Nicht in den Fünfzigern, sondern bereits 1917 entstand dieses Bild. Es zeigt die Bevölkerung beim Freischaufeln des Lienzer Johannesplatzes. Auch damals fiel meterhoch Schnee in Osttirol. Foto: TAP

Nicht in den Fünfzigern, sondern bereits 1917 entstand dieses Bild. Es zeigt die Bevölkerung beim Freischaufeln des Lienzer Johannesplatzes. Auch damals fiel meterhoch Schnee in Osttirol. Foto: TAP

Der große Schnee
Der große Schnee
Osttirol wurde Ende Dezember 2020 natürlich nicht zum ersten Mal von gewaltigen Schneemengen zugedeckt. Lois Ebner (1941 - 2004), Volkskundler und ehemaliger Kustos auf Schloss Bruck erinnert sich an die Kindertage in Kartitsch/St. Oswald, das 1951 im Schnee versank. Doch auch schon früher – im Jahr 1917 – und in den Jahren danach wuchsen die Schneemassen über die Köpfe der Bevölkerung hinaus, wie Bilder beweisen.

Der folgende Text stammt aus dem Buch
„Wiese. Kindheitserinnerungen“ von Lois Ebner.
Lienz 1995, S. 212-219.

Man schrieb schon 1951 – das alte Jahr war still gegangen, nachdem es sich noch einmal mächtig in Szene gesetzt und das Land in klirrenden Frost gelegt und eine ganz beträchtliche Menge des „weißen Segens“ ausgeschüttet hatte, der ja nicht vorbehaltslos geschätzt wird, wenn er sich gar zu üppig dartut – und ging doch auf den tiefsten und beschwerlichsten Winter seit Menschengedenken zu. Im 1917er Jahr, als Krieg herrschte und sich Hunger und Not auch hierzulande breitmachten, da hatte der Winter den Leuten zwar auch arg zugesetzt, wie sich unsere Eltern, die damals gerade 14 Jahre alt waren, noch gut erinnern konnten; aber das in den folgenden Wochen und Monaten und in mehreren heftigen Wellen über uns hereinbrechende Schneechaos war auch für sie so außergewöhnlich wie die unheilvollen Vorboten des nahen Weltunterganges.

Sogar der Jänner, der sonst kraftlos der Kälte erliegt und nichts Rechtes weiterbringt, wenn es um den gefrorenen Nachschub von oben geht, hatte seine starre Haltung aufgegeben und unser kleines Tal mit einer dichten, anderthalb Klafter hohen Schneedecke überzogen. Noch stemmten sich Hütten, Gatter und Zäune beharrlich dagegen, doch Bäume und Sträucher, von älterer, schwerer Schneelast gezeichnet, beugten sich tiefer und tiefer unter dem neuen, bauschigen Umhang. Wege und Stege versanken, und Spuren, wohin immer sie führten, waren mit einmal verschwunden.

Noch ehe die Leute der gewaltigen, weißen Massen richtig Herr wurden und wie gewohnt ihrem Tagwerk nachgehen konnten, kündigten sich weitere an. Jetzt richteten die Großen ihre Augen aufmerksamer zum Himmel und verfolgten genauer den Zug der Wolken. Von irgendwo kam uns die Rede zu Ohr, dass bald neue, schier verheerende Schneefälle zu erwarten wären. Vielleicht hatte sie jemand im Pustertal aufgeschnappt, vielleicht stammte sie auch nur aus unserem Ort und von ängstlichen Menschen, die den in einem Kalender abgedruckten, alten Bauern- und Wetterregeln allzu viel Gewicht beimaßen. Solche Botschaften brachten uns nicht aus der Ruhe, auch wenn sie nichts Gutes verhießen. Da würden wir schon noch selber dazuschauen.

