Schätze aus dem Eis
Schätze aus dem Eis
Von Kristallen geht ein Zauber aus. Er wird unentrinnbar, wenn man sich selbst auf die Suche macht.

Kaum ein Dichter wusste so genau um die Verführungskraft wie der Altgrieche Homer. So mag es kein Zufall sein, dass ausgerechnet er das Wort „krystallos“ als Erster schriftlich hinterließ, ein Wort, das Eiseskälte ausdrückte und doch Schönheit versprach. Er empfand das „Eis“ als ebenso furchterregend wie unentrinnbar. Verführung eben, und wer einmal einen tieferen Blick in einen unbearbeiteten Kristall gewagt hat, wird dieser Anziehung nur mehr schwer entgehen. Da mag die Wissenschaft noch so genaue Erklärungen für die Zusammensetzung der Moleküle, Atome und Ionen haben, die exakte Struktur besprechen und die Periodizität erklären, all das kann dem Zauber nichts anhaben, der von einem einzigen Kristall ausgeht, den man in der Hand hält, betrachtet und quasi in ihn hineinhört.

Angesteckt von dieser Leidenschaft ist man schnell, doch nicht in einem Kristallgeschäft oder im Internet. Solche Steine bleiben in gewisser Weise leblos. Nein, wirklich unentrinnbar werden Kristalle erst, wenn man sich selbst auf die Suche macht, mit der eigenen Hand tief hinein in eine Kluft greift und den Stein aus seiner Umgebung pflückt.

In den Hohen Tauern gibt es sie noch, jene Plätze, an denen man die Faszination erleben kann, und so mancher möchte ihr gar nicht entkommen.

Peter Gliber ist einer von ihnen. Er gehört zu den Vereinten Mineraliensammlern Kals und wenn er einen Calcit, Scheelit oder Sphen aus der Region in die Hand nimmt, funkelt die Freude in seinen Augen ebenso wie im Kristall. Schon im antiken Rom sprach man von der besonderen Qualität des „Gefrorenen Eises“ aus den Alpen und meinte damit einzig und allein den Bergkristall. Doch es gibt weit mehr als jenes „Eis“. Das Museum in Kals beherbergt wunderbare Exemplare aller Art, natürlich ebenso der Nationalpark Hohe Tauern. Tirol hat strenge Gesetze.

Es gibt genaue Regeln, welche Steine man aus den Bergen mitnehmen darf und welche nicht, oder vielmehr, wie man zu diesen kommen muss, damit man sie mitnehmen darf. Werkzeuge sind nicht gestattet, kein Meiseln, kein Hacken, kein Abtragen. Für die einen ist dies ein völlig selbstverständlicher Naturschutz, auch eine Sicherheit gegen die Ausbeutung der Bergregion, für die anderen erscheint es wie eine Schikane. In Salzburg gibt es Sammlerbewilligungen, auch in anderen Bundesländern. Manchmal wird jemand in Tirol für das Abtragen und den Abtransport verurteilt, ein anderes Mal heißt es hinter vorgehaltener Hand, man wisse, dass diese oder jene Person in das Verschwinden der Inhalte ganzer Klüfte involviert sei. Dann wiederum hat jemand Glück, wandert und findet, was die Gletscherschmelze freigibt. Natürlich trifft man auch auf jene Sammler, die nachhelfen und den Permafrost bearbeiten. Das Eis wird dabei mit Gas geschmolzen und die Kristalle herausgelöst. Das klingt brutal, auch gefährlich. Wahrscheinlich ist beides der Fall.

Generell birgt die Suche so manche Gefahr, schon alleine auf Grund der Höhe, in der man sich bewegt, denn Kristalle findet man meist hoch oben. Peter geht oft ganz alleine. Er erinnert sich, dass sich ihm, als er noch ein Kind war, ein Mann anschloss. Peter zeigte ihm eine „seiner“ Klüfte. Als er drei Wochen später mit seinem Vater zurückkehrte, war die Kluft leer geräumt. Daraufhin ging er lieber alleine. Heute hat sich das verändert, in Begleitung sei es schöner, sicherer auch, meint er, falls er überhaupt noch Zeit dafür findet, der Wirt des Tauernhauses. Ein einziges Mal habe er letztes Jahr eine größere Wanderung gemacht, sagt er. Es sei halt nicht mehr so leicht, mit einem Betrieb, dem Personal, sich Zeit zu nehmen und für einen Tag weg zu sein. Und doch treibt ihn die Leidenschaft immer wieder hinauf. Zudem ist er davon überzeugt, dass die Kristalle geborgen werden sollten, sonst würden sie zerstört, durch Erosion oder Steinschlag. So lange es dauert, bis ein Kristall gewachsen ist, so schnell geht er ob seiner Zerbrechlichkeit kaputt.

Peter Gliber gehört zu den profundesten Kennern unter den Kalser Mineraliensammlern.

Peter weiß natürlich, dass es juristisch ein Graubereich ist, in dem man sich bewegt. Die Mitglieder der Vereinten Mineraliensammler Kals kennen die Gesetze nur allzu gut und sie lehnen sich seit Jahren dagegen auf. Es sind ihre Berge, um die es in der Diskussion geht, und irgendwie auch ihre Steine, doch das Gesetz sieht das ein wenig anders. Mitsprache, ja, manchmal und dann auch wieder nicht, so ist es mit Justitia, die blind ist und versucht, alle gleich zu behandeln, doch ist eben nicht immer alles gleich und keiner dem anderen viel mehr als ähnlich. Genau wie bei den Kristallen. Jeder ein Unikat, ganz individuell. Jeder hat seine Geschichte, unergründlich und selten zu Ende erzählt, doch das macht nichts, denn der Schönheit tut das Mystische der Steine ganz gut.

