Ein Kirchlein
mit Geschichte
Ein Kirchlein mit Geschichte
Wer hat den Grundstein für ein Gotteshaus mitten im Wald auf 1272 Metern gelegt? Um die Helenenkirche ranken sich Legenden. Und zu Ostern zieht dieser besondere Ort immer mehr Wallfahrer an.

Unterhalb der Schleinitz, auf 1279 Metern Höhe, blickt eine kleine Kirche von einer steil abfallenden, bewaldeten Kuppe hinunter in den Lienzer Talboden. Nicht nur den Thurnern und Oberlienzern ist das Helenenkirchl seit Jahrhunderten ans Herz gewachsen. Seiner ungewöhnlich romantischen Lage verdanken wir etliche Legenden die sich um St. Helena ranken und die fantasievollen Spekulationen mancher Historiker beflügeln, die der Vergangenheit und dem Ursprung des kleinen Gotteshauses auf der Spur sind.

Entgegen vieler Vermutungen ergaben die archäologischen Grabungen des Bundesdenkmalamtes, 1996 durchgeführt und geleitet von Wilhelm Sydow, dass der romanische Gründungsbau nur unwesentlich älter als seine erste urkundliche Erwähnung von 1308 ist. Aber dort gefundene römische Scherben bezeugen, dass dieser Platz schon viel früher aufgesucht wurde und also doch ein ganz besonderer Ort ist.

An dieser schwer zugänglichen, abgelegenen Stelle ein Gotteshaus dieser Größe zu errichten, war die Bevölkerung der umliegenden Orte alleine wohl kaum im Stande. Es wird ein Stifter des lokalen Adels angenommen, die Burggrafen von Lienz etwa, oder gar die Landesherren, die Grafen von Görz. Die Kirchenpatronin, die heilige Helena, ist ein in Tirol sehr seltenes Patrozinium. Auch das ein Indiz für adelige und  nicht bäuerliche Ursprünge. Steckt in der ausführlichsten Gründungslegende, wonach ein Görzer Graf als Sühne für eine begangene Bluttat das Kirchlein gestiftet hat, ein historisch wahrer Kern?

Die Hl. Helena ist auch Schützerin vor Wasserkatastrophen und Unwettern. Der Nebenpatron, der Hl. Vitus, wurde für die Gesundheit beim Vieh und allgemeine Fruchtbarkeit angerufen und war somit eher für die Anliegen der bäuerlichen Bevölkerung zuständig. So entstand eine blühende Wallfahrt, die St. Helena, Filial-kirche zu St. Andrä, einst ein ansehnliches Vermögen einbrachte. Neben dem Kirchenportal steht noch heute der „Wurftisch“, wo Kleinvieh und Naturalien, später auch Geld, dargebracht wurden.

Es wundert also nicht, dass ein heftiger Streit zwischen dem Pfarrer von St. Andrä und dem neu bestellten Lokalkaplan von Oberlienz losbrach, als 1792 das Helenenkirchl der Gemeinde Oberlienz einverleibt wurde. Die Thurner Bevölkerung, seit jeher eng mit St. Helena verbunden, protestierte heftig. In erhaltenen Handzetteln ist sogar von „Hinunterwerfen“ die Rede! Vergebens.

Die Helenenkirche ist die erste Kirche Tirols mit einem Steinschindeldach. Sepp Mayerl hat es gedeckt.
Foto: Johann Kurzthaler
An dieser abgelegenen Stelle ein Gotteshaus dieser Größe zu errichten, war die Bevölkerung der umliegenden Orte alleine wohl kaum im Stande.
Foto: Raimund Mußhauser

Aber die Betreuung „ihrer“ Kirche gaben die Thurner nicht aus der Hand und so hatten abwechselnd die nächstgelegenen Bauern aus der Prappernitze das Mesneramt inne. Beim Herannahen eines Unwetters lief der Mesner so schnell er konnte hinauf, um durch den Klang der Glocken Blitz und Hagel zu verscheuchen. Die zwei Glocken von St. Helena fielen nicht den Kriegsrequirierungen zum Opfer und gehören auch deshalb zu den ältesten von Osttirol.

Die etwas kleinere Friedensglocke stammt aus dem 14. Jahrhundert. Die ältere Glocke wurde schon um 1300 gegossen und trägt als typische Wetterglocke die Namen der vier Evangelisten. Weitum war ihre wetterabwehrende Wirkung bekannt: „Schallt die Glogge von Elyen, mueß de Wetterhexe gien!“ Unter Kaiser Joseph II wurde das Wetterläuten verboten. Sogar das Bischöfliche Amt Brixen belehrte die Bauern, dass das Wetterläuten nicht nur zur Zerstreuung der Wetterwolken unnütz, sondern überhaupt gefährlich sei, „maßen die Wetterstrahlen dem Metall, zuförderist wenn es durch das Läuten erhitzet ist, wie das Feuer einer brennenden Kerzen dem Dochte folget …“. Und tatsächlich wurde der Bartler Jörg, Mesner vom Helenenkirchl, beim Wetterläuten von einem im Turm einschlagenden Blitz getötet!

