Die älteste Abbildung des Großglockners aus dem Jahr 1782. Foto: Kalser Bergführerverein

Die älteste Abbildung des Großglockners aus dem Jahr 1782. Foto: Kalser Bergführerverein

Vom Bergführertum zum Bergmanagement
Vom Bergführertum zum Bergmanagement
150 Jahre Kalser Berg- und Skiführerverein – wie sich Verantwortung und Anforderungen veränderten.

„Eines Tages war ich mit einem Vater und dessen Sohn unterwegs – das Ziel war der Großglockner. Wie sich herausstellte hatte der Bub große Höhenangst und wurde – wie ich beim Aufstieg bemerkte – von seinem Vater den Berg regelrecht hinaufgetrieben. Am Kleinglockner zog ich die Reißleine, der Bub war  fertig. Ich hab mich zu seinem Vater gedreht und ihm klar gemacht, dass ich jetzt bestimme und wir wieder ins Tal gehen. Auf dem Weg nach unten musste ich den Burschen bei jedem Schritt halten.“

Vittorio Messini erzählt mir dieses Abenteuer bei einem Gespräch in Kals. „Vitto“ ist seit 2010 Mitglied der Kalser Bergführer. Dort lernte er von Peter Ponholzer, Bergführer-Urgestein und einer der Männer, die den Kalser Bergführerverein mitprägten, der heuer sein 150-jähriges Bestehen feiert. Eigentlich war Mitte November ein großes Fest geplant, doch das Wetter grätschte dazwischen und so mussten alle Feierlichkeiten abgesagt werden. Also sitzen wir jetzt zusammen und sprechen über den Wandel des Bergführertums und die Geschichte des Vereins.

Peter Ponholzer und Vittorio Messini im Büro der Kalser Bergführer. Foto: Dolomitenstadt/Wagner

Im Jahre 1869 wurden die Kalser Bergführer ins Leben gerufen. Zwei Prager Geschäftsmänner und Brüder, Franz und Johann Stüdl, machten es sich 1867 zum Ziel, den Großglockner – der vor diesem Zeitpunkt bereits von Heiligenblut aus bestiegen wurde – von der Kalser Seite zu erklimmen. Nachdem klar wurde, dass auf diesem Weg erst ein Klettersteig errichtet werden muss, zögerte Johann Stüdl nicht lange und finanzierte das Vorhaben. Schon 1868 eröffnete die Stüdlhütte als Schutzhaus auf dem Weg zu Österreichs höchstem Gipfel.

Foto: Kalser Bergführerverein

Zwei Jahre später gründete Stüdl mit dem Deutschen und dem Österreichischen Alpenverein den Kalser Berg- und Skiführerverein – den ersten und somit ältesten Bergführerverein der Ostalpen. Die Bergführer trugen das 300 Kilogramm schwere Kaiserkreuz aus Eisen Anfang Oktober 1880 persönlich auf den Gipfel des Großglockners.

Foto: Kalser Bergführerverein

Seither führten die Kalser Bergführer zahllose Menschen auf ebenso zahllose Gipfel in Bergmassiven rund um den Globus. Heute übernehmen diese Aufgabe neben Vitto und Peter 18 weitere Vereinsmitglieder. Der Titel „Kalser Bergführer“ ist ausschließlich Einwohnern der Glocknergemeinde vorbehalten.

Hofmannskees im Jahr 1904. Foto: Kalser Bergführerverein
Abstieg zum Kleinglockner gegen Ende des 19. Jahrhunderts – damals noch seilversichert. Foto: Kalser Bergführerverein
Glocknerbesteigung 1879/80. Foto: Johann Unterrainer; Sammlung Stadtgemeinde Lienz, Archiv Museum Schloss Bruck – TAP
Glocknerkreuz um 1930. Foto: Unbekannt; Sammlung Stadtgemeinde Lienz, Archiv Museum Schloss Bruck – TAP

Vitto ist stolz, Mitglied des Vereins zu sein: „Ich musste mir nach dem Aufnahmegespräch die traditionelle Lodentracht kaufen und fühlte mich sehr geehrt. Man ist Teil einer besonderen Gruppe.“ Peter Ponholzer blickt auf eine eindrucksvolle Karriere als Bergführer zurück. Zu Beginn der neunziger Jahre hat er die Ausbildung abgeschlossen und zog dann als Lehrer und gebürtiger Lienzer nach Kals. Dort wurde er kurze Zeit später zum Obmann der Osttiroler Bergführer gewählt. „Die Älteren dachten, weil ich Lehrer bin, würde das dann gut passen, weil ich ja schreiben könne“, erklärt Peter schmunzelnd. Sein Aufstieg ging weiter: Zunächst übernahm er für einige Jahre die Obmannschaft der Tiroler Bergführer und erreichte 1991 den Gipfel seiner Bergführerkarriere, als Präsident der Österreichischen Berg- und Skiführer.

