Gabriele Fischer ist seit April 2018 Landesrätin für Soziales, Frauenpolitik und Integration. Fotos: Expa/Jakob Gruber

Gabriele Fischer ist seit April 2018 Landesrätin für Soziales, Frauenpolitik und Integration. Fotos: Expa/Jakob Gruber

Die Frau fürs Soziale
Die Frau fürs Soziale
Porträt einer „Klinik-Rebellin“, die in die Politik ging.

Die Osttirolerin Gabriele Fischer ist das einzige neue Gesicht in der Tiroler Landesregierung und betont ihren Respekt vor dieser Rolle. Der Grünen-Politikerin eilt jedoch ein Ruf als bestens vernetzte Macherin voraus. Unterschätzen sollte man sie nicht.

Der neue Terminplan rächt sich an diesem sommerlich heißen Nachmittag: Bei achtundzwanzig Grad eilt Gabriele Fischer von einer Besprechung im alten Landhaus in den neueren Bau am Eduard-Wallnöfer-Platz, um mit fünfzehn Minuten Verspätung und schnellem Atem in ihrem frisch bezogenen Büro anzukommen. Zeit zum Verschnaufen blieb der Sozial-Landesrätin seit der Angelobung der schwarz-grünen Regierung Ende März auch sonst nicht wirklich: „Es war schon alles recht kurzfristig und eng getaktet“, gibt sie zu. Man kauft ihr ab, dass sie von der neuen Aufgabe selbst ein wenig überrascht wurde.

Ihr Ressort, das die 49 Jahre alte Grünen-Politikerin von Vorgängerin Christine Baur übernahm, ist kein Kleines: von Kinder- und Jugendhilfe über Frauenpolitik und Integration bis hin zu Stiftungs- und Fondswesen reicht ihr Aufgabengebiet. „Zum Glück bin ich in den meisten Themen schon drin, weil ich sie als Landtagsabgeordnete bearbeitet habe“, sagt Fischer. „Ich kenne auch durch meine ehrenamtlichen Tätigkeiten schon die wichtigen PlayerInnen.“

Die Heimat ist nicht vergessen

Lange Arbeitstage seien ihr in den vergangenen fünf Jahren ebenfalls nicht fremd gewesen: „Ich hatte immer das Gefühl, direkt für Menschen zu arbeiten und davor empfinde ich nach wie vor großen Respekt“, erklärt sie. Der persönliche Austausch liege ihr, darum sei sie auch früher schon viel unterwegs gewesen. „Aber ich bin jetzt viel verplanter mit Besprechungen.“

Gabriele Fischer in ihrem neuen Büro: „Ich hatte immer das Gefühl, direkt für Menschen zu arbeiten.“

Nun muss sie eben noch effizienter arbeiten und Prioritäten setzen. Bürodekoration gehört nicht dazu. Da ist nur dieser mannshohe, rostige Eisenspaten neben ihrem Schreibtisch, eine „recht lustige Skulptur“, die ein wenig an ihre frühere Arbeit als Landschaftsplanerin erinnert. Die Muse, neue Bilder auszusuchen, hatte sie bisher nicht und die praktisch anmutenden Büromöbel werden weitergenutzt. Pragmatisch und bodenständig, so sieht sie sich auch selbst.

Ihr weißes Spitzenoberteil zum hellen Hosenanzug verrät allerdings einen gewissen Sinn für das Schöne. Sie macht auch kein Geheimnis daraus, wie gern sie das Kulturangebot Innsbrucks nutzt und dass sie leidenschaftlich klassische Musik hört. Als Schülerin ging sie mit siebzehn Jahren kurzerhand von Lienz nach Florenz, um dort Sprachen zu lernen. „Das war damals noch sehr ungewöhnlich.“

Mit ihren beiden großen Kindern fährt sie noch regelmäßig in die Osttiroler Heimat – wo ihre Mutter und ihr Bruder leben – und ist dort entweder am Tristacher See oder im „Il Gelato“ auf dem Lienzer Hauptplatz anzutreffen. „Die Leute daheim wissen, ich bin ein Gelato-Fan“, sagt sie und lacht.

