Die perfekte
Linie
Die perfekte Linie
Tom Gaisbacher zählt zu den besten Extremskifahrern der Welt. Ihn treibt nicht einfach Abenteuerlust, sondern die Suche nach der Ästhetik eines Sports im Grenzbereich des Machbaren.

Angst ist ja angeblich ein schlechter Ratgeber. Als grundsätzlich ängstlicher Mensch mag ich das nicht wirklich glauben, schließlich lasse ich mich von meinen Ängsten gerne beraten, sie sind sozusagen mein Consultingteam in allen möglichen Lebenslagen. Jetzt sitze ich einem Mann gegenüber, der solche Ratgeber weder braucht noch kennt.

Respekt ja, der sei sogar sehr wichtig, „aber Angst darfst du keine haben“, erklärt mir Tom Gaisbacher, im Sommer Sonnenschutzmonteur in der Großstadt, im Winter Extremskifahrer auf Weltklasse-Niveau. Tom redet von dem Moment, in dem das Skifahren schon fast zum freien Fall wird, wenn man auf Steilhängen, die selbst der Gämse zu krass sind, mit Skiern hinunterblattelt und weiß: Sturz heißt aus.

So lange Tom und sein kongenialer Skipartner Samuel Anthamatten noch auf den Kanten ihrer Spezialbretter stehen, kratzen sie sogar in mehr als 50 Grad steilen Hängen noch die Kurve, aber ein Sturz kann im ultrasteilen Terrain zwischen Fels und Eis nicht mehr gebremst werden, weshalb Tom an diese Variante der Talfahrt gar nicht erst denkt. Hasardeur ist er dennoch keiner. Je länger unser Gespräch dauert, desto mehr verstehe ich die Schönheit der Kunst, die Tom und Samuel so gut beherrschen. Der Lienzer, der mit seiner Lebensgefährtin auf der legendären Dolomitenhütte und damit sozusagen mitten in seinem Element lebt, lässt ganz beiläufig ein Wort fallen, das mir nicht mehr aus dem Kopf geht: Ästhetik.

 Ich wollte mit Gaisbacher eigentlich über Adrenalin reden und über die Todessehnsucht, die ich jedem unterstelle, der einen Sturzhelm und eine GoPro sein eigen nennt. Aber jetzt sind wir beim Thema Schönheit in einem fast zenbuddhistischen Sinn. Der perfekte Schwung, die ideale Linie, die Spur, die vielleicht nur einmal in Jahren gefahren werden kann, weil Wetter, Schnee, Licht, Kondition und Glück sich in einem Moment vereinen, in dem Gaisbacher weiß: Heute geht diese Linie.

Foto: Martin Lugger

Ich muss unwillkürlich an chinesische Kalligrafie denken. Sie gilt in China nicht als Schrift, als Mittel zum Zweck der Verständigung, wie bei uns, sondern als Malerei, als Kunst. So ähnlich kommt mir das Verhältnis zwischen dem gewöhnlichen Pistenskifahrer und Tom Gaisbacher vor. Er ist ein Künstler auf Brettern, einer, der eine Spur nicht einfach fährt, sondern ein Zeichen in die Bergflanke malt, als perfekte – und vor allem einzig mögliche – Linie von oben nach unten. Und Tom bestätigt meinen Verdacht, wenn er ganz selbstverständlich meint: „Wenn du unten angekommen bist und hinauf schaust, dann hast du eine Spur hinterlassen. Und wer kann das schon von sich sagen?“ Dabei schmunzelt er und strahlt eine Ruhe aus, die ihn offenbar auch in Extremsituationen nicht verlässt.

Eine solche hat er beim Dreh für jenen Film erlebt, der auf Servus TV bisherige Zuseherrekorde für Extremsport-Filme sprengte. Auf Skiern am Limit machte Tom mit seinem Partner Samuel Anthamatten zu Heroes der Szene. Die beiden geraten vor laufenden Kameras beim Aufstieg an der Flanke des großen Laserzkopfes in den Lienzer Dolomiten in ein Schneebrett. Anthamatten, der vorsteigt, tritt es los, Tom, die Skier auf dem Rücken und nur wenige Meter hinter seinem Partner, spürt, wie sich der Boden unter seinen Füßen zu bewegen beginnt. Was dann folgt, ist im Film sehr gut zu sehen und ein Phänomen, von dem Extremsportler immer wieder berichten. „Du denkst da nicht wirklich nach, sondern reagierst in der Sekunde. Reflexartig. Ich wusste einfach, was ich tun muss“, erklärt Gaisbacher. Eine Schneescholle schiebt ihn auf den Rücken, er rollt sich ab und läuft um sein Leben, den Steilhang hinunter in die sichere Deckung hinter einen kleinen Felsvorsprung. „Ich habe mich an diesen Felsen erinnert, ohne nachzudenken. Ich  wusste einfach, wenn ich es dorthin schaffe, bin ich in Sicherheit.“ Auch Anthamatten blieb Schlimmeres erspart, das Schneebrett brach unter ihm weg und nahm ihn nicht mit. „Wäre das passiert, hätten wir beide keine Chance gehabt“, erklärt Gaisbacher, der sich viel mit dem Thema Sicherheit beschäftigt, auch wenn es auf den ersten Blick nicht so aussieht.

