Dichterwettstreit ohne Altersgrenze in Lienz

„Po-po-po-po-poetry“, ruft Mieze Medusa, „Slam“ schreit das Publikum.

In Mieze Medusas Poetry Slam-Moderation brachte sie dem Publikum als Erstes das Klatschen nach Noten bei © Clemens Girstmair
Mieze Medusa brachte in ihrer Poetry Slam-Moderation dem Publikum als Erstes das Klatschen nach Noten bei. Fotos: Clemens Girstmair

Gleich wird Mieze Medusa den Auftakt für die Lienzer Poetry Slam-Serie moderieren. Ein paar Minuten bleiben ihr, genug für ein rasches Essen, ein paar Tipps an die gleich auftretenden Dichter/innen, dazwischen ein wenig Small-Talk, der eher wie ein Gedicht klingt als nach reiner Höflichkeit, ein klirrendes Lachen, ein bisserl Wiener Schmäh von der Gallneukirchnerin, eingestreut in ein Gespräch, wobei sie mehrere Unterhaltungen zugleich zu führen scheint und doch sehr wach, konzentriert und vor allem präsent wirkt.

Die Zeit reicht für einige wenige Fragen: Wie sie nach Lienz kommt? „Die Anja Kofler hat gefragt – und war hartnäckig.“ Kurze Pause, in die ein Lachen fällt, dann weiter: „In Wahrheit komm’ ich überall gerne hin, ich versuche nur ein wenig Balance zwischen Zugfahrt und Aufenthalt zu finden. Poetry Slam funktioniert nur über das Reisen, nämlich nur! Man will ja auch wissen, was passiert, wenn sich ein neuer Slam irgendwo gründet. Wir fühlen uns alle verantwortlich und zuständig für die Szene.“ In diesem Fall hätte sich leider kein anderer Termin in der Nähe ergeben, doch die Zugfahrt nach Lienz sei nett gewesen, die Rückfahrt werde es auch irgendwie sein, also passe das schon.

Ob sie einen Tipp für jene hätte, die so gerne dichten würden, doch sich nicht getrauen und – ach ja, das Vortragen ist ja dann noch schlimmer! Antwort von Mieze Medusa: „Ich kann nur sagen, dass es bei mir genau so war und mich das einige Jahre gekostet hat, was wurscht ist. Aber die Angst davor, dass beim Schreiben etwas schief geht, ist ja die ‚umsonste Angst’, denn es wird etwas schiefgehen und es wird gelingen. Es ist wie beim Tennis. Wenn man es lernt, wird man ein paar Mal verlieren, ein paar Mal stolpern und den Ball nicht treffen. Beim Poetry Slam merkt man irgendwann: Ob ein Text gelingt oder nicht, hat ganz viel mit dem Publikum zu tun und ganz viel mit dir selbst, aber es geht nicht unbedingt um deine Qualität. Es ist keine Bewertung der Qualität, sondern eine Bewertung der Abend-Alchemie. Unabhängig davon ist es ohnehin egal, ob es anderen gefällt oder nicht. Ein bisserl eine dicke Haut muss man sowieso haben. Wenn man auftritt. Das ist halt so.“

Geht es also um die Freude, die man selbst dabei hat – und darum, diese Freude mit den anderen zu teilen? „Genau, es geht darum, auf der Bühne Spaß zu haben, es geht darum, sich auch hinter einen Text zu stellen und zu sagen: Also, ich tu‘ jetzt alles, was ich persönlich für diesen Text tun kann. Aber eigentlich ist es einfach auch schön, auf der Bühne zu stehen. Die, für die es nicht schön ist, die sind beim Slam ohnehin falsch.“ Da lacht sie wieder, betont noch einmal, dass es einfach schön sei und erzählt dann von ihrem Lieblingsmoment beim Auftritt: „Das ist, wenn du merkst, dass ein Text beim Publikum so ankommt, dass sich die Gesichter entspannen, dass sie aufhören ihre Fassade aufrechtzuerhalten. Ich meine nichts Heuchlerisches, sondern dass sie sich beim Zuhören vergessen. Das ist schön.“

Und schon beginnt das nächste Gespräch, die Moderation startet auch gleich. Es geht los. Po-po-po-po-poetry schreit sie ins Publikum hinein und sofort schallt es zurück: Slam!

Was sich dann abspielt, ist ein Meisterstück zwischen Moderation und Slam. Mieze Medusa geht mit dem Publikum die zehn Arten des Klatschens durch, die der Punktebewertung nach jedem Auftritt entsprechen sollen. Was am Anfang noch zögerlich ist, schwillt bald an und wird schließlich zum Schreien, Lachen, Rufen, Klatschen, ein Applaus, der ganz und gar ihr gilt. Bis der erste Teilnehmer auf die Bühne kommt, ist das Publikum warmgeklatscht, die Stimmung bestens. Poetry Slam ist stets eine Zusammenarbeit zwischen Publikum und Auftretenden, auch eine Beziehung des Respekts, betont Mieze Medusa.

Dann sind die sechs Teilnehmer/innen dran. Markus, Bernhard, Heidi, Karoline, Sebastian und Frieda – Poetry Slam braucht keine Nachnamen, heißt es. Mieze Medusa denkt noch kurz über Superlative nach: In Innsbruck gibt es den ältesten Poetry Slam. In Lienz könnte ein anderer Rekord aufgestellt werden, denn es dürfte der Slam mit dem größten Alterunterschied sein, ganz jung und naja, nicht mehr ganz jung aber ebenso energisch. „Die einzige Diskrepanz des Abends“ sei das Alter, sagt sie. Doch ums Alter geht es an diesem Abend am allerwenigsten. Das Publikum feiert und freut sich über jeden einzelnen Text, zu Recht, denn jeder verzaubert, bringt zum Nachdenken oder zum Lachen, auf seine eigene Weise.
Das kann Sprache“, würde Mieze Medusa sagen.

Weitere Poetry Slam-Termine in der Bücherei Lienz:
15. Mai 2015: Himmelfahrts-Slam mit Markus Koschuh
18. September 2015: Lokal-Matador-Slam mit Stefan Abermann
28. Dezember 2015: Christmas-Slam mit Markus Koehle

Fotos: Clemens Girstmair

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