Training für das Überleben in Krisengebieten

Warum die Dolomitenstadtredaktion derzeit eine Filiale in Costa Rica besitzt.

Noch lassen sich die berühmten Sonnenuntergänge in Costa Rica genießen. Einige Kilometer entfernt droht der Vulkan Turrialba auszubrechen und wir bereiten uns auf das Überlebenstraining im Dschungel vor. Fotos: Daniela Ingruber
Noch lassen sich die berühmten Sonnenuntergänge in Costa Rica genießen. Einige Kilometer entfernt droht der Vulkan Turrialba auszubrechen und wir bereiten uns auf das Überlebenstraining im Dschungel vor. Fotos: Daniela Ingruber

Noch zwei Tage, bis es losgeht. Gerüchte machen die Runde. Das Seminar würde im tiefsten Dschungel stattfinden. Es gebe giftige Schlangen. Man müsse weite Strecken durch den Wald laufen und würde dann auch noch bedroht, mitten in der Nacht aus dem Schlafsack gezerrt und irgendwo ausgesetzt. Die ersten vier Studenten sind bereits jetzt abgesprungen. Sie wollten nicht warten, ob sich die Gerüchte bewahrheiten. Ein normales theoretisches Seminar im Hörsaal wirkt sicherer. Einige der 20 Studenten haben ein ganzes Jahr hier studiert, um an diesem einen Seminar teilnehmen zu können. Andere, die das Seminar in vorangegangenen Jahren gemacht haben, bieten ihre Unterstützung an. Sie wollen unbedingt mitarbeiten, notfalls auch gratis, ihren Flug bezahlen sie sich sowieso selbst, Hautsache dabei sein!

Der Ort: ein kleines Dorf in Costa Rica. Eine Woche lang wird es sich in den Fantasieort El Rodeo de San Marcos verwandeln und in einem fiktiven Land in Zentralamerika liegen, wo sich Drogenbanden, eine korrupte Regierung und selbsternannte Bürgerwehren an Gewalteskalalation und Verbrechen gegenseitig übertrumpfen. Das Land: frei erfunden. Die Hintergrundgeschichte: ein Versatzstück an realen Situationen. Das Seminar: ein Training für den Ernstfall. Junge Journalisten und zukünftige NGO-Mitarbeiter sollen lernen, wie man sich in Kriegs- und Krisensituationen verhält. In wenigen Monaten werden einige von ihnen in Afghanistan, Mexiko, Palästina oder vielleicht auch Syrien arbeiten. Im Seminar testen sie, ob sie für den Einsatz geeignet sind und erfahren, wie man sich einerseits schützt und andererseits damit umgeht, wenn man sich nicht mehr schützen kann.

Die Schauspieler kommen aus dem Dorf und von der Universität, Leute aus allen Ländern dieser Erde. Die Lehrenden: ein junger Lektor, der die Gegend seit vielen Jahren kennt. Er weiß, wie man sich im Dschungel bewegt; ein Uni-Professor aus Den Haag, der zugleich Leutnant der holländischen Armee ist und sowohl im Irak als auch in Afghanistan mehrere Kriegseinsätze hatte. Die dritte Person und Verantwortliche, eine Dolomitenstadtredakteurin, Kriegsforscherin mit Bürgerkriegserfahrung.

Die mehrfach preisgekrönte Feuerwehr des Nationalparks bereitet ihre Trainingseinheit vor. Für die Studenten wird ein kontrolliertes Feuer angezündet, das sie fast ohne Wasser löschen müssen. Schief gehen darf nichts, denn wir befinden uns mitten im Nationalpark.
Die mehrfach preisgekrönte Feuerwehr des Nationalparks bereitet ihre Trainingseinheit vor. Für die Studenten wird ein kontrolliertes Feuer angezündet, das sie fast ohne Wasser löschen müssen. Schief gehen darf nichts, denn wir befinden uns mitten im Nationalpark.

Die Studenten packen ihre Rucksäcke. Was braucht man für einen Einsatz, von dem man fast nichts weiß? Die Akteure sind beim Anreisen. Soeben sitzen ein kanadischer Martial Arts Trainer, der normalerweise Spitzensportler trainiert, und seine Frau, eine Drehbuchautorin, im Flugzeug. Ebenso der Soldat aus Holland. Eine Schwedin, die an der Universität Innsbruck (UNESCO-Chair für Peace Studies) ähnliche Trainings, übrigens unter militärischer Leitung des Tiroler Generalmajors Herbert Bauer und des derzeit in Lienz stationierten Oberstleutnants Bernd Rott absolviert hat, ist schon angekommen.

Das Team vor Ort genießt noch ein paar Stunden am Pool und organisiert die letzten Details. In zwei Tagen wird das Kingsize-Bett gegen den Boden getauscht, mit viel Glück in einem Zelt, denn es ist Regenzeit. Einer der involvierten Feuerwehrleute meinte gestern lapidar, er hoffe, dass die Studenten die hier reichlich vorkommende Terciopelo (Lanzenotter), eine der giftigsten Schlangen der Welt, rechtzeitig sehen würden. Die Taranteln und Skorpione erwähnt keiner, die sind zu normal. Wenn die Studenten wüssten, was sie erwartet, es würden wohl noch etliche abspringen. Die Nervosität steigt auch im Organisationsteam. Bisher ist immer alles gut gegangen. Hoffentlich auch diesmal. Alle erdenklichen Sicherheitsmaßnahmen wurden getroffen. Ein Restrisiko bleibt, auch im Rollenspiel. Mehr dazu demnächst auf Dolomitenstadt …

Noch ein Blick auf das Wetter, denn dies wird das Training leichter oder schwerer machen. Laut Wetterbericht wird es heiß und nass werden.
Noch ein Blick auf das Wetter, denn dies wird das Training leichter oder schwerer machen. Laut Wetterbericht wird es heiß und nass werden.

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Dolomitenstadt-Redakteurin Daniela Ingruber war vor ihrer Rückkehr nach Osttirol als Kriegsforscherin mit den Schwerpunkten Kriegsberichterstattung, ethischer Journalismus, Kriegsfotografie und -film an der University for Peace (UPEACE) der UNO in Costa Rica tätig, wo sie nach wie vor einer Lehrverpflichtung nachkommt. Derzeit leitet sie – parallel zur redaktionellen Arbeit für Dolomitenstadt! – einen Kurs im Masterprogramm für Medien und Konfliktforschung.

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