Hier schließt sich auch der Kreis. Extremskifahrer wie Tom Gaisbacher betreiben diesen Sport nicht, um auf YouTube hundertausend Klicks oder auf Facebook ebensoviele Likes einzustreifen, sondern weil sie beseelt sind vom Berg, vom Schnee, von der Natur, der Bewegung und eben der von der Schönheit und Ästhetik eines Unterfangens, das nur durch höchste Konzentration, großes Wissen, perfekte Vorbereitung und völlige Beherrschung der Skier gelingt.

Dazu gehört für den Osttiroler auch, sich dem Berg so anzunähern, dass man ihn auch tatsächlich kennenlernen kann. Gaisbacher ist in Alaska und Kanada auch schon aus dem Helikopter in den Schnee gesprungen, wirklich angeturnt hat ihn das Heliskiing aber nicht: „Es ist einfach zu schnell vorbei. Du bist schnell oben und schnell wieder herunten.“

Der Bergführer, der sich in seinem Brotberuf als Sonnenschutzmonteur auch gelegentlich von steilen Dächern abseilt, steigt lieber erst auf einen Berg hinauf, bevor er ihn herunterrast. Er klettert meist auf der Route nach oben, die er später befahren möchte. Nur extrem gute Bergsteiger sind dazu überhaupt in der Lage. Tom gibt das die Gelegenheit, das Gelände zu lesen und zu studieren, mögliche Linien zu entdecken und zu erforschen. Es kann Jahre dauern, bis der richtige Moment gekommen ist, wie bei der Befahrung der Nordwand des Simonskopfes, die Gaisbacher schon lange im Fokus hatte, bevor der Husarenritt gelang.

Tom Gaisbacher klettert meist auf der Route nach oben, die er später befahren möchte.

„Manche Bergflanken schauen aus der Ferne vielversprechend aus, bist du aber dort, erweist sich alles als Trugbild“, erzählt er. Gaisbacher filmt und fotografiert gerne und viel. Er analysiert das Gelände auf den Bildern, studiert, ob und wo eine Abfahrt möglich ist.

Immer wieder wird er überrascht, entdeckt eine mögliche Variante gerade dort, wo er schon tausendmal vorbeigefahren oder gegangen ist, ohne etwas zu sehen. Und das auch vor der Haustüre, ein Umstand, den Tom Gaisbacher mehrfach betont: „Wir leben in einer unglaublichen Gegend. Das ist den wenigsten bewusst.“

Zwischen Slowenien und Südtirol eingebettet, hat Osttirol nicht nur selbst 268 Dreitausender, sondern in der näheren Umgebung von den Julischen Alpen bis zu den Südtiroler Dolomiten eine Vielfalt an Gipfeln, die weltweit einzigartig ist. „Weil wir nicht lange Berghänge haben, sondern viele, gibt es auch keine großen Skigebiete und das macht die Osttiroler Bergwelt zu einem Eldorado für Tourensportler“, erklärt Gaisbacher. Selbst wenn tausende Touristen kämen, um mit Fellen durch die Berge zu stapfen und durch den Tiefschnee ins Tal zu gleiten, hätte Tom keine Sorge um die Ruhe und Exklusivität dieses Vergnügens: „Es gibt so unglaublich viele Möglichkeiten, so viele Wege und Berge, da bist du, wenn du willst, immer noch allein.“

„Wenn du hinauf schaust, dann hast du eine Spur hinterlassen. Wer kann das schon von sich sagen?“

Ganz allein will der Extremsportler allerdings nicht unterwegs sein. Wie die meisten seiner Kollegen agiert er gerne im Duo, und das aus zwei Gründen: „Geteilte Freude ist doppelte Freude.“ Ein toller Ausblick, eine Wahnsinnsabfahrt – für Tom Gaisbacher ist das zu zweit einfach der doppelte Spaß und sicherer ist es auch: „Das macht einen großen Unterschied. Ist ein Zweiter dabei, kann er dich ausgraben.“ Das leuchtet mir ein. Meine Angst rät mir, dennoch die Finger von diesem Sport zu lassen. Ich kaufe mir lieber eine Halbtageskarte und fahre auf den Hochstein. Mit etwas Glück bin ich auch dort fast alleine.

Credits
  • Autor: Gerhard Pirkner
  • Fotografie: Sam Strauss
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