Auszeiten sind heilig

Das war’s dann, viel mehr soll über sie gar nicht öffentlich werden. Sie grenzt sich ganz bewusst ab und will „mal schauen, wie das klappt“. In der Freizeit nur noch „die Landesrätin“ genannt zu werden, erscheint ihr nämlich jetzt schon seltsam. „Ich bin doch kein anderer Mensch als vorher, nur weil ich plötzlich diese Aufgabe habe.“

Es kommt aber vor, dass sie morgens um sieben, unweit des Landhauses, in der italienischen Bar „La Cantina“ ihren ersten Kaffee trinkt und bereits auf Politik angesprochen wird. „Von mir aus soll man sich dazustellen und ein Gespräch versuchen“, scherzt sie. „Aber mein Caffè und die kurze Auszeit sind mir heilig.“

Bei ihrem zweiten Job als alleinerziehende Mutter sind solche Momente auch nötig. Denn zuhause mit ihrem Teenager Clemens und ihrer bald zwanzig Jahre alten Tochter Rebecca sei sie auch nach der Arbeit gefordert. „Kinderbetreuung ist das nicht mehr, aber Beziehungsarbeit“, sagt sie.

„Die Familie ist mein Korrektiv. Da geht es abends um ganz andere Sachen: Wurde eingekauft, sind die Hausaufgaben gemacht?“ Der private Alltag ist ebenso normal wie wertvoll und darum hält sie die Beiden auch raus aus dem Tagesgeschäft: „Ich bin in die Politik gegangen, nicht meine Kinder.“

Klare Worte für „Brennpunkte“

Statt über ihr Privatleben spricht sie viel lieber schnell und leidenschaftlich über jene, für die sie sich als Sozial-Landesrätin verantwortlich fühlt: Frauen, Kinder aus benachteiligten Familien oder Jugendliche in Krisen.

Konkrete Versprechungen macht sie bei all den „Brennpunkten“, die auf ihrer To-Do-Liste als Landesrätin stehen, aber noch wenige. Wohl auch, weil sie keine brechen will. Denn ihre Handlungsfähigkeit wird ebenso wie bei ihrer Vorgängerin durch das Kräfteverhältnis der schwarz-grünen Regierung bestimmt.

Sie sei durchaus zu Zusammenarbeit fähig. „Sonst wäre ich hier fehl am Platz“, sagt Fischer. „Aber ich bin auch Eine, die klare Worte findet und sich mit Ausdauer um Themen kümmert, die wichtig sind.“ Sie erwartet den Anbruch einer sozialen Legislaturperiode in Tirol.

Herausstellen wird sich das unter anderem bei der neuen Tiroler Mindestsicherung, für deren straffe Mitgestaltung die Grünen von ihrer Klientel viel Kritik bekommen haben. Die Deckelung der Wohnkosten, die an den Realitäten des heimischen Mietmarkts offenbar vorbeigegangen war, muss noch einmal überarbeitet werden. „Und zwar schnell“, wie Fischer sagt. „Die Lage hat sich ja schon Anfang des Jahres dramatisch zugespitzt, mehrere Familien waren kurz davor, ihre Miete nicht mehr zahlen zu können.“

Die Härtefallkommission habe genug Fakten beisammen, die klar zeigen würden, wie viele Menschen betroffen sind und welche Mittel fließen müssen. „Wir reden da schon über gewisse Summen, die man in die Hand nehmen muss“, sagt Fischer. „Aber das Geld würden wir ja an anderer Stelle wieder ausgeben. Wir verlagern sonst nur das Problem.“

„Ich bin Technikerin“

So etwas wäre ineffizient und unlogisch – und mit mangelnder Logik kann sie nicht viel anfangen. „Ich bin Technikerin“, sagt sie mit einem Seitenblick auf ihre Spaten-Skulptur. „In der Landschaftsplanung hat man die Zahlen und Fakten, findet die beste Variante und schließt das Projekt irgendwann erfolgreich ab.“

Politische Arbeit funktioniere jedoch völlig anders: „Natürlich kann es eine Quelle von Frust sein, wenn das, was du erreichen willst, auf einen Konsens hinausläuft.“ Frust erziele jedoch selten Lösungen, gute Argumente schon eher.

