Der fesche
Ferdl
Der fesche Ferdl
Johanna Adlaoui-Mayerl ist Modedesigerin und Kostümbildnerin. Seit einigen Jahren kreiert sie in ihrer Werkstatt ein Stück Vergangenheit und verknüpft es mit modernem Minimalismus: den Matrosenanzug.

Ein kleines Atelier im vierten Wiener Gemeindebezirk. Aus dem Nebenzimmer dringt das leise Rattern einer Nähmaschine. Es ist eine Mischung aus Vorführraum und Werkstatt, Schnitte liegen neben Stoffballen, eine hübsche Tasse hier, dort eine Schachtel mit sortierten Knöpfen.

Vom Innenhoffenster fällt Licht auf Bilder und Postkarten der Kollektion, an verschiedenen Wänden hängen Kleider, Hosen und Jacken für Kinder, als warteten sie darauf, eingepackt und verschickt zu werden. Es sind Matrosenanzüge und Kleidchen, alles aus feinstem Material. Sie strahlen Vertrautheit aus, wie eine Erinnerung aus einer längst vergangenen Zeit des Bürgertums. Und doch sind die Entwürfe minimalistisch, modern und die Stoffe sehen bequem zu tragen aus.

Eine offensichtliche Neuinterpretation. Die Inhaberin dieses Kleinods ist Johanna Adlaoui-Mayerl, gebürtige Dölsacherin. Bis zu ihrem 14. Lebensjahr wuchs sie in Osttirol auf, ging dann mit ihren Eltern nach Innsbruck. „Aber ich fahre sehr gerne nach Lienz,“ sagt sie, „seit ich Kinder habe, ist es einmal pro Jahr Pflicht.“

Minimalismus im Design und kindgerechte Funktion – das klassische Matrosenthema, neu interpretiert.

Erste Berufserfahrungen: Theater statt Mode

Die Modebranche ist kein Hobby, keine plötzliche Idee. Johanna Adlaoui-Mayerl hat die Meisterprüfung in Wien gemacht, wurde dann selbständig. Es war kein günstiger Zeitpunkt: „Damals war die Mode quasi schon tot. Die Firmen, die diese Ausbildung noch gebraucht hätten, sind gerade eingegangen.“ So ging sie ans Theater, wurde Kostümbildnerin, landete am bekannten Serapionstheater, wo man viel Sinn für ausschweifende Kostüme und Ausstattungen hat. Die Faszination packte die Osttirolerin sofort.

Später studierte sie Theaterwissenschaft und bekam eine Assistenzstelle „an der Burg“. Dort stand sie bei den Proben auf der Bühne, entwickelte mit der Regie und den Schauspielern die Kostüme und sagt dazu heute: „Von außen hat man die Vorstellung, da kommt jemand, näht eine Figurine und der Schauspieler zieht das Kostüm an. Das ist aber im Schauspiel nicht so.“ Das Besondere war der Arbeitsprozess – und ist es bis heute.

Wenn man sich mit Johanna Adlaoui-Mayerl unterhält, fällt dieses Stichwort häufig. Die Auftragsarbeit mag eine Sache sein, der Prozess dazu dürfte das sein, wo sie sich am liebsten entfaltet.

Mustafa Ahmadi setzt die Entwürfe um. Er ist ein fixer Mitarbeiter in der Werkstatt von Johanna Adlaoui-Mayerl.

Vom Theater ging es dementsprechend zum Film. „Da musste ich komplett umdenken“, sagt sie. Plötzlich war da nicht mehr wochenlang Zeit, um etwas gemeinsam zu erdenken, sondern es musste rasch gearbeitet und viel im Voraus erdacht werden. Wenn sie heute darüber spricht, fällt dieses Nachdenken über Zeit und Endlichkeit auf, vor allem deshalb, weil sowohl der Filmbranche als auch dem Theater das Geld ausgeht und das bei der Ausstattung besonders zu spüren ist.

„Ich habe gerne Kostüme für das Tanztheater gemacht, aber wenn der Regisseur oder Choreograph entscheiden muss, ob er sich Kostüme oder noch einen Tänzer leistet –“, hier unterbricht sie sich selbst, lächelt ein wenig traurig und fährt fort: „Natürlich wirkt sich das auch auf die Ästhetik aus, denn es ist nicht freiwillig, dass jetzt alle in Trainingskleidung auftreten oder nackt. Du kannst die Ideen nicht mehr haben, weil sie nicht mehr finanzierbar sind. Aber das ist im Moment so – ein aussterbender Beruf.“

