Der Barsch aus dem Viktoria-See. Kein Alptraum?

Ein afrikanischer Leckerbissen mit ambivalenter Geschichte.

Meine Mutter kauft in dem kleinen Geschäft in der Schweizer Gasse gerne mal ein Filet vom Viktoria-Barsch. Besonders jetzt, nachdem sie mit mir am Ufer des Viktoria-Sees gestanden hat, gönnt sie sich diesen afrikanischen Leckerbissen.

Ich hatte ihn mir schon abgewöhnt, damals, als der Film ‚Darwins Alptraum ‘ vor bald zehn Jahren in die Kinos gekommen war. Er versuchte mit drastischen Bildern von Elend, Demütigung und Ausbeutung der Natur zu beweisen, dass die europäische Gier und Genusssucht am Untergang des Sees, seiner Flora und Fauna und der Menschen, die an seinen Ufern leben, Schuld sei. Nur, dass die Geschichte nicht stimmt, so wie Hubert Sauper sie erzählt. Aber das weiß ich erst jetzt.

Ökologisch macht es Sinn, den Raubfisch, der in den sechziger Jahren im zweitgrößten See der Welt ausgesetzt wurde, zu dezimieren. Sonst frisst er alles Lebende mit Stumpf und Stiel und der See kippt. Und es macht ökonomisch Sinn, den Fang international zu vermarkten, denn Devisen brauchen alle Anrainerländer des Sees mitten in Afrika. Die unfairen Verteilungsmechanismen zwischen globalen Konzernen und lokalen Fischern freilich, die sind anzuprangern.

Mamadou, mein Fischhändler in Kampala, hat Barsch nicht täglich im Angebot. Die internationale Vermarktung des Fisches bringt Devisen ins Land, doch der Gewinn wird zwischen globalen Konzernen und lokalen Fischern nicht fair verteilt.

Ich brate, dünste oder frittiere mindestens einmal die Woche Fisch aus dem See. Am liebsten die Filets der Tilapia, einer Barschart mit einer dramatisch gezackten Rückenflosse. Mamadou Kenya verkauft mir einen mittelgroßen Fisch um drei Euro; acht Cent bezahle ich fürs Putzen und Filetieren. Egal, was ich damit anstelle, er schmeckt köstlich‚ „fischelt“ kaum, sein Fleisch ist immer zart und saftig. Ich muss mir nur einbilden, dass er nicht in der Nähe Kampalas gefischt wurde, wo die Abwässer der Stadt ungefiltert eingeleitet werden.

Tilapia, Katzenfisch und Mukene – der Viktoria-See hat auch andere Arten zu bieten. Den räuberischen Barsch zu dezimieren macht auch ökologisch Sinn.

Bei Mamadou finde ich auch geräucherte Katzenfische am Steckerl, schrumplig-ledrige Mumien, die nicht als Fisch erkennbar sind, und Mukene, kleine Silberfischerl. Die Ugander verwenden sie als essence magique zum Würzen ihrer Soßen, ich verkoche sie mit billigem Reis zu Hundefutter.

Viktoria-Barsch finde ich auf dem Markt nur selten, aber jetzt esse ich ihn. So kann ich höchst genüsslich meinen Beitrag zur Erhaltung der Artenvielfalt im See leisten: Tod dem Feind von Tilapia, Katzenfisch und Mukene!

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