In einer Bar
unter dem Meer
In einer Bar unter dem Meer
Christoph W. Bauers jüngstes Buch ist sein erster Erzählband, ein Sammelsurium an wunderbaren Geschichten, manchmal witzig, manchmal traurig, immer treffend und mit einem scharfen Blick auf Figuren, in denen wir allzu oft uns selbst erkennen. Dorothea Zanon, Lektorin des Haymon-Verlags, hat mit ihm über das Buch gesprochen.

Du hast dir bisher insbesondere als Autor von Gedichten und literarisch-dokumentarischen Werken einen Namen gemacht. Dein Credo – vor allem, was deine Lyrik betrifft – lautet „Poetry is a Punkrocker“. Was bedeutet das konkret für deine Texte, und ist das auch auf deine Erzählungen anwendbar?

Ich würde sagen, das ist auf mein Leben anwendbar, ist eine Art Lebenshaltung. Wobei ich den Begriff Punk nicht auf das äußere Erscheinungsbild eines Menschen, auf Dosenbier und drei dahingerotzte Akkorde reduzieren möchte. Als der Funke des Punkrock Anfang der Achtzigerjahre auf mich überging, war diese Musik schon ein alter und eigentlich aus der Mode gekommener Hut. Dessen ungeachtet, Punk lehrte mich, über den Tellerrand zu schauen, aus der Rolle zu fallen, mich gegen Bestehendes aufzulehnen – und das machen die Figuren in meinem Erzählband ja auch.     

Deine Bücher „Im Alphabet der Häuser“ oder auch „Graubart Boulevard“ zum Beispiel beschäftigen sich mit der älteren und jüngeren Innsbrucker Geschichte und sind fast schon zu integralen Bestand-teilen der Stadt geworden. In diesem Band gibt es erstmals Erzählungen von dir – was hat dich auf diese Gattung gebracht?

Das Lesen, so kurz lässt sich das sagen. Ich habe immer gern Erzählungen gelesen, die Erzählungen von Franz Kafka sind seit Jahren meine Begleiter, auch die von Tschechow oder Büchners Lenz. Hemingway hab ich verschlungen, dann die Südamerikaner von Borges bis Bolaño. Durch Hinweis eines Freundes stieß ich vor gut drei Jahren auf das Werk von Katherine Mansfield, ihre Erzählungen haben mich ungeheuer beeindruckt.

Freilich, ich habe mir dann nicht gedacht, was die kann, kann ich auch, wirklich nicht. Aber ich habe mich bestätigt gefühlt in meiner Ansicht, dass sich vieles in wenigen Seiten erzählen lässt, dass sich nicht alles gleich zum Roman aufschwingen muss. Abgesehen davon, ich bevorzuge die kurze Form, auch in der Musik, hundert Prozent Power vom ersten bis zum letzten Ton. So auch in der Erzählung, im Gedicht. Es geht immer ums Ganze.

In jeder deiner Erzählungen steht eine Figur im Mittelpunkt – durchwegs starke, mitunter sehr eigenwillige Charaktere. Wie entstehen diese Figuren?

Auf unterschiedliche Weise. Manchmal ist es ein zufällig aufgeschnappter Satz im Kaffeehaus, im Zug oder in einer Bar, manchmal der Refrain eines Liedes oder eine Gedichtzeile. Jedenfalls, diese Figuren sind plötzlich da – und ich werde sie nicht mehr los. Sie entwickeln eine Eigendynamik, eine Lebendigkeit. Das mag jetzt abgehoben klingen, aber die Figuren werden gewissermaßen real, ich kann ihre Handlungen und Gesten interpretieren und notieren, kann ihre Schritte erahnen, lass mich auch gern von ihnen überraschen. Das gelingt ihnen, weil ich nie mehr über sie weiß, als sie selbst es tun. Und das ist gut so.

Die Figuren erscheinen untereinander grundverschieden. Vielleicht aber nur auf den ersten Eindruck. Gibt es etwas, das sie alle gemeinsam haben?

Menschen sind grundverschieden, Individuen eben. Aber so unterschiedlich sie auch sind, sie haben etwas gemeinsam: Zukunftsängste, Sorgen um den Arbeitsplatz, nicht gelebte Träume, Sehnsüchte. Und da die Figuren des Erzählbands mitten aus der Gesellschaft kommen – in einer Erzählung heißt es beispielsweise: „In jedem widerwärtigen Schicksal ist das die schlimmste Art des Unglücks: glücklich gewesen zu sein.“ Dieser Satz eines spätantiken Philosophen steht über vielen Figuren des Erzählbands und ist wohl auch für viele Leserinnen und Leser nachvollziehbar.

Andere Figuren wiederum glauben sich vielleicht an einem Wendepunkt angelangt, wollen noch einmal durchstarten, um es salopp zu formulieren. Sie erachten sich einem Lebensmodell, das ihnen jahrelang alles bedeutete, plötzlich nicht mehr zugehörig. Also brechen sie mit Erwartungshaltungen, machen sich auf die Suche, stellen infrage. „Wenn man kalt ist, friert man nicht mehr“, nicht von ungefähr fällt dieses Zitat von Georg Büchner in der Abschlusserzählung und verweist gleichsam auf die vorangegangenen Erzählungen. Im Grunde sind alle Figuren süchtig nach Leben, Liebe, Anerkennung und Zugehörigkeit. Ob und wie sie diese finden, lasse ich offen. Mir geht es um den plötzlichen Wendepunkt, der wie ein Wolkenbruch kommt – und der Himmel ist auf jeden Fall ein anderer danach.

