Das Training für Konfliktzonen ist vorbei

Jetzt setzt die Erschöpfung ein. Und ich freue mich auf ein Speckbrot in Lienz.

Jeder Soldat weiß, wie man Verletzte aus dem Kugelhagel birgt. Für die Friedensstudenten war dies eine der neu zu erlernenden Techniken. Fotos: Daniela Ingruber
Jeder Soldat weiß, wie man Verletzte aus dem Kugelhagel birgt. Für die Friedensstudenten war dies eine der neu zu erlernenden Techniken. Fotos: Daniela Ingruber

Noch vor wenigen Stunden waren wir von Dschungel umgeben, von allerlei Getier, aber hauptsächlich von Käfern aller Art und Riesenameisen, darunter die 24-Stunden-Ameise, die sich in unserem Camp sehr wohl fühlte. Diese Ameisenart verteidigt sich mit einem Stich, der als der schmerzhafteste unter allen Insektenstichen gilt. Viele Menschen fallen davon in Ohnmacht. Erst nach zwölf bis 24 Stunden lässt der Schmerz nach. Doch die Ameise hatte Mitleid mit uns, sie behielt ihren Stachel samt Gift für sich, ganz im Gegensatz zu den Bienen, Wespen und Mosquitos, die zahlreiche Opfer unter uns fanden. Um wieviel netter sind da die Kolibris!

Für die Wunder der Natur hatten meine Studenten in den letzten Tagen wenig Verständnis, denn obwohl alles bloß eine Simulation für den Ernstfall war, kippten sie schnell in jenes Gefühl, das die Realität vergessen lässt. Sie spielten ihre Rollen nicht mehr, sondern wurden zu ihren Rollen. Die Angst um ihre Sicherheit, die Ungewissheit, wann der nächste Überfall folgen würde oder die Frage, wem man vertrauen könne – all das wurde binnen kürzester Zeit für sie zur Wirklichkeit. Die Studenten erfuhren so am eigenen Körper, was es heißen könnte, entführt zu werden. Sie spürten die Schmerzen und die Verunsicherung. Dass wir Trainer und unsere Schauspieler so vorsichtig wie möglich mit ihnen umgingen, spielte keinerlei Rolle, denn das Geschehen fand in ihrem Kopf statt.

Spätestens beim Feuerwehrtraining verging den meisten das Lachen, denn es gab nur 40 Liter Wasser. Sie mussten sich mit anderen Löschmethoden vertraut machen.
Spätestens beim Feuerwehrtraining verging den meisten das Lachen, denn es gab nur 40 Liter Wasser. Sie mussten sich mit anderen Löschmethoden vertraut machen.

Wie bei jeder Konfliktsimulation kam es zu manchen Überraschungen: Die einen reden groß und versagen auf allen Ebenen, die anderen sagen wenig, fallen kaum auf und treffen kluge Entscheidungen. Was Letztere richtig machten? Sie löschten ein Feuer, als es darum ging, den Nationalpark zu retten, sie betreuten Verletzte und wählten die richtigen Methoden der Ersten Hilfe, sie verhielten sich bei ihrer Entführung so, dass sie größtmögliche Überlebenschancen hatten und sie zeigten trotz all ihrer Angst noch ein Herz für jene Menschen, die in Not waren.

Das war für mich die größte Einsicht dieses Trainings: Jedes Jahr werden die Studenten egoistischer, konzentrieren sich immer mehr auf ihre eigene Sicherheit und haben wenig Mitleid mit anderen. Im Rollenspiel haben wir ihnen Flüchtlinge geschickt, unbekannte Verletzte in die Simulation eingeschleust, die Hauptdarstellerin „starb“ in ihren Armen – und in allen Fällen zeigten sich die Studenten nur daran interessiert, wie sicher sie selbst waren. Keinerlei Mitleid. Selbst als Personen aus dem eigenen Team entführt wurden, liefen sie davon, versuchten nicht einmal zu verhandeln und kamen danach mit irgendwelchen Ausreden.

Jasper van Koppen, Universitätslektor aus Holland und Leutnant der holländischen Armee zeigt den Studenten verschiedene Formen der Sicherung von Verletzten, während man unter Beschuss ist.
Jasper van Koppen, Universitätslektor aus Holland und Leutnant der holländischen Armee zeigt den Studenten verschiedene Formen der Sicherung von Verletzten, während man unter Beschuss ist.

