Au Revoir, Paris
Au Revoir, Paris
"Die Geschichte könnte eine Folge von 'Bauer sucht Frau' sein, nur ohne Drehbuch und ohne Beichte vor der Kamera."

Wie die meisten Ausländer, die jetzt in Osttirol wohnen und nicht um Asyl angesucht haben, bin ich hierher gezogen, weil das Herz es so entschieden hat. Gut, Peter sagt oft,  ich hätte mich zuerst in die Dolomiten verliebt und dass er erst an zweiter Stelle hinter den einzigartigen, majestätischen Bergen kommt. Es stimmt schon: Die Landschaft hier ist ein bisschen breiter als die Sicht von meinem Balkon in Belleville, einem Pariser Stadtteil auf einem Hügel. Aber wie kommt man dazu, den Eiffelturm gegen die Laserzwand einzutauschen? Die Geschichte könnte eine Folge von „Bauer sucht Frau“ sein, nur ohne Drehbuch und ohne Beichte vor der Kamera.

Myriam Détruy ist Journalistin aus Paris und lebt mit Peter Pedarnig auf dem Krasshof in Schlaiten.

Die einzige Kamera, die wir hatten, war die Webcam, die wir auf Skype benutzten. Nach zwei Jahren Fernbeziehung habe ich meinen Koffer und ein paar Kartons mitgenommen – so besonders viel kann man in einer 36-Quadratmeter-Wohnung nicht anhäufen, zumal dann nicht, wenn man sie mit einer Mitbewohnerin (um 1000 Euro pro Monat) teilt. Und jetzt bin ich hier, auf diesem riesigen Bauernhof, wo einst 16 Kinder von einer einzigen Mutter – Peters Großmutter – geboren wurden. Nach zwei Jahren mache ich immer noch große Augen: Man baut hier Kinderzimmer so groß, dass eine ganze Familie darin schlafen könnte, und Keller, die so hoch sind wie eine Kirche. Trotz der steilen Hänge hat man hier Platz. Man kann tief atmen und muss nicht wie eine Sardine in der U-Bahn stehen. Das ist Lebensqualität. Die Einheimischen wissen diese Lebensqualität zu schätzen, auch wenn sie oft noch nicht viel anderes gesehen haben. Es wird viel getan, damit Osttirol sich so wenig wie möglich ändert. Wo überall die Schönheit der Osttiroler Natur betont wird, muss man sie natürlich auch schützen. Schon als ich vor 20 Jahren mit meinen Eltern hierher in den Urlaub gefahren bin, haben wir uns gewundert, dass es zwei Müllcontainer für Glas gab. In Frankreich hatte das Recycling gerade erst begonnen. In Paris gibt es nur drei Sorten Müllcontainer: einen für Glas, einen sowohl für Plastik als auch für Metall und Papier, einen für Restmüll. Und viele Pariser sind nicht sehr fleißig beim Abfalltrennen. Aber wenn ich jetzt zum Müll fahre, habe ich mindestens sechs verschiedene Taschen mit. Nachhaltigkeit ist hier kein Marketingbegriff. Auf dem Hof, wo ich wohne, fressen die Kühe das ganze Jahr das Gras von den umliegenden Feldern. So kriegt man zwar keine riesige Herde zusammen. Aber alle kleinen Höfe in einem Dorf machen zusammen einen großen Bauernbetrieb.

"Nachhaltigkeit ist hier kein Marketingbegriff und Solidarität kein leeres Wort."

Schade nur, dass es schwer geworden ist, allein von der Landwirtschaft zu leben. Das Problem kannte ich schon; in dem Dorf, wo ich aufgewachsen bin, haben die Landwirte dasselbe Problem. Dort allerdings ist die Arbeit ein bisschen leichter: Die hügelige Auvergne, eine Landschaft im Zentrum Frankreichs, braucht keine „Rechenkünstler“ – also keine Virtuosen im Harken auf steilsten Hängen.  Auf der anderen Seite schafft die Arbeit in der Sonne Gemeinschaft. Verwandte, Freunde oder Bekannten kommen, um mitzuhelfen. Solidarität, habe ich bemerkt, ist hier kein leeres Wort. Egal ob einer ein Haus baut oder ob ein Begräbnis anfällt; Immer sind Leute da, um einem die Hand zu reichen. Das Vereinsleben ist sehr lebendig, sei es in Sachen Musik, Sport oder Rettungsdienst. Eine Freundin hat mir den Unterschied erklärt: „In Paris hat man viel mit Zuschauen zu tun. Hier in Osttirol ist das Angebot nicht so reich. Aber jeder TUT etwas – zum Beispiel ein Musikinstrument spielen.“

Vielleicht ist die starke soziale Bindung schuld daran, dass die Osttiroler so selbstverständlich freundlich mit einander umgehen. Obwohl ich vom Dialekt erst so zirka  20 Prozent verstehe – „schön reden“ ist für manche ein bisschen schwierig – sind die Leute alle sehr geduldig mit mir und erklären es mir gern, wenn ich eine Nachfrage habe. Ihrerseits fragen sie – wohl aus Höflichkeit – nicht nach, wenn sie einmal meinen Akzent nicht verstehen. Auf jeden Fall bin ich froh, dass ich in der Schule so gute Deutschlehrer hatte.

Aus diesen Traditionen stammen viele heute hoch gepriesene Werte, von denen man hofft, dass sie die Welt retten: eine echte Beziehung zur Natur, Nachhaltigkeit, Solidarität, Empathie. Aber nicht alle Traditionen finde ich gut. Als selbständige Frau fällt mir auf, dass viele Frauen sich hier in eine konservative Rolle gedrängt sehen – oder sogar selber dahin drängen. Ein ideologisches Mutterideal verlangt von ihnen, sich für die Familie zu opfern.  Wenn ich lese, dass in Österreich Frauen im Durchschnitt rund 40 Prozent weniger Alterspension bekommen als Männer, und zwar weil sie lange auf ihre Arbeit verzichten müssen, um die Kinder zu erziehen, dann frage ich mich, warum sie nicht über den Tellerrand schauen.

Französische Mütter lieben ihre Kinder auch. Aber die meisten wollen aus finanziellen und sozialen Gründen wieder arbeiten gehen. Der Staat hilft ihnen dabei; es gibt viel mehr Kinderbetreuung als in Österreich. Französische Frauen sind keine Superheldinnen, wenn sie Berufstätigkeit und Mutterschaft vereinbaren. Zwar ist das nicht immer einfach. Aber sie haben schon als kleine Mädchen gehört: Sei solidarisch mit deinem Partner, aber mach dich nicht von ihm abhängig! Und mach die Karriere, die dir gefällt! Peter ist über meine Einstellung kein bisschen erschrocken. Er findet das normal. Er hat kein Problem damit, wenn ich auf Reportage fahren oder für eine andere Arbeit ein paar Wochen im Ausland verbringen muss.

Als freiberufliche Journalistin muss ich verfügbar und flexibel sein. Er versteht das. Wenn ich zurückkomme und den ganzen Tag vor dem Computer verbringe (genial, es gibt auch Breitband-Internet im kleinen Dorf!), um über die Entwicklung der Wissenschaft in Russland oder die Physik der schwarzen Löcher zu berichten, bin ich immer froh, wenn ich ihm danach im Stall oder auf dem Feld helfen kann. Mit den Händen und mit dem Kopf zu arbeiten, schafft ein gutes Gleichgewicht. Und wenn ich durch das Tal blicke, bis zum Gipfel des Prijakt, dann fühle ich mich erhöht.

Credits
  • Autorin: Myriam Détruy
  • Fotografie: Miriam Raneburger
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