Gibt es Figuren in den Erzählungen, die du lieber hast als andere? Und wenn ja, wovon hängt deine Sympathie für eine Figur ab?

Während des Schreibens sind mir alle gleich lieb, weil ich neugierig bin, wie sie sich entwickeln. Im Nachhinein, klar, einige Figuren sind mir näher, die Kassiererin aus dem Supermarkt mag ich, den Museumswärter – aber ich fürchte, jetzt verscherze ich es mir mit jenen, die ich nicht nenne, also lass ich es lieber.

Man könnte also sagen, deine Figuren begleiten dich auch im Alltag – was mich zur nächsten Frage bringt: Wie sieht deine Schreibumgebung aus? Wie dein Tagesablauf, wenn du schreibst?

Mein Tagesablauf ist strukturiert. Ich sage das auch immer bei Schullesungen und ernte Staunen, wenn ich erkläre, dass ich nach einer Art Stundenplan arbeite. Doch ich kann beruhigen: Wann die erste Stunde beginnt, lege ich selbst fest. Früher habe ich gern in die Nacht hinein geschrieben, mittlerweile bevorzuge ich die frühen Morgenstunden. Aber in den letzten Monaten der Arbeit an einem Buch verliert der Stundenplan ohnehin an Gültigkeit. Da arbeite ich vom Aufstehen bis zum Schlafengehen. Und verlasse kaum noch die Wohnung.

Du bist zwar in Kärnten geboren, hast deine früheste Kindheit aber in Lienz verbracht. Hast du daran noch Erinnerungen?

Ich weiß manchmal nicht, ob ich mich an Situationen erinnere oder an das, was mir später darüber erzählt wurde. Als Dreikäsehoch soll ich mich bei einem Platzkonzert in Lienz neben den Kapellmeister gestellt und fleißig mitdirigiert haben. Aber es gibt da schon auch starke Erinnerungsbilder, an eine Wohnung in der Hugo-Engl-Straße, an Spaziergänge am Iselkai. Aber entscheidender ist ja: Wenn ich heute durch Lienz spaziere, fühle ich mich nicht fremd in dieser Stadt. Ähnlich ergeht es mir mit Anras, wo die Familie mütterlicherseits herstammt, auch meine Taufpatin.

Ist deine Verbindung zu Lienz bzw. zu Osttirol rein privater Natur, oder gibt es auch für dich als Schriftsteller Anknüpfungspunkte?

Literarische Anknüpfungspunkte gibt es sehr wohl. Mit Begeisterung habe ich die Werke von Johannes E. Trojer und Christoph Zanon gelesen, ohne deren Bücher die heimische Literatur um vieles ärmer wäre. Und ein anderer Dichter, den ich sehr schätze und über den ich einmal einen Artikel geschrieben habe, liegt in Lienz begraben, Jesse Thor. Nicht zuletzt hat Michael Forcher, der mich 1999 zum Haymon Verlag holte, Osttiroler Wurzeln – so wie mein jetziger Verleger Markus Hatzer und meine Lektorin, du.

Du bist ja nicht nur schreibend, sondern vor allem auch musizierend aufgewachsen. Welche Rolle hat die Musik in deinem Schreiben oder auch beim Verfassen von Texten?

Das Ohr schreibt mit, auf diese Kurzformel lässt es sich bei mir bringen. Musik hat für mich immer eine große Rolle gespielt. Schon meine ersten Schreibversuche in der Schulzeit wurden von Liedertexten inspiriert. Ich habe in dieser Zeit auch angefangen, selbst Liedertexte zu schreiben, arbeite immer noch gern mit Musikern zusammen. Und während des Schreibens läuft bei mir immer Musik, ziemlich laut sogar. Nur während des Korrigierens schalte ich die Musik aus, sonst würde ich mich beim Lesen nicht hören. Ja, ich lese mir jedes Gedicht, jede Erzählung laut vor, überprüfe sie auf Rhythmus und musikalische Satzbögen.

Zum Abschluss: Was erwartet uns als Nächstes, ist schon etwas Neues im Entstehen?

Im Entstehen ist ja leider immer etwas, die eine oder andere Figur hat bereits angeklopft, mal schauen, wohin sie mich treibt, und wenn sie glaubt, es müsse ein Roman werden, dann kann ich es halt auch nicht ändern. Wobei, ein Vetorecht habe ich schon.

» Im Grunde sind alle Figuren süchtig nach Leben, Liebe, Anerkennung und Zugehörigkeit. «

Christoph W. Bauer

Geboren 1968 in Kolbnitz, aufgewachsen in Lienz und Kirchberg, lebt derzeit als Autor in Innsbruck. Verfasst Lyrik, Prosa, Essays, Hörspiele (Und immer wieder Cordoba, ORF 2006, zuletzt: Franzens Feste, ORF 2010), Übersetzungen. Zahlreiche Veröffentlichungen, für die er mehrfach ausgezeichnet wurde. Bei Haymon erschienen u.a. die Romane Im Alphabet der Häuser (2007) und Graubart Boulevard (2008), der Gedichtband mein lieben mein hassen mein mittendrin du (2011) sowie zuletzt Die zweite Fremde. Zehn jüdische Lebensbilder (2013).
www.cewebe.com

Dorothea Zanon

Geboren 1980 in Lienz, Studium der Literaturwissenschaften in Innsbruck und Wien. War beim ORF, im Literaturarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek und im Innsbrucker Brenner-Archiv tätig. Nach zehn Jahren in Wien lebt sie seit 2008 in Innsbruck und arbeitet als Lektorin im Haymon Verlag.

Credits
  • Autor: Dorothea Zanon
  • Fotografie: Florian Schneider
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