Was wir im Training vermitteln können, ist das Wissen, wie man mit Krisensituationen umgeht, wie man Verletzte im Kugelhagel sichert, wie man ein Buschfeuer löscht, wie man Verhandlungen mit kriminellen Organisationen führt und wie man in einer Situation ununterbrochener Bedrohung trotzdem seine Arbeit macht. Was wir den Seminarteilnehmern aber nicht beibringen können, weil man das nur für sich selbst entscheiden kann, ist Mitleid zu haben und zu wissen, wann man ein wenig riskieren darf, um jemand anderen zu retten. Unter allen war es lediglich eine Studentin, die das Mittelmaß zwischen eigener Sicherheit und Mitleid mit anderen zu kennen schien, eine Inderin, die vor dem Training selbst schon so einiges erlebt hatte. Sie wäre vielleicht sogar einen Schritt zu weit gegangen, sie riskierte ihr Leben und auch das ist fraglich in einer Krisensituation. Es gibt genaue Regeln, wann man einen Verletzten zurücklassen muss und wann man sich für jemanden einsetzen kann, doch all das ist Theorie. In der Realität ist die Beurteilung dessen schwierig. Die indische Studentin hätte leicht in eine Falle laufen können. Es tat allerdings gut zu sehen, dass jemand sein Handy fallen ließ und facebook facebook sein ließ, um wenigstens den Versuch zu unternehmen, jemandem das Leben zu retten.

Die Scham trat bei einigen in der Nachbesprechung ein. Erst in diesen Gesprächen wurde ihnen klar, wie sie sich instinktmäßig verhalten hatten. Wäre das Spiel Realität gewesen, hätte kaum einer meiner Studenten überlebt. Sie waren ganz ohne Vorbereitung in das Training gegangen und lernten durch Irrtümer – jede Menge Irrtümer. Vielleicht haben sie in den letzten Tagen einiges gelernt, sie kennen sich selbst nun in Stresssituationen, sie wissen, wie man sich bewegt, was man braucht, worauf man sich konzentrieren sollte und was man im Ernstfall besser unterlässt. In wenigen Monaten wird der/die eine oder andere von ihnen in einer Konfliktzone dieser Welt arbeiten. Dann werde ich nicht mehr an ihrer Seite stehen können und das Spiel unterbrechen, damit sie überleben und ihnen erklären, was sie falsch gemacht haben. Ich muss mich darauf verlassen, dass sie genug gelernt haben, um alleine überleben zu können.

Dauerregen erschwerte das Training an den letzten Tagen. Binnen Minuten sammelten sich kleine Bäche. Einige Stunden später war das Camp teilweise überflutet. Von trockener Kleidung konnte man ab dann nur noch träumen.
Dauerregen erschwerte das Training an den letzten Tagen. Binnen Minuten sammelten sich kleine Bäche. Einige Stunden später war das Camp teilweise überflutet. Von trockener Kleidung konnte man ab dann nur noch träumen. Eine Pause war den Teilnehmern trotzdem nicht gegönnt.

Heute, nach dem Training, schlafen alle lange. Wir Trainer sind fast erschöpfter als unsere Studenten. Ich bin dankbar, dass sich niemand verletzt hat und freue mich auf die Ruhe in Lienz. Kein Alarm mehr, keine Organisation irgendeiner gemeinen Übung, die die Studenten „quälen“ und sie dabei etwas lehren soll. Ein Speckbrot wäre jetzt herrlich! Aber noch bin ich in Costa Rica, also wieder einmal Gallo Pinto (Reis und Bohnen), dafür die herrlichsten Früchte dazu, reife Ananas, Papayas, Bananen und Maracujas. Nur die Sache mit dem Heimflug wird gar nicht so einfach, denn der 67km vom Flughafen entfernte Vulkan Turrialba scheint sich derzeit einen Spaß daraus zu machen, jeden Tag mehrere Flüge mit seinem Rauch zu verhindern.

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Dolomitenstadt-Redakteurin Daniela Ingruber war vor ihrer Rückkehr nach Osttirol als Kriegsforscherin mit den Schwerpunkten Kriegsberichterstattung, ethischer Journalismus, Kriegsfotografie und -film an der University for Peace (UPEACE) der UNO in Costa Rica tätig, wo sie nach wie vor einer Lehrverpflichtung nachkommt. Derzeit leitet sie – parallel zur redaktionellen Arbeit für Dolomitenstadt! – einen Kurs im Masterprogramm für Medien und Konfliktforschung.

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rosemarie vor 3 Jahren

danke für diesen spannenden Bericht. Wäre es nicht sinnvoll, wenn Wehrdienstwillige ein Training solcher Art bei qualifizierten Ausbildern bekommen würden- um danach freiwillig tätig zu werden??