Peter Ponholzer (links) bei einem Museumsbesuch mit Hans Gratz und Toni Gliber. Foto: Kalser Bergführerverein
„Für die Ausbildung brauchen wir fertige Bergsteiger. Wir wollen nicht das Bergsteigen, sondern das Bergführen lehren.“
Peter Ponholzer

„Das habe ich zwölf Jahre lang gemacht. Während dieser Zeit hat sich dann vieles getan. Wir haben die Aufnahmebedingungen und das Ausbildungssystem überarbeitet“, erklärt Peter. Zuständig für die Bergführerausbildung ist auch heute noch die Bildungsanstalt für Leibeserziehung. „Gefragt sind Allrounder, die alle notwendigen Fähigkeiten zumindest grundsätzlich beherrschen. Das wird vorher überprüft“, so Vitto.

Die Ausbildungsdauer wurde 2018 von zwei auf drei Jahre angehoben. Während der Ausbildung muss ein Tourenbericht geführt werden, um Erfahrung zu sammeln. Den Abschluss der Ausbildung bildet ein zweiwöchiger Hochtourenkurs in Chamonix. „Danach geht’s ab zur BH, Stempel abholen und fertig“, lacht Vitto und Peter fügt an: „Für die Ausbildung brauchen wir fertige Bergsteiger. Wir wollen nicht das Bergsteigen sondern das Bergführen lehren.“

Nach seiner Zeit als Bergführer-Präsident kehrte Peter wieder nach Kals zurück, wo er bis heute seiner Leidenschaft nachgeht. „Früher haben die Leute einen Bergführer gebucht und sind mit ihm in die Westalpen gefahren, um dort Viertausender zu besteigen“, erklärt das Bergführer-Urgestein. Manche Kollegen reisten allerdings bereits im 19. Jahrhundert schon um die halbe Welt. Johann Kerer zum Beispiel. Er war der beste Bergführer im Ausbildungslehrgang des Jahres 1887 und begleitete schon damals eine Expedition bis nach Indien.

Johann Kerer war der beste Bergführer des Ausbildungsjahrgangs 1887 und starb im Jahre 1929 unverheiratet und ohne Kinder.
Kerer – hier hoch auf einem Elefanten – führte Expeditionen bis nach Indien (Indische Gletscherfahrten). Beide Fotos: Kalser Bergführerverein

„Früher gab es weniger Bergführer und auch die Nachfrage war nicht so groß. Heute sind die Hütten moderner und mehr und mehr Leute lassen sich von einem Bergführer begleiten“, so Peter. Wie Vitto erzählt, hätten früher viele Amerikaner und Engländer einen Kalser Bergführer gebucht. Heute sei davon nicht mehr viel übrig. In Peters Anfangsjahren waren viele seiner Kunden Deutsche, Österreicher hätte man damals kaum geführt. „Das hat sich total gewandelt. Heute buchen sehr viele und immer mehr Österreicher bei uns einen Bergführer, dafür weniger Deutsche. Und was mich besonders freut: Es sind viel mehr junge Leute darunter als früher“, so Peter.

Er erzählt von einer Begegnung mit Gästen, die er bis heute nicht vergessen hat:

Vitto empfindet das Gästspektrum der heutigen Zeit als „breiter gefächert“. So würden mittlerweile mehr Leute Extremtouren buchen, aber auch die Zahl jener Leute nehme zu, die ein Mal in ihrem Leben auf dem Glockner stehen wollen, aber keine oder kaum Bergerfahrung haben. Generell verspüre er aber, dass die Wertschätzung gegenüber den Bergführern in der Bevölkerung zunimmt: „Früher ist man manchmal noch als Skilehrer belächelt worden. Das ist heute sicher nicht mehr der Fall.“

Die Kalser Bergführer Mitte 1920 beim Schießstand. Alle Fotos: Kalser Bergführerverein
Die Kalser Bergführer im Jahre 1930.
Die Kalser Bergführer im Jahre 1985.
Peter Ponholzer (links unten) mit mehreren Vereinsmitgliedern.
Die Kalser Bergführer in der Tracht von 1993.

