Die fabelhafte Welt des Clemens Erlsbacher
Die fabelhafte Welt des Clemens Erlsbacher

Ein dreigeteiltes Ausstellungsplakat mit Pappmaché-Figuren; eine Badende fragt den Maler, der sie zeichnet, was er mache. Seine Antwort ist ebenso lapidar hingeworfen, wie unvergesslich: „Ich mache Kunst, sonst nichts.“ Sein Modell antwortet noch darauf, dass er das wohl nur zur Einschüchterung oder zum Beeindrucken sage, doch jener eine Satz bleibt ein kluger wie ironischer Wegweiser zum Anspruch der neuen Galerie in der Kunstwerkstatt der Lebenshilfe. Als diese klein und fein gestaltete neue Galerie im Juni 2015 mit einer Ausstellung von zehn Künstlern eröffnete, erregte das oben beschriebene Ausstellungsplakat die Aufmerksamkeit von Dolomitenstadt. Wir machten uns auf die Suche nach dem uns vorher unbekannten Künstler. Es war einfacher, als erwartet, denn Clemens Erlsbacher lebt und arbeitet in Lienz, und das bereits seit 19 Jahren.

Reduktion auf das Wesentliche

Es gibt kaum Erfrischenderes als ein Gespräch mit Clemens Erlsbacher – wenn man gelernt hat, dass nicht alles besprochen werden muss. Kurze, prägnante Sätze. Ganz ohne Eigenschaftswörter. Häufig ohne Verben. Nur das Wesentliche. Mehr ist nicht mitzuteilen. Seine Werke erklären sich in ihrer Klarheit selbst. Worte – nicht unbedingt notwendig. Seine Kunst zu zerreden, das würde ihm nie passieren. Manchmal grinst er, denn er weiß, dass er gesprächiger sein könnte.

Stattdessen überlässt er einem seine Zeichnungen in Ruhe, wartet auf ein Signal, dass man bereit für das nächste Bild ist. Er dreht die Bilder zurecht, macht einen darauf aufmerksam, wenn man etwas „falsch“ betrachtet und wartet auf die Reaktion. Wenn diese ausfällt wie erhofft, amüsiert er sich. Am besten scheint es ihm zu gefallen, wenn man ein wenig erschrickt.

Clemens Erlsbacher hat Sinn für Science-Fiction. Da ein Flugzeugcockpit, dort ein Zug, der 600 km/h fährt. Seine Monster besitzen einen ebenso trocken-spröden Charme wie er selbst, und die Monster fressen wiederum am liebsten Frauen in von Erlsbacher designten Badeanzügen – „immer das Gleiche ist auch langweilig“, meint er dazu – und mit langen Haaren, denn: „Ja, freilich! Das ist weiblich. Anders mag ich es nicht“, sagt er lachend.

Wenn man fragt, wie man seinen Monstern entkommen könne, meint er nur: „Gar nichts mehr kannst du machen.“ Dann schaut er sehr aufmerksam in die hoffentlich überraschten Gesichtszüge seines Gegenübers und lacht. Das Gespräch ist dann schon wieder zu Ende.

Comics, Monster, Frauen

Warum ausgerechnet Comics? Der Hintergrund dazu wäre interessant, also schon wieder eine Frage – dabei sollte man sich auf sein Werk konzentrieren. Ein Gespräch mit Clemens Erlsbacher läuft ungefähr so ab:

Sie lesen auch gerne Comics? – Ja. (Pause)

Darf ich fragen, welche? – Unterschiedlich. (lange Pause)

Und bevor Sie Comics gemacht haben, was haben Sie da gemalt? – Auch gemalt. (Pause, er lacht)

Was waren denn Ihre Lieblingsthemen? – Frauen. (breites Grinsen, Pause)

Könnte ich mir noch einige Zeichnungen anschauen, bitte? – Hier ist ein Comic. Das ist alles selbst gezeichnet.

Ah, mit Texten! – Mit Texten, ja. (lange Pause) Ja, man muss schon eine Grundidee haben, sonst geht nichts.

Und wie fällt Ihnen diese ein? – Einfach so, mit der Zeit. (Pause)

Aus heiterem Himmel? – Ja.