Wie ihr Atelier etwas von Nostalgie ausdrückt, kommt das Gespräch mehrmals auf dieses Ende zurück. Vielleicht lag das ein wenig im Hintergrund, als sie vor einigen Jahren beschloss, ihre Werkstatt auch anders zu nützen: für Modeentwürfe. Hier kam ihr der Zufall entgegen. „Eine Freundin hat eine Themenhochzeit gemacht: Es ging um eine Kreuzfahrt, die sie sich schon lange gewünscht hatte. Damals war mein Sohn zwei Jahre alt und meine Freundin sagte: ‚Mach ihm einen Matrosenanzug.’ Da habe ich schnell aus einem weißen Leinenanzug etwas mit einem großen Kragen gebastelt.“ Das Modell gefiel allen so gut, dass daraus eine Geschäftsidee entstand. „Mein Matrosenanzug ist neu. Ich habe versucht, ihn so minimalistisch wie möglich zu machen, sodass er als modernes Kleidungsstück durchgeht. Er wird natürlich hauptsächlich für Feste gekauft, aber es sollte ein funktionierendes Kleidungsstück sein und nicht nur ein Einmal-Oma-erfreu-Kleidungsstück.“

Einst ein obligatorisches Kinderkleid – heute wieder hip

Die Bemerkung ist kein Zufall, denn auf vielen Bildern des frühen 20. Jahrhunderts tragen Kinder den sogenannten Matrosenanzug. Zwischen 1850 und 1920 galt er als geradezu obligatorisches Kinderkleid. Ausgelöst wurde die Mode durch ein Porträt, das der Maler Franz Xaver Winterthaler vom damaligen englischen Thronfolger, Prinz Albert Andrew, malte. Adelige ließen für ihre Kinder die Matrosenanzüge nachschneidern und bald gab es Firmen, die damit in Serienproduktion gingen, etwa die Stuttgarter Firma Bleyle, die einen bequemen Jersey-Matrosenanzug daraus machte.

Erst in den späten 1960er Jahren verschwand der Matrosenanzug in Wien als typische Kleidung für die Erstkommunion und wurde als altmodisch betrachtet. Heute gibt es wieder einen Markt dafür, allerdings mit klar überarbeitetem Design, und nicht umsonst weist die Osttirolerin darauf hin, dass „jeder Designer das Marinethema hat, etwa Gaultier oder Coco Chanel. Es ist ein interessantes Modell, weil es eigentlich eine Berufsuniform ist“.

In den Osttiroler Auslagen sieht man den Matrosenanzug kaum. Adlaoui-Mayerl hat die Erklärung dafür: „.Ich habe keine Tiroler Kunden, denn diese Tradition hat Tirol nicht. Würde ich in Osttirol leben, würde ich Trachten machen.“ In Wien oder Salzburg ist das anders und 80 Prozent ihrer Kunden kommen sowieso aus dem Ausland. Viele bestellen online. Durch die Kundenwünsche sind neue Modelle entstanden, etwa mit Langarm oder das Mädchenkleid, das Lotte heißt, während die Kollektion für Buben „der fesche Ferdl“ genannt wurde. Nur eines möchte sie nicht schneidern: „Ich werde oft gefragt, ob ich Matrosenanzüge auch für Erwachsene mache, aber das geht mir zu sehr ins Verkleiden.“

Auch ein eigenes Geschäft stand zur Diskussion, doch dafür glaubt Adlaoui-Mayerl in Wien nicht die Klientel zu haben. „Da müsste man eher in Hamburg einen großen Laden aufmachen“, sagt sie, „das würde Sinn ergeben, weil das ist die Gegend, wo das wirklich große Tradition hat, und es gibt das Meer und das Bürgertum dazu.“

Für das Theater ist sie noch immer tätig, leidenschaftlich sogar, etwa bei den Salzburger Festspielen. Die Modelinie wird in den Phasen dazwischen erarbeitet. Sie hat Freude an beidem. „Das Kostümgenre, von dem man leben kann, gibt es nicht mehr. Aber es sterben auch der große Fundus, die Infrastruktur, die Handwerker. Das ist etwas, das man halten muss.“ Nur wie, wenn die Budgets so sind, wie sie sind? So fügt sie hinzu: „Ich produziere gerne. An die Idee, dass Designer nur irgendetwas aufkratzeln und es passiert dann irgendwo in China, glaube ich nicht. Man muss auch diese Idee beschützen, dass man selber etwas herstellen kann.“

Den feschen Ferdl findet man im Internet unter:
Den feschen Ferdl findet man im Internet unter: www.matrosenanzug.com
Credits
  • Autorin: Daniela Ingruber
  • Fotografie: Judith Benedikt
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