„Ich bin Eine, die klare Worte findet und sich mit Ausdauer um Themen kümmert, die wichtig sind.“

Eine Frage stellt Fischer im Gespräch darum mehrmals: „Bringt das die Gesellschaft wirklich weiter?“ Nein, lautet ihre Antwort meist, wenn die Sozialpolitik der aktuellen Bundesregierung zur Sprache kommt. „Der Neid wird von den Populisten aktuell derart geschürt, dass es fast schon körperlich weh tut“, stellt sie fest.

Die Mindestsicherung sei das Mindeste, was ein Mensch zum Leben benötige, keine Luxusleistung. „Kinder in solchen Familien sind von echter Armut betroffen. Da geht es darum, ob man sich Winterstiefel leisten kann oder nicht“, nennt sie ein Beispiel. „Wir haben alle Zahlen und nehmen es dennoch hin, dass in einem reichen Land wie Österreich 400.000 Kinder von Armut bedroht sind“, sagt sie laut. „Ich verstehe das nicht.“

Der Kampf für Alleinerziehende

Ihr Familienverständnis sei auch weit entfernt von dem der aktuellen Regierung: „Für mich ist Familie da, wo Kinder sind.“ Unbegreiflich ist ihr darum das Modell des Familienbonus. „Alle wissen, dass nur ein Bruchteil der Alleinerziehenden davon profitieren wird.“ Ausbaden müssten es deren Kinder, zu hohen gesellschaftlichen Kosten.

Wieder so etwas, das ihr nicht in den Kopf will: „Es wäre nicht einmal unbedingt teurer, die Situation der Alleinerziehenden mitzudenken – sei es bei der Kinderbetreuung oder bei den Arbeitszeiten“, fordert Fischer. 12-Stunden-Tage seien nämlich für niemanden auf Dauer machbar. „Wir könnten doch der Maßstab sein: Wenn es den Alleinerziehenden gut geht, geht es allen Familien gut.“

Als Vorsitzende der Österreichischen Plattform für Alleinerziehende wird sie jedoch nicht mehr für deren Rechte kämpfen können. Ihre ehrenamtlichen Funktionen hat sie bereits alle niedergelegt, auch wenn es sie schmerzt. „Es geht ja nicht, dass ich zivilgesellschaftlich arbeite und mir selbst ausrichte, was geschehen müsste.“

Mit freiwilligem Einsatz fing alles an

Es war nicht ihr erstes Ehrenamt, in das sie beträchtlich viel Zeit investiert hat. Als „Klinik-Rebellin“ wurde Gabriele Fischer nämlich medial bekannt, bevor sie jemals für die Grünen kandidierte: Mit der Plattform „Elterninitiativen und Selbsthilfegruppen für besondere und kranke Kinder“ deckte sie skandalöse Behandlungsfehler auf, zog mit betroffenen Familien vor Gericht und löste eine bundesweite Qualitätsdebatte aus.

Doch wie kam sie eigentlich dazu, sich damals so nachhaltig mit dem Leiter der Innsbrucker Kinderklinik anzulegen, bis der sie sogar auf 30.000 Euro verklagte?

Der ursprüngliche Auslöser für ihr Engagement sei gewesen, als sie ihre erstgeborene Tochter Rebecca am Ende des Jahres 1998 viel zu früh zur Welt brachte – und die Infrastruktur auf der Klinik für Frühchen und deren Mütter nicht mehr zeitgemäß fand. „Ich habe mich durchgesetzt und war in Innsbruck die Erste, die Rooming-In nach einer Frühgeburt gemacht hat“, erzählt Fischer.

