Tschiggy’s Tattooladen in der Hansestadt

Eine gebürtige Tirolerin geht in Hamburg mit Feingefühl bunt unter die Haut.

Beitragsbild-Tschiggy
Tschiggy, eine Tirolerin mit einem erfolgreichen Tattooladen in Hamburg. Fotos: Marcus G. Kiniger

Ich lerne Tschiggy bei der Bernhard Aichner Lesung im Mai 2014 in Hamburg kennen. Sie ist eine ebenso bunte wie lebendige Frau, mit heiser-angenehmer Stimme. Empathisch geht sie mit der Lesung mit. Ihr Innsbrucker Dialekt lässt mich nachfragen. Weil ich über Tattoos nur wenig weiß, ich Tschiggy interessant finde, und auch weil ich wissen will, warum eine Tirolerin in Hamburg als Tattookünstlerin arbeitet.

Auswahl Artikel Dolomitenstadt Juni 2014 Tschiggy Bubblegum Art (2)Bubblegum Art Tattoo heißt ihr Laden im Souterrain der Beckstrasse 7 im Hamburger Karoviertel, den sie mit Micha, ihrem großen, ruhigen Mann betreibt. Die TV- und medienerfahrene Tattoo-Künstlerin sagt mir einen Interviewtermin zu, während einer Tattoo-Session mit Janina. Einen Interviewtermin zu bekommen ist leichter als einen für eine Tätowierung. „Wir sind bis Oktober ausgebucht“, sagt Micha. Ich solle kommen, wenn Tschiggy Janinas Anker ein gesundes Gegengewicht verschaffe. „Eine blöde Beziehungsgeschichte, traurig, da müssen wir was machen für die Süße“, sagt Tschiggy. So wie sie es sagt, merke ich, Janina liegt ihr am Herzen.

Als ich komme, begegne ich Christian, einem Friesen von der Nordseeinsel Föhr, der schon seit Jahren Kunde bei Bubblegum Art ist. „Das Beste, was du kriegen kannst, wenn du Comic Tattoos haben willst. Seit 8 Jahren komme ich. Für mich hat jedes Tattoo eine Bedeutung, da kann ich Dir zu jedem was erzählen.“ Er sagt, er fühle sich wohl bei Tschiggy, schon alleine wenn er reinkomme in den bunten Vorraum, in dem als Tresen ein Bootsrumpf steht, mit einer gemütlichen Couch, Blumen, St. Pauli Fahne, Jolly Rogers an der Wand, Seefahrer Devotionalien neben Rockabilly Ikonen und viel Krimskrams. Er sei schon seit elf Uhr vormittags da. Jetzt ist es sieben am Abend.

Auswahl Artikel Dolomitenstadt Juni 2014 Tschiggy Bubblegum Art (23)Janina, eine fröhliche, um die 20 Jahre junge Frau mit hellgelb gefärbten Haaren, ist auch schon da. Wir unterhalten uns und ich bedanke mich, dass ich bei ihrer Session dabei sein darf. Ich frage nach dem Schmerz beim Stechen und danach. Sie sagt: “Wenn ich daran denke, wie lange ich was davon habe, dauert der Schmerz nur kurz. Es wird ja was Schönes sein.“ Christian sagt, er schlafe immer bei den Sessions ein. Ich kann mir das erst nur schwer vorstellen, aber Janina beweist mir wenig später, wie entspannend Tätowieren auch auf sie wirkt.

Janina hat schon einige Tattoos von Tschiggy, auf der Schulter einen Leuchtturm, daneben einen Schoner, den Arm entlang ein Seil, darin eingeflochten Anker, Steuerrad, Rosen, eine Schwalbe, nie monochrom, sondern in Farbe. Über ihrem rechten Fußknöchel der schlanke, schwarze Anker, der ein Gegengewicht braucht.

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Janina hat schon einige Tattoos von Tschiggy.

Während alles für Janinas Session vorbereitet wird und Tschiggy sich ein wenig von der mehrere Stunden dauernden, vorherigen Sitzung erholt, unterhalte ich mich mit Christian, lerne ihn kennen, erfahre über seine Tochter, seine Frau, sein Leben und wie er sich davon Bilder machen lässt, die ihn immer erinnern. Für ihn hat jedes Bild eine Bedeutung, die er gerne offen zeigt. Dann holt mich Micha. Es geht los.

„Es muss nicht alles immer eine Bedeutung haben. Man kann sich auch was stechen lassen, was einem gefällt, einfach so, weil man Bock drauf hat“, sagt Tschiggy während die Maschine surrt. „Aber natürlich sind solche Erinnerungen wichtig. Manchmal muss man Erinnerungen auch schöner machen.“ Janina liegt ruhig neben ihr, während Tschiggy die Linien des neuen Tattoos sticht, überschüssige Farbe routiniert wegwischt, sich konzentriert über ihre Arbeit beugt, immer wieder kontrolliert.

