Steve
House
Steve House
„The simpler you make things, the richer the experience becomes.“

Steve House ist im Bergsport das, was Lance Armstrong, Haile Gebrselassie oder Ole Einar Björndalen in ihren Sportarten sind oder waren – ein Ausnahmekönner, einer für den es eigentlich eine eigene Liga geben müsste, der mit scheinbarer Leichtigkeit das schafft, woran andere, auch gute, sogar herausragende Sportler scheitern. Steve House hat mit seinem Freund Vince Anderson die Rupalwand des Nanga Parbat durchklettert. Wand ist ein Hilfsausdruck für diesen gigantischen Pfeiler aus Eis und Fels, das so ziemlich Schwerste und Gefährlichste, das ein Bergsteiger in Angriff nehmen kann.

Der Einstieg befindet sich auf 3500 Metern, einer Höhe, in der die meisten unserer Berge schon zu Ende sind. Unglaubliche 4500 Meter klettert man dann durch die Rupalwand auf den Gipfel des „nackten Berges“, der der neunthöchste der Welt ist. House und sein Freund brauchten nur sechs Tage, um als winzige Zweierseilschaft ohne Träger, ohne Sauerstoffgerät, ohne Funkgerät und Fixseile auf dem schwierigsten aller Wege diesen Gipfel  zu erreichen.  Sie hatten kaum Wasser bei sich, Energieriegel, ein Zelt, einen Schlafsack und einen kleinen Ofen mit exakt soviel Brennstoff, dass sie nicht erfroren.  Niemand zuvor hatte die höchste Steilwand der Erde im Alpinstil bezwungen, House und Anderson bekamen dafür  2006 den „Piolet d‘Or“, den Goldenen Eispickel. Er ist der Oscar der Bergsteiger.

Was kommt jenseits des Berges?

Ein Interview mit dem besten Bergsteiger der Welt

Steve House zählt zu den Puristen des Bergsportes. Er nähert sich dem Berg mit Respekt und einem Minimum an Gerät und Aufwand. Nicht der Gipfelsieg um jeden Preis ist sein Credo, sondern das Erlebnis Berg an sich. Vielleicht ist der Amerikaner gerade deshalb einer der Größten seiner Zunft. Wir haben mit ihm über seine Erfahrungen, Pläne und sein Buch gesprochen. Es trägt den Titel: „Beyond the Mountain“.

Dolomitenstadt: Steve, was bringt dich nach Lienz?

Steve House: Meine Frau kommt aus Klagenfurt, sie ist Wildwasser-Sportlerin und kennt deshalb Thomas Zimmermann.

Dolomitenstadt: Bist du in der Region auch schon geklettert?

Steve House: 1989 war ich auf dem Großglockner. Ich war damals 18 und zum ersten Mal auf einem Gletscher, bei einem Trainingskurs des slowenischen Alpenvereins. Wir haben gelernt, wie man sich richtig auf dem Gletscher bewegt und zum Schluss sind wird dann auf den Gipfel.

Dolomitenstadt: Du bist einer der besten Kletterer der Welt und hast in nur sechs Tagen den Nanga Parbat über die Rupalwand bezwungen, ein Meisterstück, das dich weltberühmt gemacht hat. Du hast auch ein Buch geschrieben „Beyond the Mountain“. Was kommt jenseits des Berges?

Steve House: Das Buch entstand nach der Nanga Parbat Expedition und als es fertig war,  hatte ich seitenweise Titelvorschläge und war unschlüssig, wie ich es nennen soll. Und dann habe ich einen Text von Walter Bonatti gelesen, der darauf hinweist, dass wir dem Berg und der Natur mit Respekt und Einfachheit begegnen sollen. Das ist auch meine Philosophie. Bernardi endet mit dem Satz: „Was kommt nach dem Berg, wenn nicht der Mensch?“ Plötzlich war mir etwas klar. Als die Nanga Parbat Expedition begann, ging es um Ausrüstung, Training, Logistik. Am Ende des Tages blieb von all dem die Beziehung zu meinem Kletterpartner Vince Anderson. Mit ihm zu klettern war die wichtigste Erfahrung. Wir sind seither wie Brüder. 