Und wie steht es um die gegenseitige Wertschätzung unter den Bergführern? Auch die habe sich im Laufe der Zeit gebessert. „Wenn man früher von Kals in die Schweiz gefahren ist, ist es durchaus vorgekommen, dass Sprüche geklopft wurden, wie: Was macht der Österreicher da? Habt ihr keine Berge zu Hause?“, erinnert sich Peter. Heute, so empfindet es Vitto, gibt es eine „feine Kollegschaft“. Die Ausbildungen in den Alpenländern sind angeglichen und es gibt einen internationalen Bergführerverband samt Gegenseitigkeitsabkommen.

„Wer mit mir im Seil geht, kauft sich Sicherheit. Das hat sich nie geändert.“
Peter Ponholzer

Für Peter steht außer Zweifel, dass Verantwortung und Anforderungsprofil der Bergführer gestiegen sind. „Es hat sich mittlerweile zu einer Berufssparte entwickelt, die nicht nur das einfache Bergführen beinhaltet. Ich würde es heute als Bergmanagement bezeichnen.“ Es gehe nicht mehr „nur“ darum, die Kunden heil auf den Gipfel und wieder ins Tal zu bringen. In der heutigen Zeit müsse man als Bergführer managen, Vorträge halten und sich mit Dingen wie dem Wegebau befassen. Aber: „Wer mit mir im Seil geht, kauft sich Sicherheit. Das hat sich nie geändert“, betont Peter.

Eines Tages begleitete er zwei „besondere Gäste“ – zwei Marathonläufer – auf den Großglockner. Uns hat er die Geschichte erzählt:

Vitto sieht das ähnlich. Die Arbeit der Bergführer sei auch durch neue Trends und Sportarten vielfältiger und schnelllebiger geworden. „Dinge, wie Schneeschuhwandern oder Freeriden sind aufgekommen. Deshalb hat unser Büro mittlerweile das ganze Jahr über offen.“

Ein großes Problem mit dem aufkommenden Massentourismus sehen die beiden in Osttirol derzeit nicht. Angesprochen auf Warteschlangen unter dem Glockner-Gipfel meint Vitto: „Dieses Phänomen tritt nicht mehr so krass auf, weil mittlerweile weniger Private und dafür mehr Bergführer gehen, die das besser koordinieren.“ Die Spitzentage im Sommer, an denen beide Hütten voll sind, werden demnach weniger. „Solche Staus am Gipfel findet man eher im Frühjahr, weil da viele Skitourengeher ohne Seil rauf wollen“, meint Peter. Vitto ist zudem froh, „dass es in Osttirol nicht so viele Skilifte gibt, wie beispielsweise in Nordtirol. Wahrscheinlich wurde das verschlafen und heute zehren wir davon, dass unsere Landschaften nicht so befleckt sind.“

„Das Handwerk des Bergführens – etwa das Gehen am kurzen Seil – wurde von Generation zu Generation weitergegeben.“
Vittorio Messini

Einige Traditionen aus der Vergangenheit haben sich die Kalser Bergführer bis heute bewahrt. „Das Handwerk des Bergführens – etwa das Gehen am kurzen Seil – wurde von Generation zu Generation weitergegeben“, erzählt Vitto. Tradition hat auch die Partnerschaft mit den Bergführern aus Heiligenblut. Jedes Jahr trifft man sich bei einem „Gungl“ – einem gemütlichen Zusammensitzen – der abwechselnd in Kals und Heiligenblut stattfindet. Seit 1985 wird alljährlich ein gemeinsames Seilrennen veranstaltet.

Wer heute einen Kalser Bergführer bucht, zahlt im Schnitt etwa 350 Euro. Der Betrag steigt mit der Schwierigkeit der Tour und sinkt je nach Anzahl der Teilnehmer pro Kopf. Früher musste man für eine Tour auf den Großglockner mit Übernachtung in der Stüdlhütte 11,50 Gulden berappen.

Für die Zukunft sieht Peter die Kalser Bergführer gut aufgestellt: „Wir müssen uns selbst um den Nachwuchs kümmern. Unsere Obleute gehen mit den jungen Leuten klettern, und nehmen Schüler mit auf den Berg. Das muss auch geschehen, damit die Tradition nicht stirbt und das Kalser Bergführertum weiterlebt.“

Ein aktuelles Bild der Kalser Bergführer. Foto: Kalser Bergführerverein
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