Zu Lichtmeß und am Blasiustag, wo wir alle fleißig zur Messe gegangen waren, um den mit zwei überkreuzten, brennenden Kerzen gespendeten Blasiussegen gegen Halsleiden aller Art zu empfangen, war der Himmel „halbis khilbö, halbis khäto“ (teils bewölkt, teils heiter) gewesen. Ein, zwei Tage später trübte er völlig ein und es fing an, fein „zi schnuddorn”. Das brachte zunächst nicht viel mehr zustande als einen dünnen, lockeren Flaum, den man leicht von der dicken Altschneedecke hätte wegblasen können. Wir Kinder freuten uns am Getändel der tänzelnden Flöckchen, wenn sie, von einem Windhauch bald über die Dachgiebel getragen, bald zwischen die Wände der Häuser getrieben, lustig durcheinander wirbelten und, als zögerten sie, ihr schwerelos anmutendes Schaukeln zu enden, sanft zu Boden glitten. Das neckische „Stabborn“ (Graupeln) hielt bis in die Dunkelheit an.

Über Nacht hatte sich der Winterhimmel auf seine Kunst besonnen und die Türe zur weißen Vorhölle aufgestoßen.

Nachts, als der Vater nach dem Stallleichtn wieder in die Stube gekommen war, redete er nur von einem „Katz’nspour“ (Katzenspur, 2-3 cm) Neuschnee. Über Nacht hatte sich der Winterhimmel auf seine Kunst besonnen und die Türe zur weißen Vorhölle aufgestoßen. In der Morgendämmerung lag bereits eine „Knieamölbö“ (kniehoch; 30-45 cm) frischer Pulverschnee. Mühsam mussten wir zur Schule stapfen. Von Straßenräumung, wie wir sie heute gewohnt sind, war kein Gedanke. Was hätten die beiden Wegmacher mit ihren Schneeschaufeln schon ausgerichtet?! Mit den paar privaten, pferdegezogenen Schneepflügen aus Holz und Eisenblech war es so eine Sache. Die hatten erst selbst einen weiten Weg bis zur Straße vor sich und murksten darauf die längste Weile herum, ohne viel zu verrichten. Und der Einsatz von Räumgeräten der Straßenverwaltung – ich bin mir sicher, dass man damals kaum über etwas Gescheites verfügte -, ließ oft halbe Tage lang auf sich warten. Kurzum, unser Heimweg nach dem Unterricht war nur noch beschwerlicher geworden, weil es ununterbrochen munter weitergeschneit hatte. Aus Sorge, dass wir stecken bleiben könnten, hatte uns der Lehrer früher entlassen.

Es war ein Tag, an dem es nicht recht Tag wurde, so verhangen, düster und trüb blieb es draußen. Nicht einmal zur Schattseite hinüber konnten wir sehen. In Küche und Stube mussten wir schon zu Mittag Licht einschalten. Gespenstisch still war’s um die Häuser, kein Vogel zeigte sich, kein Laut war zu hören; und es fiel Schnee und Schnee und unentwegt Schnee, als wäre es das einzige auf der Welt. Nicht lange, dann war es mit einmal, als hätten sich sämtliche Schleusen geöffnet und man schütte ihn wahllos aus riesigen Schäffern und Zubern. Unsere Männer konnten weder den kurzen Weg zum Stall und zur Straße ausschöpfen noch entlang der Hauswände anständig räumen. Wir Kleinen belagerten die Fenster.

Neugier und Bange, was wohl im Freien werde, wechselten bei uns. Auf den Häusern und Hütten türmten sich fast unüberschaubar hohe Stöße von Schnee, auf Schrägen und Kanten wuchsen wulstige Pölster von gewaltigem Ausmaß, und auf Pfosten, Stangen und vorstehenden Köpfen gar ulkige Gupfe und makellos spitze Kegel. Was an Brettern, Balken und Planken unter Traufen geschützt schien, vermummte ein Stäuben mit feinsten Kristallen. Nachbars Härpfe, sonst unbeachtet, geriet in ihrer grotesken Verzierung zum bestaunten Zaubergerüst. „Kindolan, betit la a win, und vogesst o des schröcklichö Wetto!“ bemerkte die Mutter ein paar Mal. In ihrer Stimme schwang leise Besorgnis. Gab’s gar Zweifel, ob die Stube, wo wir uns aufhielten, ein sicherer Ort für uns wäre?
Wie befürchtet, verlöschten über kurz auch die elektrischen Lampen. Wäre wohl wieder einmal die Leitung erdrückt worden und ein Masten umgefallen, meinte der Vater, und holte den petroleumgespeisten Zylinder, der fast jeden Winter einige Male zu Ehren kam, aus dem finsteren Keller. Beim flackernden Lichtschein, sonst heimelig traulich, verrannen träge die Stunden. Wir rückten noch enger zusammen. Bis Abend und Nacht eins waren, hatte es draußen kein einziges Mal auch nur ein bisschen Atem geholt; im Gegenteil: Es kam stürmischer Wind auf und jagte uns Kindern gehörige Angst ein.

