Osttirol ist ruhig. Manchmal unheimlich ruhig.

Das „Grundsummen“ der Stadt kann dem Städter auch fehlen.

Stille in der Pustertaler Marktgemeinde – nichts Außergewöhnliches. Foto: Dolomitenstadt/Egger
Stille in der Pustertaler Marktgemeinde Sillian – nichts Außergewöhnliches. Foto: Dolomitenstadt/Egger

Bei meinem letzten Osttirol-Aufenthalt überkam mich die Ruhe selbst. Ich stand, trotz des dringenden Wunsches mit dem Rauchen aufzuhören, rauchend mitten in der sternklaren Nacht im Zentrum Sillians auf einem Balkon und hörte – Nichts. Also rein gar nichts, so richtig überhaupt nichts. Gut, ein wenig später kamen ein paar Katzen dazu, die laut in ihrem Liebesspiel den ganzen Ort beschallten, aber sonst, Nichts, gar Nichts, nicht einmal das Rauschen der Schmelzwasser führenden Drau, von vorbeiflutendem Verkehr ganz zu schweigen. Mir war das ein wenig unheimlich. Vielleicht, weil das Grundsummen einer Stadt mittlerweile für mich selbstverständlich geworden ist. Als ich wieder wegfuhr, kam ich an einem Holzstock vorbei, auf dem stand, Sillian solle umfahren werden.

Wieder zurück in Hamburg trafen wir Freunde, er Autor und Fotograf, sie Fotografin und Autorin, die wegen einer Lesung in die Stadt gekommen waren. Sie suchten nach ein paar besonderen Geschäften und landeten auf unsere Empfehlung in Altona, einem bunten, lebendigen Stadtviertel. Als wir sie am nächsten Tag wieder trafen, fragten wir nach, wie ihnen die Gegend gefallen habe. Begeisterung: Wunderbar, lebendig, urban, und die Leute säßen vor den Cafes mit den Stühlen fast in der Straße, so dass die Autos sie mit einem kleinen Schlenker umfahren müssten, was diese auch anstandslos täten. Das wäre in Tirol nicht möglich, also ganz sicher nicht.

Jetzt mag diese Beobachtung daran liegen, dass jeder Hamburger ein tiefes Verständnis für Menschen aufbringt, die wegen Schönwetter Verkehrsregeln missachten. Da der Hamburger Sonne oft nur in kleinen Dosen genießen kann, drängen alle nach draußen, sobald wärmende Strahlen für mehr als fünf Minuten zu sehen sind. Egal ob Modegeschäft, Elektriker oder Taschenfachhändler, jeder stellt blitzschnell Tische und Stühle raus, man trinkt, grillt am Gehsteig, teils sogar an sehr obskuren Plätzen – wir sahen schon Großfamilien auf Verkehrsinseln zwischen Hauptverkehrsrouten picknicken – inmitten von viel Verkehr. Wie sehr die Hamburger Sonne lieben zeigt auch, dass Hamburg die Stadt mit der höchsten Cabriodichte Deutschlands hat. Trotz oder gerade wegen einer sehr hohen Niederschlagszuverlässigkeit, da bin ich noch nicht drauf gekommen.

Heute saß ich Espresso trinkend an einer sehr belebten Kreuzung nahe unserer Wohnung, ließ mir die Sonne ins Gesicht scheinen, hörte Martinshorn und Presslufthämmer, Stop-and-Go Verkehr, manchmal auch Hupen, und rund um mich wogte Verkehr. Ich gebe zu: mir war das mehr als ein mittlerweile selbstverständliches Grundsummen und schöner wäre gewesen, weniger laut vom Stadtleben beschallt zu werden. Dennoch, wenn ich daran danke, dass Orte umfahren werden sollen, die sich schon ohne Umfahrung als wahre Ruhepole ausweisen, dann frage ich mich, ob aus schon sehr ruhig nicht zu ruhig, geradezu unheimlich ruhig wird.

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7 Postings bisher
Marcus G. Kiniger vor 3 Jahren

Liebe User,

schön, wenn die mir teils unheimliche Ruhe Resonanzen hervorruft. Um einem vielleicht selbstverschuldeten Missverständnis vorzubeugen: Ich weiß Ruhe sehr zu schätzen. Ich habe davon gerade reichlich an Dänemarks Nordseeküste genossen. Ich weiß Ruhe und Stille aber auch ganz wunderbar in Osttirol genießen.

Nur im Zentrum meines Heimatorts - dort liegt nämlich mein Balkon - sind mir Ruhe und Stille wie gesagt etwas unheimlich, zu jeder Tages- wie Nachtzeit. Der Waldrand ist übrigens nicht weit. In etwa 500m Luftlinie. Die B 100 hingegen liegt knapp 20 m entfernt. Ich kann sie von meinem Balkon sehr gut sehen und hören.

Ich bin in Sachen Verkehr kein Experte. So weiß ich zum Beispiel nicht, was die Verlegung einer Straße in einem zwischen 500 und 1500 m breiten Tal an Ruhegewinn bringen kann. Ich habe mich darüber bei meinem letzten Heimataufenthalt mit einer befreundeten Unternehmerin unterhalten. Sie wusste es auch nicht. Ich mutmaßte, wirtschaftlich könnte es im Ort noch ein wenig ruhiger werden. Ob dies ein Gewinn sei, wusste ich erst recht nicht.

