Glockner:
Marke und Mythos
Glockner: Marke und Mythos
Mit seinen 3.798 Metern teilt der höchste Gipfel Österreichs nicht nur die Wolken, sondern auch die Meinungen über seine Erschließung und Vermarktung.

Bergsteigerisch ist der Großglockner längst ausgereizt, alle Routen sind gefunden und durchstiegen. Doch wirtschaftlich ist die Bergikone noch immer ein brisantes Thema.  Das zeigen die Entwicklungen der jüngsten Zeit. Um das Vermarktungspotenzial des steinernen Giganten einzuschätzen, hilft ein Blick auf Geschichte und Status quo.

Nicht weniger als 5.000 Alpinisten setzen pro Jahr zum Sturm auf den Glocknergipfel an. Stellt man in Rechnung, dass die Saison im Hochgebirge kurz ist und selbst im Sommer das Wetter oft nicht mitspielt, geben sich an schönen Tagen tatsächlich hunderte Alpinisten vor dem vielfach fotografierten Glocknerkreuz die Hand. Spaziergang ist die populäre Tour dennoch keiner, das untermauert eine andere, traurige Statistik. 446 Menschen starben bisher am Großglockner, der für viele ein Mythos, ein fast heiliger Berg ist. Für gar nicht wenige Menschen der Region ist er aber auch Wirtschaftszweig und Broterwerb. Der Marketingeffekt des Großglockners ist buchstäblich unbezahlbar. Er gilt als unerreichtes steinernes Symbol für alles, was die Alpen an Bergerlebnis zu bieten haben. Wenn Osttirol „dein Bergtirol“ ist, dann ist der Großglockner der innerste Kern dieser Marke, ihre wahre Substanz.

Ist der Großglockner mit 5 000 Besteigungen pro Jahr ein „einfacher Berg“? Wer es versucht hat, weiß, dass vor allem „das Schartl“ zwischen Großem und Kleinem Glöckner zum Prüfstein für weniger geübte Alpinisten werden kann. Der Bergführer Willi Seebacher hat den neuralgischen Punkt mit einem Hochseilakt aus einmaliger Perspektive fotografiert.

5.000 Gipfelstürmern stehen Zigtausende gegenüber, die den Glockner nur umrunden oder einfach sehen möchten. Für die Hotellerie und Gastronomie nicht nur in Kals, für Hüttenwirte im riesigen Umkreis und natürlich für die Bergführer bergen Gipfel und Gipfelblick die Chance auf direkten oder indirekten Ertrag.

Wer heutzutage einen Bergführer bucht, muss tief in die Tasche greifen – oder sich einer Gruppe anschließen. Die Preise sind gestaffelt. Der Normalanstieg führt von der Stüdlhütte auf die Erzherzog-Johann-Hütte, von dort bis zum Gipfel und wieder retour. Die Tour kostet bei den Kalser Bergführern heuer 340 Euro, wenn man mit dem Führer allein unterwegs ist. Bildet man Gruppenseilschaften, reduziert sich der Preis auf zum Beispiel 135 Euro pro Person bei vier Teilnehmern. Daneben gibt es individuelle Varianten und Packages, wie den Großglocknertreck oder mehrtägigen Glocknerwandüberschreitungen mit einem Preisspektrum von 280 bis 560 Euro pro Person. Das ist ein Klacks verglichen mit dem Aufwand für die Erstbesteigung: Fürstbischof Franz Xaver Graf von Salm-Reifferscheidt-Krautheim investierte im Jahr 1800 Unsummen in eine groß angelegte Großglockner-Expedition. Das Vorhaben kostete den guten Mann nach heutigen Maßstäben geschätzte 50.000 Euro. Dabei erreichte der Graf selbst gar nicht den Gipfel. Er kam im Gegensatz zu seinen Begleitern nur bis zur Adlersruhe. Dennoch erschloss das Unternehmen den damaligen Heiligenbluter Bergbauern eine völlig neue Einkommensquelle. Die Oberkärntner hatten nämlich bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts eine Monopolstellung im Glocknertourismus. Was die Preise für gut betuchte Hobby-Alpinisten in schwindelerregende Höhen trieb und die Tiroler Konkurrenz aufweckte.

Joseph Mayr aus Lienz ging die Abzocke in Heiligenblut zu weit. Er beauftragte 1852 einige Kalser mit der Suche nach einem geeigneten Anstieg von ihrem Heimatort aus, was zwei Jahre später auch gelang. Ab diesem Moment setzte der Kalser „Glocknerboom“ ein. Die Kosten für Quartiere und Bergführer lagen unter jenen in Heiligenblut, die direkten Verbindungen und Zustiege waren wesentlich kürzer. Im Jahr 1869 gab es von Kals aus bereits 35 Glocknerführungen, während sich die Kärntner Konkurrenten mit drei Gipfelbesteigungen zufrieden geben mussten.