Unheimlich, wie der übers Land ritt und den garstigen Schnee an die Scheiben peitschte! Bei jeder gröberen Böe ging ein Zittern durchs Haus, und vom Dachboden herunter kam es wie fernes Donnergegroll. Wenn’s noch länger so tobte, wären wir anderntags alle lebendig begraben.

Bei jeder gröberen Böe ging ein Zittern durchs Haus, und vom Dachboden herunter kam es wie fernes Donnergegroll.

Am Morgen hatte der Himmel ein Einsehen: Der wütende Sturm war besänftigt. Vielleicht hatte er sich über Nacht die Seele vom Leibe geblasen. Das Maß der Bescherung, glaubten wir, wäre nun voll. Aber mitnichten: Der neue Tag wurde kaum heller und freundlicher als sein düsterer Vorgänger, und der Schneefall um kein Stäubchen geringer.

Am späten Vormittag, als noch alles inbrünstig hoffte, jetzt könnte, jetzt müsste es endlich zu schneien aufhören, standen unsere Männer und der Wies-Seppe in der Labe im Gespräch beieinander. Höchstbedenklich und immer gefährlicher werde es, wenn das verruchte Wetter nicht bald nachließe. Die Holzdächer würden einbrechen, dann hätten wir die Katastrophe komplett! So ging die Rede. Und noch immer könne man dagegen nichts Rechtes unternehmen, ja nicht einmal gescheit die Nase vor die Tür stecken. „Ihra Muito“ (Nachbars Mutter), uns eher als zurückhaltend und wortkarg bekannt, trat aus der Küche und fuhr dazwischen: „Geht, Leit, und steht öt aba m‘ andndo! Tit äppas! Dreihundo(r)scht Johr adt’s ins öt indoschnieb’m; hitz do richtat’s is bad!“ Das brachte die an der Hausversammlung Beteiligten noch mehr aus der Fassung. Ganz nervös traten sie auf der Stelle und gingen schließlich hastig auseinander. Wir waren aufs höchste gespannt. So würde es uns unweigerlich einschneien, wenn nicht zuvor schon das Haus barst und wir elendiglich zugrunde gingen. Welch entmutigende Vorstellung!

Jede Freigebigkeit nimmt einmal ein Ende; auch die der Natur. Uns kam’s vor wie die Erlösung, als zur Marendezeit die unendliche Fülle des Himmels abriss und kein einziges Flöckchen, auch nicht ein verspätetes oder verirrtes, in der Luft zu entdecken war. Wir konnten es gar nicht fassen. Doch dann, vors Haus gestürzt, erkannten wir mit einmal das ganze Ausmaß und die Beschwernis des ungebetenen Segens. Er war fast zu reichlich bemessen für uns.

Bis zur einbrechenden Dunkelheit gab es ein hartes Stück Arbeit. Hei, war das ein emsiges Scharren, Schöpfen und Schaufeln! Wie rückten die Männer den gewaltigen Schneehaufen zu Leibe, dass hier ein passabler Zutritt entstand und dort eine Wegwand noch höher emporwuchs; so hoch, dass keiner mehr drüber sah, und wir meinten, wir befänden uns in stollenähnlichen Gängen, wo man sich auch mit Rufen verständigt!

Das Abschöpfen des Feuerhausdaches am folgenden Tag – die meisten im Dorf hatten guten Grund, die Tragfähigkeit ihrer Dächer in Zweifel zu ziehen und sie umgehend von der schweren Schneelast zu befreien – war heikel genug. Vor allem sollte der massenhaft vorhandene Schnee, wenn er Boden bekam, nicht wieder nur im Wege sein und alles behindern. Während der beiden vergangenen Tage hatten wir überhaupt nicht aus der Küche schauen können, so mächtig und hoch und so knapp vor den Fenstern lag der Schnee. Wie in einem finsteren Bunker war uns zumute gewesen. Das musste schnell anders werden!