Laster machen Lärm und Lärm ist eine Last. Auf der B 100 ebenso wie auf der B 108. Wer unter Lärm zu leiden hat, ist zu bedauern. Sein Bedürfnis nach Ruhe verstehe ich gut. Ich bin nicht angetreten, dem Lärm das Wort zu reden. Lärm mag ich auch nicht.

Wollte ich mich etwa über die diversen Formen künstlicher Lärmentwicklung ausbreiten, so träte ich unter Umständen einigen Anfängern des Spiels der diatonischen Ziehharmonika zu nahe. Diese haben über Jahre im Sommer im Ortszentrum meines Heimatorts mehr als gut verstärkt ihre Können darboten. Da die msuikalischen Fertigkeiten noch nicht ganz ausgereift waren, waren die Darbietungen oft von einer mehrmaligen Wiederholung des überschaubaren Repertoires geprägt. Mein Ruhebedürfnis war in der Folge immer ein besonders großes. Wie's scheint, kann man es mir nicht recht machen. Einmal ist mir Sillian zu laut, einmal zu leise.

So wenig ich Lärm schätze, so sehr begrüße ich Lebendigkeit. Das liegt vielleicht daran, dass ich Fremdenverkehr mag. Fremdenverkehr ohne Verkehr wird schwierig. Ischgl an die Wand zu malen erscheint mir in dem Zusammenhang interessant. Ischgl ist mir ähnlich unheimlich wie absolute Stille. Die Gefahr für Osttirol fernab von absoluter Stille Ischgl zu werden, sehe ich nicht. Da mag ich ein Ignorant sein und die Augen vor einer mir unbekannten Bedrohung verschließen.

Als wir gerade in Dänemark waren, teilten wir uns ein Ferienhaus mit einer befreundeten vierköpfigen Familie. Deren ältester Sohn wurde gerade 4 und sein jüngerer Bruder ist 1 ½ Jahre alt. Beide können lautstark sein. Ich könnte auch sagen, sie sind sehr lebendig, zu jeder Tages- und Nachtzeit. Als die beiden in der ersten Nacht müde durch die Reise und die salzige Nordseeluft tief und fest und vor allem lautlos schliefen, war ihren Eltern das unheimlich. Vater wie Mutter standen auf, um nachzusehen, denn ihre Kinder waren viel zu still. Sie befürchteten schon fast das Schlimmste.

Stille kann manchmal wirklich sehr unheimlich sein.

P.S.: Beiden Kindern geht es prächtig.

eduard vor 3 Jahren

Wenn Osttirol zur "Marke" werden will, dann braucht es ein klares Profil. Wer ein Grundgeräusch sucht, soll zu den Umbalfällen gehen oder einen Grat erklimmen ("Sausen"). Ich halte nichts von künstlicher Lärmentwicklung - das gibts sonst überall! "The Unplugged Region" - das ist etwas Besonderes. Stille ist ein Wert! Wer die Ruhe nicht verträgt soll nach Ischgl fahren. Wir können nicht jede(n) ansprechen! Besinnen wir uns auf unsere Stärken, was ja in "Vordenken" und dem "Leitbild-Prozess" ohnedies passiert ...

karli8 vor 3 Jahren

naja kurz zu Verkehr in Sillian: Wenn man sich in dem Fall gegen jedes Projekt stellt das den Verkehr aus der Markgemeinde auf eine Umfahrung bringt, würd ich mich in dem Fall eher nicht aufregen. Gab ja meines wissens nach schon 4 Versuche für ein Projekt und wenn es anscheinend dafür keine Mehrheiten gibt muss man damit leben...

fb vor 3 Jahren

Ich meine, dass man aus dem Artikel Folgendes Herauslesen und Mitnehmen kann:

RUHE allein ist nicht die Lösung und kann nicht das Konzept für Osttirol sein. Wir sollten ein gewisses Grundbrummen akzeptieren und auch schaffen.

Es gibt vile Menschen, die im Urlaub leben wollen, LEBEN teilen mit den "Einheimischen", eben auch emotionelle Komponenten suchen, muss nicht ISCHGL sein.

Gertrude vor 3 Jahren

Herr Kiniger,

ich weiß nicht, ob Sie wirklich an einer Durchzugsstrasse mit viel Lkw-Verkehr leben. Ich wohne seit 33 Jahren in Lienz in der Iseltalerstrasse und habe vom Lärm mehr als genug. Von unheimlich ruhig kann ich nur träumen, vielleicht wohnen Sie, wenn Sie zuhause in Sillian sind, am Waldesrand. Sillian ist für mich ein sehr verkehrsbelasteter Ort- verstehe daher Ihre Einstellung zum Verkehr nicht- sorry.

nanny vor 3 Jahren

Nächtens Ruhe ja - außer ein ein paar verrückte Vandalen, die auf "Schaden machen" aus sind. Vielleicht gelänge ihre Kontrolle besser bei mehr Nachtleben ? :-) Aber vielleicht liegt die nächtliche Ruhe auch daran, dass in kleineren Städten, Orten vieles in kleinen Zirkeln stattfindet, unter den "Einheimischen" zumindest. Auf jeden Fall tagsüber - also da gebe ich CC vollkommen recht - da gehts verkehrs- und lärmmäßig schon ordentlich zur Sache!

CC vor 3 Jahren

Sehr schöner Artikel! Allerdings sollten Sie vielleicht mal mitten am Tag auf dem Balkon stehen. Dann sehen Sie unter Umständen weniger Sterne, hören dafür aber mehr (Verkehrs)geräusche.....