Dolomitenstadt: Du kletterst buchstäblich mit leichtem Gepäck. „The simpler you make things, the richer the experience becomes“, schreibst du.  Ist das die Quintessenz deiner Kletterphilosophie? Wohin geht die Entwicklung derzeit im Klettersport?

Steve House: Die Entwicklung im Bergsport ist sehr fragmentiert, vom Boldern, über Sportklettern, Wettkampfklettern, traditionelles Klettern bis zu Big-Wall-Climbing – und da sind wir erst beim Felsklettern und noch gar nicht beim Eisklettern oder Bergsteigen. Für all das gibt es Superspezialisten und die  Ausdifferenzierung wird weitergehen. Daneben gibt es die Gipfelsammler, die die Seven Summits oder die 14 Achttausender auf einer Checkliste abarbeiten. Mir bedeutet das wenig. Mein Kletterstil orientiert sich mehr an der Erfahrung, die man macht. Dabei geht es um Selbsterfahrung aber auch um  Eindrücke, die man teilt. Das schließt alles ein. Die Kultur, in der du dich bewegst und das gesamte Team, vom Koch im Basislager bis zu den Kletterpartnern. Wenn man die logistischen und technischen Dinge vereinfacht, hat man mehr Zeit und Energie für die Menschen und die Umwelt, in der man sich bewegt. In diese Richtung wünsche ich mir die Entwicklung des Kletterns.

Dolomitenstadt: Welche Pläne hast du für die nähere Zukunft und wo ist das große Ziel nach all den Erfolgen, die du bereits erzielt hast?

Steve House: Ich bin Kletterer und werde das mein Leben lang bleiben. Derzeit arbeite ich an einem Lehrbuch, es wird im kommenden Sommer fertig sein. In den USA habe ich ein Projekt für junge Kletterer gestartet, um meiner Community und der jungen Generation etwas von meiner Erfahrung weiterzugeben. Ich will auch den Heldenmythos etwas relativieren, der manchmal rund um Klettererfolge aufgebaut wird. Ich möchte jungen Kletterern vermitteln, dass man nicht Superkräfte braucht, um Herausragendes zu leisten. Es geht darum, die richtigen Schritte zu setzen, um ein Ziel zu erreichen. Deshalb plane ich auch einige kleinere Expeditionen mit Nachwuchskletterern.

Dolomitenstadt: Manche Bergsteiger oder Kletterer scheinen das Risiko zu brauchen, diesen Kick, sich an der Grenze zur Lebensgefahr zu bewegen.  An dieser Grenze bist auch du sehr oft unterwegs.

Steve House: Das sehe ich nicht unbedingt so. Klar klettere ich nahe an dieser Grenze, aber ich habe erfahren, dass man sich in dieser Zone nicht immer bewegen kann. Es geht darum zu wissen, wann es geht und wann nicht. Das kann ein, zwei Mal pro Jahr oder nur alle paar Jahre sein. Hier hat sich in meinem Leben über die Jahre auch einiges geändert. Mit Mitte zwanzig habe ich an nichts anderes als Klettern gedacht, es hat mich nicht interessiert, wo ich das nächste Essen oder ein Bett bekomme, ich wusste, das findet sich irgendwie. Jetzt bin ich 41. Da schaut vieles anders aus.

Dolomitenstadt: Letzte Frage, was unterscheidet den ambitionierten guten Kletterer vom herausragenden?

Steve House: Wer ist schon der Beste, da gibt es so viele Meinungen. Für mich sind die Besten die, die nicht nach Anerkennung von außen schielen sondern nach innen, in sich hinein hören und dadurch ihr eigenes Leben, ihren eigenen Weg und ihre eigenen Ziele finden. Eines Tages wachst du auf und weißt, dass du am Ziel bist, auf dem Gipfel. Wenn du auf Applaus angewiesen bist, hast du den Sinn des Kletterns nicht begriffen.

Credits
  • Fotografie: Martin Lugger
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