Der große Schnee im Jänner 1917: Kein Durchkommen in der Lienzer Muchargasse. Fotograf unbekannt, Stadtarchiv Bozen, TAP
Der große Schnee 1951: Fahrt mit dem Jeep durch einen Tunnel in der Haslachlawine in Kals. Foto: Sammlung Agrar Lienz, TAP
Der große Schnee 1951. In Virgen lagen damals 1,8 Meter. Foto: Robert Papsch, Sammlung Siegfried Papsch, TAP
Der große Schnee 1984, fotografiert beim Antoniuskirchl von Liesl Gaggl-Meirer. Sammlung Lisl Gaggl-Meirer. TAP
Der große Schnee 2014. Lienzer Hauptplatz, fotografiert von Wolfgang C. Retter.
Der große Schnee im Dezember 2020, fotografiert von Wolfgang C. Retter

Wir Kleinen betrachteten das Schneeräumen lieber aus der Entfernung und mehr als Spaß, denn als harte Anstrengung. Selbst waren wir zu schwach, um tüchtig mithelfen zu können; und weil die Sonne gar so freundlich wieder vom Himmel lachte und die herrlich hingebreitete Winterlandschaft beschaute, hatten wir den jüngsten Schrecken bald überwunden. Ans Schulegehen war vorerst nicht zu denken. Wo wir die Straße vermuteten, entdeckten wir bloß eine erbärmliche Fußspur. Ob sie weiterführte oder hinter der nächsten Wegbiegung abbrach, konnten wir nicht ausmachen. Trotz allem überkam uns bald wieder der Übermut. Wir erfanden das Schneehüpfen.

Von der Brüstung des Futterhaussöllers sprangen wir Buben ins daunenweiche Weiß in Nachbars Garten hinunter. Beim ersten Mal hatte ich die Technik meines Vorspringers Bruder Seppe vermutlich nur mangelhaft umgesetzt. Mit den Füßen voran tauchte ich wie ein Senkblei in die tiefe, lockere Schicht ein, dass der flaumige Schnee über mir zusammenschlug und ich weder Boden noch Licht und Luft spürte. Ich fürchtete ums Haar, ersticken zu müssen. Solch heftige Beklemmungen hatte ich zuvor noch nie gehabt. Sie waren mir bis in die Knochen gefahren.

Auf den Gedanken, vom Futterhausdach herunter Ski zu fahren, verfiel ich selber. Es bot sich geradezu als einmalig an, denn von der Traufe spannte sich eine nahtlose und druckfeste Schneebrücke zu Boden. Unsere Leute hielten mein kühnes Unterfangen für eine überflüssige und gefährliche Narretei. Es wurde mir auch über kurz abgestellt.

Drei, vier Tage blieben den Leuten im Tale, um sich von den Schneemassen zu befreien und die Wege in Ordnung zu bringen. Die Straße war in einen tiefen Hohlweg mit breiter Sohle verwandelt, dessen Wände senkrecht in die Höhe ragten, und die schadhafte Stromleitung instandgesetzt. Die Oswalder, (Anm.: Bewohner von St. Oswald) – wir konnten es gut beobachten – schienen auf verlorenem Posten zu stehen, als sie ihr Sträßchen räumten. Es war uns, als mühe sich da draußen in der gleißenden, weißen Wüste der versprengte Haufen eines aufgeriebenen Heeres umsonst durch die zimmerhoch verschneiten Hänge: Köpfe mit Hüten und wollenen Kappen tauchten abwechselnd überm Schnee auf und wieder unter, Schaufeln blinkten im Tageslicht, dann und wann traf ein metallener Klang unser Ohr, und nur die Griff für Griff und Hub für Hub in die Luft und zur Seite geschleuderten, würfeligen Schneebrocken brachten zutage, welch strenges Geschäft hier im Gange war. Öfter als ihnen lieb war, rutschte beim Höhran der Schnee in kleinen Lawinen von den abschüssigen Wiesen und verlegte ihr Tagwerk.