Und noch ein Glücksfall brachte Rückenwind für Kals: Der Prager Kaufmann Johann Stüdl strukturierte das Bergführerwesen in der abgelegenen Gemeinde neu und ließ die legendäre Stüdlhütte bauen. Erst als die Heiligenbluter die Aufstiegsvariante von Karl Hofmann über das heutige Hofmannskees entdeckten, startete der Bergtourismus auch auf der Kärntner Glocknerseite wieder durch. Die Frage, ob der majestätische Gipfel ein Tiroler oder Kärntner ist, wird bis heute nicht nur von Touristikern strapaziert und lässt sich salomonisch beantworten: Geographisch gehört der Gipfel zu beiden Bundesländern. Sein Eigentümer ist aber eindeutig: es ist der Alpenverein. Lange gehörte eine 114 Quadratmeter große Fläche rund um das Gipfelkreuz dem Österreichischen „Alpenklub“. Der tauschte die Parzelle jedoch mit dem Alpenverein und erhielt von diesem dafür 220 Quadratmeter zur baulichen Erweiterung der Erzherzog-Johann-Hütte.

41 Quadratkilometer rund um den Glocknergipfel auf Kärntner Seite kaufte 1918 der Villacher Holzindustrielle Albert Wirth. Er überließ das Gebiet dem Österreichischen Alpenverein, um es vor weiteren Erschließungen zu schützen. 20 Jahre später kaufte die bergsteigerische Großorganisation dann vom Österreichischen Bundesschatz weitere 30 Quadratkilometer auf der Tiroler Seite. Wirth stand damals geplanten Projekten für den Massentourismus, wie einer Seilbahn auf die Adlersruhe und von dort auf den Gipfel des Großglockners äußerst kritisch gegenüber. Wer weiß, wie der Holzhändler heute auf die Großprojekte des Zillertaler Liftkaisers Heinz Schultz in Kals reagieren würde. Dessen nagelneues Mega-Feriendorf hat 500 Betten samt dazugehöriger Skischaukel, was dem Alpenverein trotz oder gerade wegen des massentouristischen Potenzials sauer aufstößt. Derlei wuchtige Anlagen entsprächen nicht der Vorstellung von einem „Bergsteigerdorf“, bemängelten die Glockner-Eigentümer und strichen ausgerechnet Kals aus der Liste der AV-Bergsteigerdörfer. Sowohl Schultz als auch die Kalser Gemeindeführung geben sich gelassen. Man vertraut auf die Strahlkraft des Großglockners, die trotz massentouristischer Auswüchse  ungebrochen scheint.

Tourismus einst und jetzt – das „Bullitreffen“ in Kals als Reminiszenz an die Sechziger und dahinter das Chaletdorf von Heinz Schulz. Foto: EXPA/Groder

Dieser Berg befriedigt die Sehnsucht nach dem höchsten Gipfel und die hat noch immer ihren Preis, wie ein Blick in die Hochglanzprospekte des neuen Schultz-Ressorts zeigt. Im 8-Personen-Luxus-Chalet schlägt sich die Nacht ohne Frühstück immerhin mit 1100 Euro zu Buche, ein ambitionierter Preis für ein Teamquartier in einer Gemeinde, die in den letzten Jahrzehnten durch eine touristische Talsohle tauchte. Nach dem Wirtschaftswunder-Aufschwung, der  Anfang der Achtziger mit rund 180.000 Jahresnächtigungen Rekordwerte brachte, sank die Anziehungskraft des Dorfes kontinuierlich. Im Jahr 2000 wurden nur noch 133.926 Nächtigungen gezählt, obwohl einige Jahre zuvor das Skigebiet mit drei neuen Vierersesselbahnen kräftig ausgebaut worden war. Das verdoppelte zwar fast die Winternächtigungen, dafür brachen die Sommer ein. Skischaukel und Mega-Feriendorf sollen jetzt beide Saisonen pushen. 2011 zählte man in Kals 163.464 Nächtigungen, relativ ausgeglichen auf Sommer und Winter verteilt. Die Rekorde früherer Jahre sind in Reichweite, auch wenn die wuchtigen Neubauten des neuen Chalet-Dorfes nichts für Nostalgiker sind.  Den Berg der Berge wird keine Hotelburg überragen. Er bleibt der eigentliche Magnet, prägend für sein gesamtes Einzugsgebiet, als Marke und Mythos „Großglockner“.

Credits
  • Autoren: Bernd Lenzer / Gerhard Pirkner
  • Autor: Willi Seebacher
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