Ich frage nach Tirol und wir landen in Innsbruck, in Pradl – „I bin a Koatlacklerin“, sagt sie – und beim Punk. „Mit 17 bin ich nach Wien. Als Punks hatten wir in Innsbruck Altstadtverbot. Wo sollst‘ denn dann hin in Innsbruck?“ Sie lässt Tirol hinter sich, geht nach Wien, wo sie in der damals besetzten Arena Konzerte organisiert. Daraus ergeben sich Kontakte nach Berlin, wohin sie später übersiedelt. „Das war weit vor der Wende. Da war Berlin noch eine Insel.“ Als sie 30 wird, beginnt sie zu tätowieren. „Ich habe eine Lehre bei Berit Uhlhorn gemacht. Mein erstes eigenes Tattoo hab ich mir mit 17 stechen lassen. Davor waren’s Bazooka Bildl‘n, die hab ich mir als Kind immer auf den Arm draufgeklebt.“ Später werden die Bazooka Tattoos zum Namensgeber des eigenen Ladens, für Bubblegum Art.

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Bubblegums gaben dem Laden der Innsbruckerin seinen Namen.

Die Linien des Anker-Gegengewichts sind fast fertig gestochen. „Ein zeichnerisches Talent musst du für den Beruf mitbringen. Gemalt habe ich schon immer, als Kind mit meinem Opa. Zum Beispiel den Marlboro Mann. Den haben wir durchgepaust, auf Butterpapier. Ist zu früh gestorben, der Opa.“ Die Maschine hört auf zu surren und Tschiggy schaut in den Raum, ich folge dem Blick und suche das Bild des Opas. An der Wand hängt viel Pauspapier, mit vielen Motiven. Großvater entdecke ich keinen. Tschiggy lacht, deutet zur Decke, sagt: „Geh, ich hab doch grad rauf geschaut, zum Opa.“

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„Schlafst‘ schon, Spatzi?“, fragt sie Janina, die kurz ihren blonden Kopf hebt und müde etwas murmelt. Ich frage Tschiggy nach ihren Anfängen beim Tätowieren, an wem sie geübt hat. „In meinem Umfeld gab es ja viele Freunde, die tätowiert waren. Denen habe ich die Linien nachgestochen, gelernt, wie du eine saubere Linie ziehst, und nach und nach viel über Haut und Technik gelernt. Tätowieren ist viel Arbeit, du musst üben, üben, üben, was von Anatomie verstehen, wie die Muskeln verlaufen, wo die schmerzhaften Stellen sind und, und, und… Meinen eigenen Stil habe ich erst später gefunden.“ Erste Farbe füllt die Linien an Janinas Knöchel.

Ich frage nach der Hochzeit des Steiß-Tattoos, als weniger das Motiv wichtig war, denn ob das Tattoo beim Tragen einer Hüfthose gut sichtbar wäre. „Da habe ich fast aufgehört zu tätowieren, das war schon eintönig. Du hast viele Kundenwünsche. Ich kann recht viel, aber kann und will auch nicht alles stechen. Wenn Kunden kommen, dann beraten wir die auch dementsprechend: ob das Motiv zur Person passt, ob die Stelle gut ist, ob nicht ein anderes Motiv besser passt. Wenn einer zum Beispiel ein Portrait seiner Oma haben will, dann kenn ich auch wen, der das besser kann als ich und schick‘ ihn dorthin. Deshalb liegen draußen an der Theke auch die ganzen Visitenkarten. Wir haben uns spezialisiert. Im Laden arbeite ich mit zwei anderen selbstständigen Tätowierern zusammen“, sagt Tschiggy.

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Tätowierer in der Hansestadt helfen sich auch gegenseitig.

An den Wänden hängen außer ihren Entwürfen noch die der anderen Tattoo-Artists. Die soll ich nicht fotografieren. Tschiggy sagt: „Das sind Hanadis und Felix‘ Arbeiten und Eigentum. Wir sind das Stammteam von Bubblegum Art. Dazu haben wir Pedi als Nachwuchskünstler eingestellt.“ Pedi ist Psychologiestudent, ein ruhiger, angenehmer Typ Anfang Zwanzig, der neben uns gerade lernt, wie man kunstvoll unter die Haut geht. Über ihm hängt ein Motiv Hanadis, eine Frau mit Kopftuch, die mit einem Textmarker eine Ziegelwand beschreibt. Ich frage danach, weil ich in der Gesprächsvorbereitung darauf stieß, dass Tschiggy und andere Tattoo-Artists mit ihrer Arbeit ein von Hanadi initiiertes Medikamentenhilfsprojekt in Syrien unterstützen.

„Hanadi ist Syrerin, daher die Verbindung. Du musst doch was machen. Auch wenn’s nicht viel ist, was wir an Geld aufbringen können, es kommt schon was zusammen. Wir haben auch vorher schon für Seashepard ähnliche Aktionen gemacht, bei denen wir Geld gesammelt haben“, sagt Tschiggy. Ich denke, Menschen und ihre Schicksale scheinen ihr und ihrem Umfeld sehr wichtig zu sein, ohne das großartig betonen zu müssen.