Nachdem die Lage allenthalben einigermaßen hergestellt war, funktionierte auch wieder der „Nachrichtendienst“ in der Nachbarschaft und im Dorfe. Von der Schattseite, wo sie bestimmt nicht weniger Arbeit und Mühe mit dem Schnee gehabt hatten, wurde uns zugetragen, dass der Drasch Hans (Johann Wieser, Außerdraschl) seine hochschwangere Frau kurzerhand auf einen Hornschlitten gepackt und über die Hollbrucker Felder hinunter über Röbland nach Sillian gebracht hätte. Wie ihm das gelungen sei, ohne richtigen Weg, wäre ein kleines Wunder; aber immer noch besser, als daheim herzupassen und bei der Entbindung, wenn sie kritisch wäre, keinen Doktor aufzubringen. Dem Himmel war nicht zu trauen.

Insgesamt hätte der gefallene Schnee, wäre er nicht zusammengesunken und hätte er sich kein bisschen verfestigt, wohl die unvorstellbare Höhe von 12 Metern erreicht.

Wie gesagt, gerade zum Verschnaufen hatten wir Zeit gehabt, aber beileibe nicht zum Feiern. Am 12. des Monats, kaum, dass wir’s meinten, setzte wiederum heftiger Schneefall ein, und es erweckte ganz den Anschein, als sollte derselbe Tanz wie vorher von Neuem beginnen. In der Tat, es wurde beinahe noch ärger, weil niemand mehr aus noch ein wusste, wie der gewaltige Nachschub von oben zu bewältigen wäre. Drei Tage lang währte der grausige Spuk. Es schneite das Graue vom Himmel; und der Spaß war uns ehrlich vergangen.

An einem dieser verwunschenen Schlechtwettertage war ich einmal dem Vater vors Haus gefolgt und hinter ihm durch den Schnee hinauf zur Straße gewatet. Da tauchte vor uns aus der grauen Wand aus Nebel und treibenden Flocken ein seltsamer Zug auf: schneeverwehte, dunkle Gestalten auf Skiern und Schneereifen, die ein fest verschnürtes größeres, längliches Bündel hinter sich herzogen. Es waren Tilliacher, die eine schwerkranke Frau – sie war um und um in grobe Decken gehüllt – zum Zug brachten, und gewiss nicht kleinmütige Männer, wenn sie den weiten und beschwerlichen Weg – es war keinerlei Spur im Tiefschnee vorhanden – auch noch nach Tassenbach (Bahnstation) hinter sich brachten! Die schier erbarmungswürdige Frau auf dem einfachen, bodeneben dahingezerrten Gefährt aus bretterähnlichen Kufen, Gurten und Riemen dauerte uns schrecklich. Der Wunsch, sie möchte wohl rechtzeitig nach Lienz ins Krankenhaus gelangen und die unmenschlichen Strapazen und ihre Ängste heil überstehen, war uns im Halse stecken geblieben.

Dieser elendslange, strenge Winter besorgte uns noch bis in den späten März ein paar gewaltige, tatschatö Hock’n Schnöa. Einmal, erinnere ich mich, kamen die Rehe bei hellichtem Tag aus dem Wald. Hilflos staken ihrer vier, fünf auf unserer Wiese im Schnee; ganz verstört, wie es schien, als verstünden sie den lieben Gott und die Welt nicht mehr. Wir befürchteten, sie könnten völlig ermatten und kläglich erfrieren. Über Nacht hatten sie sich wieder unter die Bäume gerettet.

Insgesamt hätte der gefallene Schnee, wäre er nicht zusammengesunken und hätte er sich kein bisschen verfestigt, wohl die unvorstellbare Höhe von 12 Metern erreicht. Erinnerlich ist mir auch noch, wie die Straße gründlich geräumt wurde. Da standen die Kartitscher Männer tagelang auf dem Plan. Damit man endlich wieder festen Boden gewinne, wurde der Schnee vom unterst Stehenden zur Höhe gebracht, vom nächsten übernommen und noch höher geworfen und vom dritten zuoberst schließlich zur Seite gehäuft. Das war schweißtreibender „Tagbau“! Bei dieser Arbeit hätten sie in die Tannlö während der Brotzeit bequem die Handschuhe auf die Telefondrähte hängen können; so hoch sei dort der Schnee gewesen, erzählten sich die Leute.

