Mit Seil
und Faden
Mit Seil und Faden

Anfang Dezember wird Caroline Auer-Marcher zum zweiten Mal Mutter. Ein kleiner Nikolaus? Nein, lacht sie: „Ganz sicher ein Krampus, wenn er nach seiner Schwester Charlotte gerät.“ Man wäre versucht hinzuzufügen: ganz wie die Mama! Denn zu Caroline fällt einem recht schnell das Wort „quirlig“ ein. Schon ein erstes Gespräch hinterlässt den Eindruck, man würde einander seit langer Zeit kennen. Kann es sein, dass man sich heute zum ersten Mal gegenüber sitzt?

Teil dessen ist ihre bestechende Natürlichkeit. So sagt sie, sie freut sich darauf, in der Karenz wieder mehr Zeit für ihre handwerklichen Arbeiten zu haben. Den Einwand, dass ihr mit zwei kleinen Kindern die Zeit dafür fehlen könnte, wischt sie mit einem Lachen weg, meint, das klappe schon und man ist geneigt, es der ehemaligen Marketing-Mitarbeiterin von Ö1 zu glauben. Auch eine eigene Agentur besaß die Lienzerin bereits. Kreativität gehörte somit schon immer zu ihren Berufen, doch etwas drängte sie in Richtung handwerklicher Gestaltung. Hier hat sie sich eine Nische geschaffen: einfache Entwürfe, in erdigen Farben, denen man das Handwerk ansieht, weil die Materialien ungewöhnlich sind.

Nähseide, Garn, Seile – daraus produziert sie Hüte und Kappen, Taschen, Körbchen und Rucksäcke. Wie sie zu ihren Entwürfen kommt? „Manchmal fragt jemand, ob ich etwas in der Art machen könnte.“ Wie das funktioniert, zeigt sie anhand eines Freundes: „Er ist Koch und hat sich eine Kochhaube gewünscht. Sie musste waschbar und schweißdurchlässig sein.“ Sie probierte ein netzartiges Modell, das nicht nur dem Koch gut gefiel, sondern auch ihrer Tochter, die die Haube zum Hut umfunktionierte, und weil Caroline gerade ein wenig Zeit hatte, machte sie ein paar weitere Exemplare und ging auf einen Markt. „Sie wurden mir wie warme Semmeln aus der Hand gerissen! Das wunderte mich, weil ich sie doch etwas hochpreisiger kalkuliert hatte.“ Teuer waren sie dennoch nicht und bald kamen Anfragen wie, „bitte, für mich in Schwarz“, jemand anderer wollte eine etwas breitere Krempe. Die Designerin setzte die Wünsche um, manche nahm sie in ihr Sortiment auf, andere blieben Sonderanfertigungen für eine Person – ein Rucksack für eine deutsche Kundin etwa, die etwas Knallbuntes, am liebsten in Türkis, wollte.

Hier wurde es etwas komplizierter, den Kundenwunsch zu erfüllen, denn die Seile, die die Basis aller Modelle darstellen, sind aus Baumwollgarn. Dieses zu färben ist „ein Glücksspiel“, wie Caroline zu bedenken gibt. Die Seilerei flicht die Garne mit bereits gefärbtem Garn. Theoretisch ließe sich jede gewünschte Farbe herstellen, aber, so sagt die Osttirolerin: „Ich habe keinen Einfluss darauf, da ich zu kleine Mengen kaufe. Daher färbe ich selber“. Da man nie wirklich weiß, wie das Garn die Farbe annimmt, ist Caroline Auer-Marcher auf andere Ideen gekommen: Oft löst sie ein Farbproblem mit der Nähseide, mit der sie die Seile zusammennäht. Daraus entstehen vorhersehbare Farben mit überraschenden Effekten und gleichzeitig kann die Künstlerin bei ihren drei Lieblingsfarben bleiben: weiß, schwarz und grau. Trends mag sie nicht. Als sich eine Frühstückspension rote Badezimmerkörbchen für alle Gästebadezimmer wünschte, setzte sie den Auftrag dennoch um – und freut sich bis heute darüber. „Ich bin keine Traumtänzerin und muss nicht dieMörderumsätze machen. Ich lebe gerne mit den entspannten Dingen, die das Leben bereichern.„ Was sie selbst einkauft? “Ich unterstütze lieber einen Handwerker, als mir ein Plastikglumpert zu kaufen.“