Große bauliche Veränderungen erfuhr das Kirchlein in der Spätgotik durch die Görzer Bauhütte. Das Wappen des Auftraggebers, Stadtrichter Andrä von Graben, befindet sich am Tuffsteinsockel an der Nordseite des Langhauses, flankiert von der Jahreszahl 1532. Die Familie von Graben war schon zu Zeiten des letzten Görzer Grafen Leonhard die wichtigste Sippe in Lienz, überdauerte sogar das Grafengeschlecht und hat die Michaelskirche in Lienz zu ihrer Begräbnisstätte umgebaut. In den Siebzigern wurde mit der notwendigen Außenrenovierung begonnen und das wenig ansprechende Blechdach des Turmes durch ein Lärchenschindeldach ersetzt. Daran fanden allerdings auch Spechte Gefallen und beschädigten immer wieder die Holzschindeln. Sie hämmerten, wie es heißt, sprichwörtlich „ein Loch ins Budget“. Um der Sache endlich Herr zu werden, wurde der Turm vom legendären  Sepp Mayerl mit Quarzschieferplatten aus Oberitalien neu eingedeckt. Im benachbarten Kärnten gehören solche Dächer seit Jahrhunderten zur Tradition. In Tirol ist das hübsche Steinplattendach der Helenen-kirche das allererste!

Durch die Jahrhunderte hindurch wurde auch das Innere des Kirchleins immer wieder verändert und den jeweiligen „Moden“ angepasst. Heute schmücken zwei neugotische Altäre von der Mitte des 19. Jahrhunderts mit teilweise älteren barocken Figuren den Raum, beschützt von einem interessanten Netzrippengewölbe.

Die Thurner sind nach wie vor mit zahlreichen Kreuz- und Bittgängen aus der Vergangenheit mit ihrem Kirchlein durch Verlöbnisse verpflichtet. Die Anlässe dazu kennt kaum noch jemand.

Anderes gilt für den uralten Brauch der eigentümlichen Auferstehungsfeier mit anschließender Brotverteilung am Karsamstag, die vom Mesner ohne einen Geistlichen gestaltet wurde. Dafür gibt es eine mögliche Erklärung: Bischof Hartwig von Brixen (1022 – 1039) verschenkte unter anderem auch seine vier Höfe in der Prappernitze an seine Mitbrüder. Dafür mussten sie dem Bischof jedes Jahr an seinem Todestag mit einer Hl. Messe gedenken und 30 Bedürftige mit Brot und Trank verköstigen. So machen sich seit vielen Generationen Menschen auf den Weg, um dieser ganz besonderen Osterfeier beizuwohnen.

Viele kommen heute über den 2008 eröffneten Friedensweg. Beginnend bei der  Erasmuskapelle in Thurn, laden entlang des Weges die von Schulklassen, Vereinen und Künstlern gestalteten Stationen zum Nachdenken ein und führen zum Helenenkirchl mit seiner an die 500 Jahre alten Linde, die außerdem die höchst-gelegene in ganz Tirol ist.

Alljährlich werden 1500 Brotlaibe an die Wallfahrer verteilt.
Foto: Raimund Mußhauser

Der Brauch ist populärer denn je: wurden früher ca. 300 Brötchen verteilt und zu Ostern 1993 schon 700, werden heute alljährlich 1500 Laibchen an die Wallfahrer verteilt. Ursprünglich wurde das Brot von den Bäuerinnen in der Prappernitze gebacken. Die Höfe entlang des Zauchenbaches und im Oberdorf waren zur Spende des Korns verpflichtet, das der Helenen-Mesner in der Fastenzeit einzusammeln hatte.

Mittlerweile wird das Mehl seit vielen Jahren von der Ebentaler Mühle in Kärnten spendiert und die 1500 Brotlaibchen werden unentgeltlich vom Osttiroler Bäcker Ernst Joast gebacken. Seit 1960 umrahmt der Lienzer Sängerbund die Auferstehungsfeier, die bis 2008 um die Mittagszeit stattfand. Die Glocken von St. Helena läuteten somit als allererste das Osterfest ein. Zu Beginn wurde gemeinsam der Rosenkranz gebetet, dann deckte der Mesner den Leichnam Jesu im barocken Ostergrab vor dem Altar mit einem Leinen zu. Er holte den Auferstandenen aus der Sakristei, trug ihn dreimal im Uhrzeigersinn um Grab und Altar und stellte ihn abschließend auf das Grab mit dem freudvollen Ruf: „Christus ist erstanden!“ Das Osterlied wurde gesungen und abschließend noch mit dem glorreichen Rosenkranz der Psalter zu Ende gebetet.

Seit 2008 läuten die alten Glocken vom Helenenkirchl am Karsamstag zu Mittag nicht mehr. Eigentlich hätten sie schon seit 1965 stumm bleiben müssen, denn seit dem 2. Vatikanischen Konzil gilt, dass die Auferstehungsfeiern erst mit Anbruch der Dunkelheit stattfinden dürfen.

Aber ruhig ist es karsamstags am Helenenkirchl dennoch nicht: der Lienzer Dekan Bernhard Kranebitter hat gemeinsam mit den langjährigen Gestaltern der Feierlichkeiten einen Weg gefunden, um sowohl der zwingenden Reform als auch der Tradition gerecht zu werden. So wandern auch dieses Jahr wieder hunderte Menschen, groß und klein, hinauf zum Kirchl, um der  „Heilig-Grab-Feier“, begleitet von Diakon Roland Hofbauer und dem Pfarrgemeinderatsobmann aus Oberlienz Hermann Dellacher, beizuwohnen. Am barocken Hl. Grab wird um 13 Uhr das Geheimnis des Karsamstags gefeiert, der Lärm der Ratschen lädt zum Gebet vor der Eucharistie in der Monstranz ein und begleitet diese anschließend um das Kirchl in die Sakristei.

Vorbei an den Wallfahrern, die sich in Scharen rund um das Kirchl versammeln, in freudiger und so mancher in ungeduldiger Erwartung auf die gesegneten Helenenbrote. Und die uralte Linde breitet schützend ihre Äste über sie. Wie seit vielen hunderten Jahren.

Credits
  • Autor: Evelin Gander
  • Fotografie: Raimund Mußhauser, Johann Kurzthaler
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