Auf Schatzsuche
beim Trödelmair
Auf Schatzsuche beim Trödelmair
Der „Feldwabl Anda“ heißt bürgerlich eigentlich Andreas Neumair und ist auf einem Bauernhof in Thurn aufgewachsen. Seit Kurzem hat er noch einen Namen: Trödelmair.

So heißt nämlich der Laden, den Andreas Neumair im März 2015 an der Kärntner-Straße in Lienz eröffnet hat, gleich vis-à-vis der Franz-Josephs-Kaserne. Es ist eines dieser Geschäfte, aus denen man irgendwie nicht mehr herausfindet, obwohl sie gar nicht so groß sind. Es gibt einfach zuviel zu sehen, anzugreifen, aufzuziehen, zu schütteln oder durchzublättern. Und damit nicht genug, zu all den Gegenständen, die der Anda in seinem Laden mit mehr oder weniger System arrangiert hat, gehört auch noch jeweils eine Geschichte.

Schließlich türmen sich da nicht gesichtslose Produkte unserer Smartphone-Gesellschaft, sondern Schätze aus teilweise längst versunkenen Epochen, die diesen speziellen Hauch der „guten alten Zeit“ verströmen, als alles noch viel weniger hektisch war. Bevor uns der Anda durch seinen Laden führt, erzählt er, wie er zum Sammler geworden ist.

Es begann früh, eigentlich gleich nach der Zimmererlehre. Da kaufte der junge Anda – sozusagen als Einstieg ins Geschäftsleben – einen Bauernhof im Debanttal. Anda interessierte eigentlich nur die mittelalterliche Stube, die er an ein Hotel in Südtirol verkaufte. Dazu musste er aber das ganze Haus abtragen. Gesagt – getan. Der Boden dieses Bauernhofes und manches andere Teil fanden übrigens später Platz im Gasthaus „Die Alm“ auf dem Zettersfeld. Jedenfalls war in Andreas Neumair ab diesem Zeitpunkt die Sammlerleidenschaft geweckt. Sie begleitete ihn bei Abenteuern in aller Welt, trieb ihn auf Flohmärkte und in jeden Trödelladen auf seinen Wegen, die ihn weit herumführten. Anda arbeitete als Skilehrer in Zell am See und als Sportartikelverkäufer in Köln. 1995 reiste er nach Patagonien und baute mit Freunden eine Kapelle für Toni Egger, den legendären Osttiroler Bergpionier, der am Cerro Torre tödlich verunglückte. Doch das ist eine eigene Geschichte, die wir ein andermal erzählen. Klarerweise machte Anda auf dem Rückweg in Buenos Aires Halt – die Stadt hat ein eigenes Antiquitätenviertel!

Immer wieder jobbte Neumair auf der Lienzer Hütte, gemeinsam mit Berni, seiner Schwester. Er betrieb für einige Jahre das Dorfstüberl in Thurn und ging drei Sommer als Hirte auf die Thurner Almen, eingedeckt mit Fachbüchern über Antiquitäten, versteht sich. Dort reifte die Idee für einen eigenen Trödelladen heran, in dem wir uns nun neugierig umsehen.

Das sieht doch nach dem idealen Laden für vollkommen unkonventionelle Geschenke aus!

Früher sammelte Andreas besonders gerne altes Werkzeug, heute interessiert ihn die Kunst, besonders alte Gemälde und deren Schöpfer. Bei einem Bild des Gaimberger Malers Karl Untergasser erläutert er: „Untergasser wurde ‚Teufelemaler‘ genannt, weil er bildhaft den ‚Auferstehenden‘ von Egger-Lienz verspottete.“ Das Bild fand aus Tschechien seinen Weg nach Hause zurück, es hängt neben Bildern von Franziskanerpater Peter Mayr und anderen Volkskünstlern.

Aber auch alte Fotos, Schreibmaschinen, Spinnräder, Geschirr, eine alte Krampuslarve aus den 70ern, norwegische „Tourenski“ vom Anfang des 20. Jahrhunderts mit echten Seehundfellen, eine winzige Spionagekamera aus der DDR, ein Rasierklingenschärfgerät aus der Zwischenkriegszeit und natürlich Spielautomaten aus den 60ern findet man beim Trödelmair.

Da ist sicher was für Weihnachten dabei, oder? Ein Helm der Kinderfeuerwehr, noch aus der Monarchie, ein Pilgerbild aus Jerusalem, angeblich von 1896 mit Palmzweig und Steinen vom Ölberg, ein Kummet (sprich: Geschirr) für Ziegen – wie gesagt, man findet aus diesem Laden nicht mehr heraus. Anda weiß, wie es sich für einen echten „Trödler“ gehört, zu jedem Gegenstand die passende Geschichte, oft Spannendes, oft Kurioses. Gerne hört man ihm zu, auch deshalb, weil er selbst ein Unikat ist und wunderbar in diesen Laden passt. Während draußen die Zeit dahinrast, steht sie zwischen diesen originellen alten Dingen still. Andreas Neumairs wohl am weitesten gereistes Stück ist das Grammophon aus Amerika, gefertigt 1916. Die goldene Riesenkaraffe aus dem arabischen Raum hat eine Frau vorbeigebracht, ihre Wohnung war zu klein dafür. Ein unscheinbares Holzgefäß entpuppt sich als „Lienzer Vierling“ von 1879, es fasst 20 Liter und diente einst dazu, Steuerabgaben für Getreide zu bemessen.

Vorsichtig öffnet Anda eine kleine Schachtel: Darin befindet sich eine Goldwaage mit Gewichten. Eine ältere Osttirolerin war tatsächlich vor vielen Jahren Goldgräberin in Kanada! Interessant ist nicht unbedingt die Waage, sondern die Gewichte, die eigentlich nicht für Gold aus Kanada bestimmt waren, sondern für Händler in Italien. Ihr Besitzer wollte sichergehen, dass die Währung der italienischen Städte hält, was sie verspricht. Die Gewichte aus Gemona, Parma und anderen Städten sind über 200 Jahre alt.

Auf die Bergbahnen-Aktie aus dem Jahr 1973 wird sich der Run in Grenzen halten – oder steigt ihr Wert?

Bei manchen Stücken rätselt sogar Anda über ihren Verwendungszweck: Handelt es sich bei dem Metallgegenstand vielleicht um ein tibetisches Musikinstrument? Und natürlich hat der Trödelmair, kaum dass der Laden aufgesperrt war, schon wieder ein Platzproblem. Zwar gehören zum Geschäft auch Garagen, aber die sind bis oben hin vollgeräumt mit noch mehr spannendem Tand und Kram, der auch gerne Ladenluft schnuppern würde.

Deshalb freut sich Andreas Neumair über Leute, die sein Weihnachtsgeschäft ankurbeln und hat eine lange Liste mit Geschenkideen, darunter einige, die unter dem Lichterbaum sicher für Diskussionen sorgen:  Wie wär’s mit einer 100 Schilling-Aktie der Lienzer Bergbahnen aus dem Jahr 1973? Darf man fragen, was die kostet? „Ich geb‘ sie dir um zehn Euro“, meint der Anda und lacht verschmitzt. Das ist doch ein gutes Geschäft, oder nicht?

Credits
  • Autoren: Evelin Gander / Gerhard Pirkner
  • Fotografie: Miriam Raneburger
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