Lois, der
Besenbinder
Lois, der Besenbinder
Alois Holzer – vulgo Gschwendter Lois – wohnt in St. Johann im Osttiroler Iseltal und die Anfrage, ob er für uns einmal einen seiner legendären Reisigbesen bindet, haben wir als Brief an ihn geschickt. Mit der Hand geschrieben und mit einer Marke drauf. So wie früher. Das machen wir nur noch selten, aber irgendwie hat es zum Thema gepasst und siehe da, der Lois hat angerufen und gemeint: „Ja, am Samstag um halb zwei fang ich an mit dem Besenbinden.“

Also sind wir hingefahren und haben einen Frühlingsnachmittag erlebt, der fröhlich und nachdenklich, lehrreich und lustig, praktisch und philosophisch war – wie der Lois selbst. 76 Jahre ist er jetzt und wieviel Besen er in seinem Leben gebunden hat, ist schwer zu sagen. An manchen Tagen bindet er 25 Stück. Im Jahr kommen rund 500 Besen zusammen, schätzt der Lois. Oft versteckt sich die Sonne noch hinter den St. Johanner Bergen, wenn der Gschwendter morgens um halb sieben zum ersten Mal die Birkenruten in die Hand nimmt. Er holt sie bei den Bauern der Umgebung  und stapelt das Rohmaterial auf einem großen Haufen hinter dem Haus. Jeden einzelnen Zweig richtet der Lois her, sortiert sorgfältig nach Länge und Dicke, schneidet kleine Triebe und Seitenästchen ab, eine Heidenarbeit, aber wichtig, wenn der Besen wirklich gut kehren soll.

Einen Besen zu binden braucht Kraft und Technik. Der Lois hat beides, trotz seiner 76 Jahre.
Der Gschwendter Lois und seine Spezialität: Besen aus Birkenreisig, die wunderbar kehren.

Viel Werkzeug braucht man für diese Arbeit nicht, ein scharfes Messer, wie es auch Installateure verwenden, starken Draht, den man im Baumarkt bekommt und eine gute Flachzange. Es zählen Geschick, Arbeitseinteilung und Kraft. Dann ist so ein Besen in 20 Minuten gebunden. Man braucht dazu soviel Birkenreisig, wie man mit zwei Händen leicht umfassen kann. Trickreich ist die Sache mit dem Draht. Der Lois fädelt ein Ende durch die Äste, knickt es um, „dass es nicht mehr auskommt“ und nimmt dann auch noch die Füße zu Hilfe, weil man zum Anziehen richtig Kraft und beide Arme braucht. Dann wird der Draht vier, fünf Mal um das Reisigbündel gewickelt, verdreht und umgebogen. Jetzt noch die Enden mit dem scharfen Messerchen ablängen. Fertig.

Das Messer hat Lois schon lange. Es ist scharf und perfekt zum Anspitzen des Stiels.
Der Stiel wird in das Reisigbündel hineingesteckt und dann ...
... klopft der Lois ein paarmal kräftig auf den Boden um den Stock tief ins Reisig hineinzutreiben.
Da lacht „die Gitsche“, die Schwester von Lois, die eigentlich Theresia heißt. Schon wieder ein Besen fertig!

Und der Stiel? So kann nur ein Städter fragen. Den hat der Lois längst vorbereitet. Kerzengerade sind seine Haselnuss-Stöcke, etwa 110 Zentimeter lang und perfekt entrindet.

Lois spitzt ein Ende zu, schiebt es ins Reisigbündel, dreht den Besen um und schlägt den Stiel mit Kraft ein. Den Abfall kehrt er gleich mit dem neuen Besen zusammen, der wird zu Kompost.

Reisigbesen vom Gschwendter Lois sind nicht nur Teil der bäuerlichen Tradition, sondern ein gut funktionierendes Reinigungsgerät, das manches moderne Plastikglumpert alt aussehen lässt. Und weil Mundpropaganda die beste Werbung ist, verkauft der Lois in ganz Osttirol und Oberkärnten. Er liefert zu Fuß oder mit dem Postauto aus und verlangt zwei Euro pro Besen. Ungläubiges Staunen. Zwei Euro? „Einmal bin ich mit dem Taxi zu einem Kunden gefahren. Das hat 30 Schilling gekostet. Den Besen hab ich um 25 Schilling verkauft“, erzählt der Lois und lacht auf ganz unnachahmlich spitzbübische Weise. Er weiß, dass das kein Geschäft ist, aber welcher Geschäfte-macher ist schon glücklich? Lois war sein ganzes Leben lang Schwerarbeiter, in der Landwirtschaft und am Bau, wo zwei kräftige Hände gebraucht wurden. Sogar heute hilft er noch manchmal aus, wenn irgendwo ein „Malta“ anzurühren oder eine Scheibtruhe zu schieben ist.

Credits
  • Autor: Gerhard Pirkner
  • Fotografie: Tobias Tschurtschenthaler
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