Wenn Coolness einen neuen Begriff bräuchte, könnte man sich an Clemens Erlsbacher orientieren. Dementsprechend ist der Umgang mit seinen Selbstportraits ein rein selbstverständlicher. Ganz ohne Eitelkeit. Haarfarbe oder Figur spielen keine Rolle, der Künstler, das ist zwangsläufig er. Immer wieder. Lapidar sagt er dann: „Das im Boot bin ich selbst.“ Und gleich wird wieder eine Frau auftauchen, danach vielleicht ein Monster. Die Vorstellung gefällt ihm. Manch eine Geschichte hat ein zweites Ende, ganz besonders, wenn „Monster“ im Spiel sind: Dann wird die Frau in der einen Version vom Hai gefressen und ein anderes Mal gibt es ein Happy End.

Ein bisschen Krimi gehört in Erlsbachers Comics auch dazu. Die Fehler seiner Helden belustigen ihn ebenso, wie deren Boshaftigkeiten, etwa ein Banküberfall oder in einem aktuellen Comic die Entführung eines Zuges, die er „fladern“ nennt.

Inspiration sind das Meer und Bücher

Sein vielleicht interessantester Comic: Hunde, die genug davon haben, dass sie an der Leine geführt und von Menschen herumkommandiert werden. Clemens Erlsbacher erklärt seine Zeichnungen so: „Das ist wieder eine selbst erfundene Geschichte, wo die Hunde miteinander reden und denken: ‚Na, so können wir es nicht machen! Wir müssen den Spieß umdrehen.’“ Er amüsiert sich prächtig, während er das erzählt und wiederholt: „So geht es nicht. Das ist kein Hundeleben für uns, wir müssen den Spieß umdrehen. Wieso tun wir nicht die Menschen an die Leine, so geht es nicht.“

Seine Augen blitzen, während er das sagt, und zweifellos denkt man dann, dass man sich nie sicher sein kann, ob er lächelt oder ob er einem die Sätze unabsichtlich so entgegenwirft. Ein wenig macht er den Eindruck, als würde er im Theater sitzen und warten, welche Art der Unterhaltung auf ihn zukommt. Dabei ist er alles andere als ein passiver Mensch – wie auch, als Künstler. Clemens Erlsbacher ist zudem Kanute und kürzlich beim Dolomitenmann hatte er alle Hände voll zu tun, die Kanus und die Kajakfahrer beim Zieleinlauf zu ordnen. Rettungsschwimmer ist er auch. Und er mag sein Fahrrad und natürlich die neue Galerie in der Kunstwerkstatt. Hier arbeitet er nun teilweise, macht Führungen und empfängt die Galeriebesucher.

Wenn er einen durch die Räumlichkeiten führt, ist das zielgerichtet. Er macht keine Umwege, zeigt nicht auf Nebensächliches und redet ebenso wenig Nebensächliches. Seine Konzentration liegt auf dem, was vor ihm wartet. Wie seine Sprache und seine Zeichnungen. Inspiration sind das Meer und Bücher. Während diese Zeilen entstehen, weilt Clemens Erlsbacher in Bulgarien. Am Meer. Dort will er sich inspirieren lassen. Will fotografieren. Ja, er ist auch Fotograf. Derzeit hauptsächlich, um die Inspiration festzuhalten. Um sie danach jederzeit wieder vor Augen zu haben. Wenn nicht das Meer, dann holt er sich Ideen aus Büchern, wie er sagt: „Ja, Bücher, und ich ändere es dann ein bisserl um. Weil oft baue ich ein wenig an Grundstruktur ein, und dann ändere ich sie.“ Letzteres erscheint ihm wichtig, und wenn man ihn nach seinem eigenen Stil fragt, sagt er sehr konkret: „Genau.“

Clemens Erlsbachers Arbeiten mögen noch ein Geheimtipp sein, doch kann man sie kaufen. Fragt man ihn danach, verweist er auf Rudi Ingruber, der wie ein väterlicher Freund wirkt. Ja, die Werkstatt von Clemens ist die Werkstatt der Lebenshilfe. Doch da halten wir es mit Clemens Erlsbacher: Das ist nun wirklich kaum erwähnenswert.

Credits
  • Autorin: Daniela Ingruber
  • Fotografie: Miriam Raneburger

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