnis zu Kötschach-Mauthen: „Ich hab dort eine Niederlage erlebt“ lacht sie und schiebt einen Ordner mit Aufzeichnungen über den Tisch. Von Ainet in Osttirol, dem Dorf in dem die heute in Wien lebende Künstlerin aufgewachsen ist, wollte Lukasser zu Fuß nach Triest wandern und von dort weiterreisen nach Paliano bei Rom. In Mauthen war Endstation. Blasen an den Füßen – ein Pilgerschicksal.

Rosmarie Lukasser arbeitet noch an der künstlerischen Reflexion dieser Reise, die erst im zweiten Anlauf zum Ziel führte. Es wird ein „Reisebuch“ entstehen, wie nach ihrer ersten Wanderung im Oktober 2010, als sie von Wien nach Petomihályfa in Ungarn ging. Dorthin hatte die renommierte Galerie Krinzinger eine Handvoll junger Künstler eingeladen. Google-Maps gab die Autofahrtzeit mit zwei Stunden und 49 Minuten an. Lukasser ging zu Fuß. In acht Tagen. Sie sammelte im Gehen ihre Gedanken und Eindrücke, brachte Fotografien und Texte als Objekte mit, sortiert nach Streckenabschnitten und Kilometern. In acht Tagen sammelt man mehr als in drei Stunden. Man entschleunigt und bereichert sich zugleich.

Das Reisebuch, das so entstand, ist eine künstlerische Dokumentation dieser Wanderung gegen den Uhrzeigersinn.

Für die 31-Jährige, die in Wien lebt und auch als Restauratorin arbeitet, ist Zeit der Schlüssel zur Wahrnehmung. Lukasser hält sie manchmal beinahe an und dehnt den Augenblick. Mit einer selbst gebauten Camera Obscura fotografiert sie einen Künstlerkollegen, der unter einem Baum sitzt, den Laptop auf den Knien. Er surft im Netz. So lange er online ist, wird das Bild belichtet. Je länger das Licht durch die Blendenöffnung fällt, desto heller wird das fotografische Ergebnis. Am Ende löst sich der Mensch beinahe auf, ist transparent geworden wie die virtuelle Welt, die er im Netz durchstreift.

Dieser „Netzzeit“ stellt Rosmarie Lukasser die „Körperzeit“ gegenüber und sucht nach Relationen, nach Möglichkeiten, beide Dimensionen mit ihrer Kunst zu erfassen. Das Internet ist für sie „ein wichtiges Ding“, prägt ihren Arbeitsstil und ist zugleich Teil ihrer Kunst.  Am Eindringlichsten vermitteln das die skulpturalen Arbeiten aus dem Zyklus „Annäherung an … bin im Netz“.

Im Schneidersitz hockende Wesen starren konzentriert vor sich hin, die Finger auf einer nicht vorhandenen Tastatur. Sie brauchen die Welt um sich herum nicht mehr, sind im Netz, abgehoben von Ort und Zeit. Lukasser formt diese Figuren aus Gips, einem Material, das „keinen Anspruch auf Ewigkeit hat“. Es sind fragile Plastiken, nicht für Jahrhunderte gemacht und auch nicht für den Augenblick, sondern für das Dazwischen, eine nicht fassbare Zeitspanne, die diese Gestalten im Netz verharren. Rosmarie Lukasser sieht sich als Bildhauerin, doch ihre Kunst ist multimedial. Sie mixt die Medien, fotografiert, baut Objekte aus Verpackungsmaterial, inszeniert Räume mit einem fiktiven Mobiliar aus „Spiegelbildern“.

Rosmarie Lukasser sieht sich als Bildhauerin, doch ihre Kunst ist multimedial.

In einer frühen Arbeit ist die Heimat prominent vertreten, auf Fotografien „verrückter Badewannen“, wie sie zweckentfremdet als Kuhtränke auf mancher Almweide stehen. Wen wundert da, dass Lukasser auch Zither spielt und mit Musik experimentiert – in der Tracht der Großmutter und so ansteckend kreativ, dass man am liebsten mitsingen möchte.

Credits
  • Autor: Gerhard Pirkner
  • Fotografie: Miriam Raneburger
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