„Es muss beim Tätowieren auch menschlich passen. Wenn das nicht stimmt, dann schick ich einen Kunden auch einmal ein Haus weiter. Du bekommst ja viel mit von deren Leben, die schönen und die weniger schönen Erlebnisse.“ Janinas Knöchel wird immer bunter.

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Sie erzählt von Schicksalsschlägen, von einem gerade an diesem Tag erhaltenen Telefonanruf eines alten Kunden, der zum Freund geworden ist, der einen großen Verlust erlitten hat, von einer Kundin, deren Mutter später zu Tschiggys Kundinnen wurde, und die sich die schon einmal rausgeschnittenen Tattoos wieder neu stechen ließ, von der Tochter anderer Kunden, die Tschiggy während des Tätowierens zu ihrer Überraschung von ihren Eltern grüßen lässt: „Das sind alles Geschichten, die gehen mir nahe. Und das ist auch gut so, das macht mich eben aus. Da entstehen Verbindungen zu den Kunden.“ Sie setzt die Maschine ab. „Geht’s Süße?“, fragt sie Janina.

Sie machen eine Pause und ich gehe zu Micha und Pedi in den Vorraum. Wir unterhalten uns über Schmerz, Body-Morphing, die Tattoo-Szene und Flat-Rate-Tätowieren. Darüber, dass Tschiggy und ihrem Team die persönliche Beratung der Kunden sehr wichtig sei. Wir sprechen über die möglicherweise heilsame, therapeutische Wirkung von Tattoos, darüber, dass Tätowieren mittlerweile schon sehr in der Gesellschaft angekommen sei, dass die Kunden aus allen Gesellschaftsschichten kämen, jeder mit seiner eigenen Motivation. Darüber, dass Micha sich sein erstes Tattoo erst mit Dreißig stechen ließ, dass Leute ohne Tattoo selten geworden seien. „Die Menschen wollen doch irgendwie besonders sein, nicht nur in H&M Klamotten austauschbar erscheinen. In Hamburg bist du ja fast schon ein Outsider, wenn du keines hast“, sagt Micha, und ich denke an meine untätowierte Haut. So sei eben jeder einzigartig.

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Tattoos sind längst in der Gesellschaft angekommen.

Es geht weiter. Tschiggy kümmert sich um den schwarzen Anker über Janinas rechten Knöchel, der nicht verschwinden soll, sondern leichter werden, durch ein paar an einem Seil entlang fliegende Blüten. „Der Anker gehört zu Janinas Geschichte. Der soll nicht verschwinden, der wird schöner. Den Leuten wird im TV viel vorgemacht, auch, dass ein altes Tattoo leicht gecovert, übermalt werden könnte, was nicht stimmt. Die alten Stiche kommen immer durch“, sagt Tschiggy, die selbst bei einer mehrteiligen Tattoo-Doku im TV zu sehen war. „Die Dreharbeiten waren schon heftig. Teilweise kamen wir erst unheimlich spät aus dem Tattoo-Studio, weil alle möglichen Einstellungen immer und immer wieder gedreht werden mussten. Das war ja alles live, im ganz normalen Betrieb, wo das Telefon geläutet hat, die Tür aufging und wer einfach mal vorbei gekommen ist. Viel Licht, viele Menschen, Kamera vor und Tonangel über Dir. Hat uns Bekanntheit, viele Kunden und auch viel Arbeit gebracht, manchmal schon fast zu viel von Allem.“

Auswahl Artikel Dolomitenstadt Juni 2014 Tschiggy Bubblegum Art (14)Die Tätowiermaschine surrt noch ein paar Mal, dann versorgt Tschiggy Janinas Haut. Über dem linken Knöchel tanzt jetzt ein pinkes Pony mit blauen Augen, blaugrüner, wallender Mähne und einem roten Luftballon. Janina strahlt, und ich erkenne bei ihr keine Zeichen von Schmerz. Das Gleichgewicht scheint wiederhergestellt. Tschiggy und Janina umarmen sich. Janina geht lächelnd.

Nach Ladenschluss sitzen wir noch ein wenig vor dem Laden. Tschiggy zündet sich eine Zigarette an, umarmt Micha und freut sich auf den Feierabend, auf ein Gespräch mit ihrem Mann, weil da heute dieser Anruf des Freundes mit dem großen Verlust war, der beiden sichtlich unter die Haut ging, über den sie reden wollen, weil sie bei der Arbeit wenig Zeit füreinander hatten. Wir machen noch Fotos voneinander, verabschieden uns herzlich. Als ich den beiden hinterher schaue, sehe ich zwei Menschen, die gerne tun, was sie tun, die sich und anderen gut tun, die bunt sind, jeder auf seine Art. Ein schönes Bild.

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