Die Bauern hatten allerdings größte Sorgen, wie sie das Bergheu heimbrächten. Vor allem von Obstans herunter schien ihnen die Gefahr von Lawinenabgängen viel zu hoch. An den Flanken der Gatterspitze hatten sich turmhohe Wächten und Überhänge gebildet, die jederzeit abbrechen und zu Tal stürzen konnten. Bei ihren Überlegungen kamen sie sogar auf den Gedanken, dieselben mit einem kilometerlangen Seil von oben nach unten durchzuschneiden und so zum Absturz zu bringen. Es kam nicht dazu. Die wuchtigen Schneemassen lösten sich eines Tages von selbst.

Wider Erwarten hatte der „große Schnee“, wie dieser Winter in meiner Erinnerung fortlebt, weit geringere Schäden verursacht, als befürchtet. Zur Schneeschmelze war kein Hochwasser zu beklagen. Die Natur erholte sich rasch. Der Anbau konnte noch beizeiten begonnen werden, und es wurde, wie unser Vater meinte, noch ein brauchbares Jahr.

Credits
  • Autor: Dr. Lois Ebner
  • Fotografie: Tirol Archiv für Photografie TAP, Liesl Gaggl-Meirer, Robert Papsch, Wolfgang C. Retter
Ein Posting verfassen

Sie müssen angemeldet sein, um ein Posting zu verfassen.
Anmelden oder Registrieren

4 Postings bisher
Chronos

Sehr schöne Erinnerungen aus Kindheitstagen die Herr Ebner Alois seinen Nachkommen hinterlassen hat! Strahlend, charmant und sprachgewandt. Begrüßenswert, diese „Gschichtln“ vom großen Schnee aus dem Jahre 1951, mit Fotos von damals hier auf dolomitenstadt.at wiederzugeben.

    Ceterum censeo

    Stellt euch einml vor, dieses "Gschichtl" vom goßen Schnee würde sich im Jahre 2021 wiederholen. Nicht auszudenken! Allein die vielen Autos wären ein großes Hindernis für die Schneeräumung. Wie man liest: Herr Lois Ebner war äußerst sprachbegabt (seine Schreibstil erinnert mich irgendwie an Puschkin), aber, wie Mitschüler wissen, auch im Lateinischen gut drauf. Damals, in der Gymanasialzeit in Innsbruck, war es für Buben vom "Lande" nicht leicht, die Umstellung auf das Stadtleben (Dialekt, Kleidung) problemlos zu schaffen. Die Söhne aus der Innsbrucker Bürgerschaft mussten zur Kennnis nehmen, dass auch im entfernten Osttirol - besonders in Kartitsch, darum der hohe Akademikeranteil - hochstehend gelehrt wird. Wer Loisen`s Buch "Wiese" gelesen hat, soll sich besonders dem Abschnitt "Studieren gehn" widmen; wie es überhaupt dazu gekommen ist. Schade, dass das Buch vergriffen ist. Nochmals zum Schnee: Hoffentlich macht Frau Holle im Feber - wo oft eine größere Ladung Weiß von oben kommt - nicht noch einmal die Schleusen auf. Dann wirds brenzlig. Und gefährlich.

r.ingruber

"Vielleicht hatte sie jemand im Pustertal aufgeschnappt, vielleicht stammte sie auch nur aus unserem Ort und von ängstlichen Menschen, die den in einem Kalender abgedruckten, alten Bauern- und Wetterregeln allzu viel Gewicht beimaßen. Solche Botschaften brachten uns nicht aus der Ruhe, auch wenn sie nichts Gutes verhießen." Wer so über eine Jahrhundertkatastrophe berichtet, ist nicht nur sprachlich begabt, er ist auch weise. Lois Ebner hat seine Kindheitserinnerungen 1995 veröffentlicht und seinen eigenen Kindern gewidmet, die ihm gewiss nicht den Vorwurf machen, er hätte mit zehn Jahren noch nichts begriffen.

    senf

    phantastisch, emotional erzählt. dazu sind nur mehr wenige in der lage. schade.

    wie man im bild von virgen sieht, ist der bezirkshauptmann persönlich zur lagebesprechung angereist 🤔