Langsamkeit und
Aufmerksamkeit
Langsamkeit und Aufmerksamkeit
Petra Stranger möchte ihren und anderen Kindern etwas mitgeben, das für ihr Leben wertvoll ist. Sie will niemanden überzeugen, möchte aber, dass sie genug Informationen erhalten, um sich selbst ein Bild zu machen.

Manchmal stellen sich Menschen, die in die Region ziehen und dabei ein bisserl „anders“ denken, als wahres Geschenk heraus. Petra und ihre Familie könnten solch ein Geschenk sein, nicht nur für Außervillgraten, wo sie seit 2014 wohnen – kurzfristig wohnen, müsste man sagen, denn im April 2016 werden sie weiterziehen. Sie sind moderne Nomaden, reisen mit dem Fahrrad um die Welt, verweilen zuweilen, wie derzeit in Osttirol, da Esmé geboren wurde.

Die Liste der Länder, durch die sie gereist sind, ist lang. Sie, das sind Petra Stranger und Peter Van Glabbeek, er Holländer, sie Steirerin. Zu ihnen gesellt haben sich in den letzten Jahren ihre zwei Kinder, Ben und Esmé, die ebenso abenteuerlustig wie ihre Eltern sind. Vom Aussehen her könnten die Vier in einer Hochglanzbroschüre für Fitness, Lifestyle und Wellness auftreten, doch größer könnte ein Missverständnis nicht sein.

Das Leben interessiert sie, nicht der Schein. Das beginnt beim Alltag. Dass so viel weggeworfen wird, was in allerbestem Zustand ist, ist ihnen unerträglich. Also wurden sie aktiv – mit Waste Diving (auch Containern oder Dumpstern genannt). Petra und Peter suchen im Müll von Lebensmittelgeschäften nach Unverdorbenem. Wer dies einmal ausprobiert hat, erschrickt, wie viel Gutes, Brauchbares weit entfernt vom eigentlichen Ablaufdatum weggeworfen wird.

Petra und Peter hatten in ihrem Umkreis an die 14 Geschäfte, die zehn Menschen ernährten und doch blieb noch viel in den Mülltonnen liegen. Ihre Ausgaben für Lebensmittel reduzierten sich damals auf 30 Euro pro Monat. Das war 2011 und sie lebten für ein paar Monate in Holland.

Petra ist Steirerin, Peter Van Glabbeek ist Holländer. Beide sind mit ihren Kindern Ben und Esmé moderne Nomaden.

In Osttirol versuchten sie das auch, doch es stellte sich als schwierig heraus. Nur ein Supermarkt besitzt zugängliche Mülltonnen, in die anderen kann man bestenfalls hineinschielen, kaum aber etwas entnehmen. „Tagsüber muss man halt schnell sein, denn erwischt werden darf man nicht“, sagt Petra. Die gesetzliche Lage ist eindeutig: Die Geschäfte sind verantwortlich für die Container, doch das, was sie weggeworfen haben, gehört nicht mehr ihnen.

Schon lange gibt es in Städten wie Wien ein stilles Einvernehmen, dass manche Müllcontainer oder Räumlichkeiten nicht abgesperrt werden. Die Dumpsterer gehen dafür vorsichtig vor. Niemals würde Müll aus den Eimern fallen oder liegenbleiben. Manche Geschäfte sehen die Aktion mit Gleichmut, andere fühlen sich um ihr Geschäft gebracht. Ein österreichischer Diskonter machte vor einigen Jahren die intakten, weggeworfenen Lebensmittel mit Rattengift und Waschmittel ungenießbar. Da der Müll in Wien der MA48 gehört und diese mit der Vergiftung der Lebensmittel nicht einverstanden war, wurde dies gerichtlich untersagt.

Weiter ging man in Frankreich, das seit Mai 2015 eine Vorreiterrolle spielt. Dort ist es dem Großhandel untersagt, unverkaufte Nahrungsmittel wegzuwerfen. Insbesondere dürfen Lebensmittel nicht mehr für den Konsum ungeeignet gemacht werden. Das wäre auch für Österreich interessant, wo bis zu 40 Prozent der Lebensmittel der Gastronomie weggeworfen werden.

Waste Diving als Lebenskonzept

Für Petra und Peter geht es beim Containern allerdings nicht nur ums Geld. „Die Kostenersparnis ist schön nebenbei, aber wir finden es schrecklich, dass so viel weggeschmissen wird. Wenn ich einkaufe, kaufe ich immer das, was am schnellsten kaputt wird oder dessen Verpackung beschädigt ist, weil sonst kauft das ja niemand.“

Mit Armut hat „Waste Diving“ wenig zu tun, es geht um das Lebenskonzept, so wenig wie möglich zu zerstören.

Über eine Sache empört sich Petra besonders: Den Umgang mit Fleisch. „Nicht nur, dass man die Tiere zuerst abschlachtet, sondern auch, was man an Urwald kaputt machen muss für das Futter, und dann schmeißt man das Fleisch einfach weg!“

Mit Armut hat diese Lebenseinstellung wenig zu tun. Meist sind es Studenten und Akademiker, die sich ihr Leben leisten können und doch Waste Diving betreiben. Es geht um ein Gesamtkonzept, um so wenig wie möglich zu schaden und zu zerstören. Das fängt beim Essen an, geht über Stoffwindeln bis hin zur Kleidung, die großteils beim Flohmarkt von Rosa Schett in Innervillgraten besorgt wird.