Je nach Licht wirkt ein Scheelit transparent oder kompakt, immer aber wie aus einer längst vergangenen Welt.

Peter kennt viele Kristallgeschichten und wenn man Glück hat, erzählt er einem die eine oder andere, auch wenn er zuerst abwinkt und meint, sie habe keine Bedeutung. Er erinnert sich an viele Erlebnisse im und mit dem Eis, vor allem an seinen ersten Bergkristall. Dieser steht in einer seiner Vitrinen, ganz vorne, leicht beleuchtet und er scheint fast für sich selbst zu sprechen.

Die Suche nach einer Kluft, neuen Mineralien und somit neuen Erinnerungen ist das eine, doch ebenso wichtig ist ihm das Gehen. Die Suche an sich, die Stille dazu und die Unfassbarkeit der Natur. Wenn man auf die Blauspitze oder in Richtung Glockner geht und die Augen dabei aufmacht, scheint die gesamte Frage des Besitzens oder Recht-Habens ohnehin absurd. Die Berge waren lange vor den Menschen da und sie werden es noch lange danach sein. Peter Gliber sagt, man solle nicht vergessen, dass direkt unter unseren Füßen gerade Kristalle entstehen – seit Jahrtausenden und noch viele weitere Jahrtausende. Unsere eigene Existenz ist dem gegenüber nicht einmal messbar, denn man rechnet in Zehntausenden von Jahren, nicht in Menschenleben.

Zerbrechlich und voll unerzählter Geschichten: ein Bergkristall mit Einschlüssen und Chloritsand - als ob das Eis bröseln würde.

Kristalle sind im schönsten Sinne zeitlos. Zwar sagen Forscher, dass sie die Entstehungszeit zumindest innerhalb eines Zeitrahmens bestimmen können, doch tatsächlich ist ein Irrtum von einigen zehntausend Jahren nichts, und wer einen Kristall in Händen hält, mag viele Gedanken haben – Zeit spielt dabei wahrscheinlich keinerlei Rolle, denn die Faszination ist ansteckend. Wer sich einmal mit Peter Gliber unterhalten hat und seine Kristalle näher betrachten durfte, wird sich immer wieder dabei ertappen, selbst den Wunsch zu entwickeln, auf die Suche zu gehen.

Die Liebe zu den Kristallen aber endet nicht mit dem Suchen, Finden und nach Hause bringen. Sie geht dann weiter, wenn man den richtigen Platz für sie sucht. Peter würde nie einen Stein schleifen lassen. Es schüttelt ihn, wenn er nur davon spricht. Gereinigt gehören sie, denn manchmal hat man nur einen Lehmbrocken in der Hand und erst durch ein wenig Wasser erkennt man, was man gefunden hat. Doch auch da ist er vorsichtig. Manchmal gehört eine leichte Schicht auch dazu, um die Struktur besser erkennen und schätzen zu können.

Peter kennt viele Kristallgeschichten und wenn man Glück hat, erzählt er die eine oder andere.

Während er davon spricht, rückt Peter einen Phantomquarz in der Vitrine zurecht, einen Bergkristall, in dem man verschiedene übereinander gewachsene Kristalle erkennen kann. Peter weiß genau, in welchem Licht der Stein am schönsten zur Wirkung kommt. Was für den Laien ein „schöner Stein“ ist oder ein „außergewöhnlicher“, kann Peter genau benennen. Er weiß, woher der Kristall kommt, in welcher Region Österreichs oder der Welt er besonders häufig vorkommt, seine besondere Liebe scheint aber jenen zu gelten, die man rund um Kals findet. Die Pyritwürfel etwa, den Adular, ein kristallisierter Wolfram oder den in den Hohen Tauern häufig vorkommenden Edelstein Sphen. Peter nennt sie alle, deutet auf sie in seiner Vitrine und verwirrt das Laienauge. Dann spricht er vom Eisengehalt, den Vernarbungen, von den Doppelspitzen, die ein Kristall ebenso haben kann. Er ist in seinem Element und zuweilen verstummt er mitten in der Schilderung, als ob er einer liebevollen Erinnerung nachhinge.

Mit elf oder zwölf Jahren ist Peter schon alleine auf die Suche gegangen. Seinen Enkel, der nun in dieses Alter kommt, nimmt er hin und wieder mit, eher selten und schon gar nicht würde er ihn alleine gehen lassen. Es sei viel zu gefährlich und was er selbst als Jugendlicher getan hätte, käme keinesfalls für den Enkel in Frage. Er lacht, als er das sagt, wird dann aber ernst und fügt hinzu, dass in fast jeder Gemeinde Menschen beim Kristallsuchen umgekommen seien. Doch „kein Stein der Welt ist ein Menschenleben wert“, sagt er. Er wird trotzdem wieder hinauf steigen, denn er fügt hinzu: „Es lässt dich nicht mehr los.“

Credits
  • Autor: Daniela Ingruber
  • Fotografie: EXPA/Hans Groder
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