„Mir wird schnell langweilig!“

Ein typischer Satz der im Grafenanger Aufgewachsenen lautet: „Mir wird schnell einmal langweilig. Ich brauche Herausforderungen.“ Ach ja, dementsprechend wäre da noch etwas Künstlerisches, das Caroline liegt: das Schreiben. Auf ihrer Website gibt es eine Rubrik „Schreibwerkstatt“. „Schreiben macht mir Spaß, aber ich brauche halt auch Ruhe.“ Töchterchen Charlotte ist da anderer Meinung, daher fährt Caroline fort: „Sobald ich meinen Laptop aufklappe, will die Kleine mitmachen. Das Nähen funktioniert leichter, weil Charlotte mehr Respekt davor hat. Da weiß sie, sie kann nicht so einfach mitmachen – im Gegensatz zu Tastatur und Maus.“ Ihr Mann hat ihr in der Küche einen alten Schrank so umgebaut, dass sie einen Arbeitsplatz hat. Somit kann sie bei den Kindern sein und doch arbeiten – solange sie nicht schreiben will.

Seile aus Baumwollgarn sind die Basis aller Produkte von „dawuschn“, wie Carolina Auer-Marcher ihr Label nennt.

Bekannt geworden sind ihre Entwürfe und Arbeiten unter dem Namen „dawuschn“. „Das Wort verfolgt mich schon lange“, leitet sie die Geschichte dazu ein: „Ich habe bei der Tageszeitung Die Presse gearbeitet. Zum Abschied sangen meine Arbeitskolleginnen die Tiroler Landeshymne für mich.“ Darüber lacht sie heute und ergänzt: „Außerdem haben sie mir ein T-Shirt mit der Aufschrift ‚dawuschn‘ drucken lassen, weil ich das Wort oft sagte, aber es keiner außer mir kannte.“ Das Wort wurde für sie zu einer Art Türöffner – wie Osttirol: „Sobald man Osttirol sagt, wollen die Leute mehr wissen, haben hier Freunde oder waren auf Urlaub. Dawuschn muss ich nicht unbedingt übersetzen, manche Leute nehmen es als Lautmalerei, andere fragen nach.“ Es wäre zu banal, sich darüber Gedanken zu machen, dass Caroline es in ihrem Leben ganz gut „dawuschn“ hat. Und doch scheint es so zu sein: „Wir sind mitten in den Weinbergen in Engabrunn/Grafenegg. Da hat es mich hinverschlagen, weil mir langweilig war.“

Langweilig, das heißt, dass sie ihren Job beim ORF hatte („Von irgendetwas muss man ja leben!“) und die Produktionsleitung einer Universum-Folge über den Wiedehopf übernahm. Das tat sie zwei Jahre lang. „Wir pilgerten jedes Wochenende hin, übernachteten in den Weinbergen, in einem Weinkeller.“ Bis sie ein Haus entdeckten, das ihnen gefiel. Sie kauften es, richteten es her und hatten plötzlich ihren Hauptwohnsitz in der Region.

Durch und durch Osttirolerin ist sie geblieben. „Ich bin heimatverbunden, ohne Heimweh, weil ich weiß, dass die Heimat ganz nahe ist. Am Wagram, wo wir wohnen, sehe ich die Berge, den Schneeberg und die Rax und ich weiß, hinter diesen Bergen, da bin ich daheim.“

Credits
  • Autorin: Daniela Ingruber
  • Autor: Thomas Auer
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