Hier funkt Petras Mutter zuweilen dazwischen, die diesen Lebensstil verabscheut. „Sie kauft schicke Markensachen, denn Geld will sie mir nicht geben. Sie konsumiert für mich. Sie verschließt sich der Realität und möchte lieber nichts darüber wissen“, sagt Petra und weiß, dass sie das nicht ändern wird.

Wenn man Druck ausübt, entsteht noch mehr Widerstand, davon ist sie überzeugt: „Jeder muss das für sich selbst entscheiden. Das gilt auch für meine Kinder. Ich mache jetzt das, was ich glaube, das gut für sie ist. Wenn Ben einen Kuchen will, muss er mitbacken, damit er sieht, was drin ist und wir erklären es ihm. Ab und zu haben wir auch keine Lust darauf. Etwa wenn er bei den Nachbarskindern spielt und nascht. Ich frage ihn, ob er genascht hat, er sagt ja und ich sage okay. Er soll lernen, selbst zu entscheiden. Damit er aber die Wahl hat, muss er die Information bekommen.“

Nur Projekte, die sie freuen

Das trifft auch für die Kinder zu, die Petra in ihren Skikursen am Thurntaler unterrichtet. „Das ist für mich der schönste Beruf, denn ich arbeite gerne mit Kindern und ich bin gern draußen.“ Sie strahlt, wenn sie davon spricht und fügt hinzu: „Wir machen sowieso nur Projekte, die uns freuen.“ Dann lacht sie und wird erst wieder ernst, wenn sie von Fotografie spricht, von ihrer Fotografie. Auch hier geht es ihr um den Lebensstil.

„Ich habe Dokumentarfotografie studiert und arbeite mit einer ganz alten Mittelformatkamera und auf Film. Es geht um Langsamkeit und Aufmerksamkeit. Aufmerksamkeit schenkt man jemandem oder seinem Essen oder seinen Kindern oder sich selber auch. Wenn ich ein Foto mache, möchte ich voll da sein und nicht nur auf den Auslöser drücken. Bei einem analogen Druck stellt sich in Wien jemand hin und schaut sich mit Aufmerksamkeit mein Foto an. Womit ich Probleme habe ist, dass dies extrem teuer ist. Wir haben keine Schulden, ich kann es mir leisten, aber es passt nicht zu uns.“ Hier hat sie noch keine Lösung gefunden, auch noch nicht für die Kosten einer Fotoausstellung, die sie im Jänner im Villgratental machen wird, ehe sie sich im April wieder auf die Fahrräder schwingen werden, wahrscheinlich für mehrere Jahre. Das ist Teil der Freiheit, die sie sich vorstellen. Während wir über das Reisen reden, trippelt Petras Tochter Esmé, die gerade gehen gelernt hat, auf dem Hauptplatz in Lienz von einem Geschäft in das nächste. Angst scheint sie nicht zu kennen. Sie kommt quietschfidel und von selbst wieder zurück, nachdem sie alles erkundet hat. Bei einigen Passanten löst das Befremden aus, fast ein wenig die Sorge, ob das Kind seine Mutter verloren haben könnte. Auch hier zeigt sich, was Petra unter Aufmerksamkeit versteht. Sie konzentriert sich auf das Gespräch, ohne ihre Tochter aus den Augen zu verlieren, beschließt aber auch, wann sie sitzen bleiben, weiterreden und wann sie hinterher laufen sollte.

Das ist eines der Lieblingsfotos von Petra Stranger: „Wenn ich ein Foto mache, möchte ich voll da sein.“

Ihr Ehemann Peter scheint ihr diesbezüglich ähnlich zu sein. Er hat sich vorgenommen, sich intensiv an der Erziehung der Kinder zu beteiligen. Wie Petra scheint er eine tiefe Liebe für die Menschen an sich zu empfinden. Nur wenn ihm jemand etwas Unechtes vormacht, mag er das nicht, etwa wenn Bio zur Mode und damit zur Ausrede für Konsum wird. Deshalb ist es für die beiden, die selbst von 600 Euro im Monat leben, selbstverständlich für Flüchtlinge zu sammeln, der Nachbarin beim Englischlernen zu helfen und nur so viele Vorträge über ihre Reisen zu halten, dass es sich noch echt anfühlt.

Im April 2016 werden sich Petra und Peter mit den Kindern für einige Jahre auf den Weg machen, natürlich per Rad.

Petra führt das noch weiter. Wenn sie jemanden kennenlernt, will sie erfahren, was echt an dieser Person ist: „Ich versuche selbst im Umgang so echt wie möglich zu sein. Wir haben alle unsere Erziehung und sind geformt. Es ist schwierig und viel Arbeit, immer aufmerksam zu sein. Aber man macht kleine Schritte und ich will den eigenen und anderen Kindern mitgeben, was ich wertvoll finde im Leben. Und ich hoffe, dass für manche etwas dabei ist.“

Credits
  • Autorin: Daniela Ingruber
  • Fotografie: Privat / Petra Stranger
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