Wie ihre Weggefährtin, die Innsbrucker Lebens- und Sozialberaterin Margot Lepuschitz, in einem späteren Telefonat versichert, stand sie dafür in ständigem Austausch mit einer Wiener Expertin für Neonatologie. Sie habe „alle Hebel in Bewegung gesetzt“, um die beste Betreuung zu bekommen. „So hartnäckig kann sie sein.“

Die Netzwerkerin

Nach unerfreulichen drei Monaten Klinikaufenthalt mit ihrer Tochter gründete Fischer eine Selbsthilfegruppe für die Eltern von Frühchen: „So wie mir sollte es keiner Familie mehr gehen“. Doch dabei beließ sie es nicht.

Margot Lepuschitz leitete damals wie heute eine ADHS-Selbsthilfegruppe und hatte plötzlich eine Nachricht von Fischer im Postfach: „Wollen wir uns nicht zusammentun?“ Die engagierte Mutter sei unglaublich gut darin gewesen, die vielen Interessengruppen der Plattform zu vernetzen, um ein gemeinsames Ziel zu erreichen: Der geplante Umbau der Kinderklinik sollte die Bedürfnisse von kleinen Menschen mit Down Syndrom genauso berücksichtigen wie die von Kindern mit Cystischer Fibrose, einer unheilbaren Stoffwechselkrankheit.

„Dafür fuhr sie in der Freizeit bis nach Dänemark, um sich moderne Kinderstationen anzuschauen“, sagt Lepuschitz. Nicht nur die Pläne habe sie dank ihres technischen Hintergrunds lesen können. „Sie hat sich in all die medizinischen Themen unglaublich tief eingearbeitet, da konnte ihr keiner etwas vormachen.“

Nützlich wurde das, als bei den Zusammenkünften der Eltern plötzlich nicht mehr der Umbau, sondern immer öfter das fahrlässige und übergriffige Verhalten des neuen Kinderklinikleiters besprochen wurde. „Wir hörten uns diese grauenhaften Geschichten an und wussten bald: Da läuft etwas ganz grundsätzlich schief“, sagt Lepuschitz.

„So wie mir sollte es keiner Familie mehr gehen.“

Keine Angst vor mächtigen Männern

Die bestens informierte Gabriele Fischer wurde mit ihren lästigen Fragen daraufhin zum Stachel im Fleisch der damaligen TILAK. „Es hieß oft: ‚Was spielt die sich hier schon wieder so auf?‘ Kaum jemand wusste, dass ich einmal ein Kind an dieser Klinik hatte“, sagt sie.

Denn der wahre Grund für ihr jahrelanges Engagement war ja schon lange nicht mehr privat: „Wir haben erkannt, wie schlimm die Zustände an der Klinik zum Teil waren“, sagt sie. „Und wir beschlossen, dass man so mit Kindern nicht umgehen darf.“

Gemeinsam mit den betroffenen Eltern verlangten die beiden Frauen Aufklärung, sandten Anfragen an alle Verantwortlichen gleichzeitig und informierten Journalisten. Ohne diesen Druck wären manche tragischen Fälle wohl nie öffentlich geworden.

Bei der Suche nach Antworten war Fischer damals kein medizinischer Titel zu lang und kein Mann zu mächtig. „Mich hat das maximal dazu befeuert, mich massiv zu wehren“, sagt sie. „Mit Larifari kann man Gabi nicht ablenken, da blättert sie einen auf wie ein Buch“, bestätigt Lepuschitz, ihre damalige Mitstreiterin. „Doch auch in der Konfrontation bleibt sie immer noch im Gespräch.“

Lepuschitz sei selbst dazu immer schon zu stürmisch gewesen, aber irgendwann habe sie ihre Freundin darin bestärkt, in die Politik zu gehen. Nach dem Motto: „Da kannst du mehr bewirken.“ Anfangs sei das eine reine Blödelei unter ihnen beiden gewesen. Aber inzwischen meint Fischer es ganz offensichtlich ernst.

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