Rumpelstilzchen spinnt wieder Gold

Hanf: Eine der ältesten Kulturpflanzen erobert langsam ihren Platz zurück.

Hanf ist in aller Hände. Jede dritte selbstgewutzelte Zigarette ist aus Hanfpapier. Die meisten Banknoten beinhalten Hanf, denn die Fasern machen sie widerstandsfähig. Dämmstoffe und Ziegel aus Hanf sind längst wieder erfolgreich, Kleidung ebenfalls. Aus Hanf lässt sich alles herstellen, was man aus Erdöl machen kann, auch Plastik. Hanföl, Hanfnüsse und Hanfmehl sind äußerst gesunde Lebensmittel. Die Produkte bekommt man auch in Lienz, aber der Hanf kommt nicht mehr aus Osttirol. Mit dem Anbauverbot nach dem Zweiten Weltkrieg ist die jahrhundertelang angebaute Pflanze verschwunden. Das könnte sich ändern. Daran arbeiten einige Menschen mit viel Hingabe.

Nutzhanffeld im Obernvinschgau. Foto: www.ecopassion.it
Nutzhanffeld im Obernvinschgau. Foto: www.ecopassion.it

Ausgangspunkt war das Regionalmanagement Osttirol unter Führung von René Schader, wo für das Projekt „Köpfchen benützen – Klima beschützen“ vier Schulen einbezogen wurden, darunter die HTL Lienz. Dort wurde Schülern angeboten, für ihre Diplomarbeit eine Studie zum möglichen Anbau und der technischen Verwertung von Hanf in Osttirol zu verfassen. Die Schulkollegen Simon Pötscher und Daniel Schett sagten zu. Heute kann man sie als „Botschafter“ für Hanf in Osttirol bezeichnen – und nein, es geht nicht um das Rauschgift, Cannabis Indica, sondern um den Nutzhanf als umfassende Kulturpflanze.

Am Freitag, 29. Mai präsentierten die beiden ihre Forschungsergebnisse in der RGO-Arena. Daniel Schett dazu: „Der Hanfanbau würde sich für Osttirol tatsächlich auszahlen. Das Problem ist, dass wir die Fläche nicht haben.“ Die Hanglage stellt eine Herausforderung dar, wenn man nicht auf die händische Ernte angewiesen sein will. Lösbar? Ja, heißt es.

Nach den Schülern sprachen an diesem Abend Menschen, die ihre Arbeit und man müsste fast sagen, ihr Leben in den Dienst der Pflanze gestellt haben – und das schon sehr lange, wie Günther Schmid (Hanfland) aus Niederösterreich, der sich seit 20 Jahren mit den Anbau- und Verarbeitungsmöglichkeiten von Hanf beschäftigt. Er stammt aus Hanfthal, wo der Hanfanbau vor Jahrhunderten sogar namensgebend war. In Lienz erzählte er von seiner Pionierarbeit, die inzwischen mit vier anderen Personen zu drei Firmen geführt hat. Leben kann er selbst noch nicht davon, doch die Betriebe haben zehn Angestellte. Die Wirtschaftlichkeit beginne langsam, stellt er zufrieden fest.

Günther Schmid und Anton Hagenauer sehen Hanf als das Lebensmittel der Zukunft. Foto: www.hanfland.at
Günther Schmid und Anton Hagenauer sehen Hanf als das Lebensmittel und den Dämmstoff der Zukunft. Foto: www.hanfland.at

Ähnlich ist das auch für Christoph Kirchler (Ecopassion) aus Südtirol, der mit seinem Kollegen Alexander Erlacher seit drei Jahren zum Thema forscht und experimentiert. Jetzt, sagt er, begänne das Projekt langsam wirtschaftlich zu werden. Er fügt hinzu, dass es bei ihnen schneller ging, weil sie vom Wissen der Pioniere wie Günther Schmid profitieren konnten. Man tausche sich aus. Dass auch ihr eigenes Projekt in Percha anderen als Vorbild dienen soll, wünscht sich Kirchler sehr. Als nach dem Vortrag immer wieder die verständliche Frage nach dem Deckungsbeitrag kommt, hört er lange zu, bis es aus ihm herausbricht: „Wenn uns eine Pflanze eine Chance gibt, soll man sie zuerst anschauen, mit ihr leben und sie lieben lernen.“ Letztlich ginge es zwar natürlich um Geld, aber eben nicht nur. Ein gesunder Boden – und Hanf ist dafür berühmt, den Boden zu verbessern, sodass sich in der Fruchtfolge auch ein besserer Ertrag bei den Folgepflanzen ergebe – bietet neben Wirtschaftlichkeit noch etwas anderes, Autonomie. Das nämlich gilt als die besondere Stärke des Hanf. Bis zu 97 Prozent der gesamten Pflanze lassen sich verwerten. Ecopassion baut Häuser und steigt zudem in den Wellness- und Kosmektikbereich ein, Synthesa in Niederösterreich dämmt Häuser, das Gemeindeamt in Virgen zum Beispiel, Hanfland baut Hanf an, beliefert Synthesa, schält Hanfnüsse und kreiert unter Anleitung der Ernährungswissenschafterin Gerda Steinfellner Lebensmittel. Vor allem das Hanfbier fand reißenden Absatz bei den Zuhörern in der Peggetz.

Einziges Problem derzeit: Es gibt zu wenige Hanfbauern, und das obwohl die Pflanze als pflegeleicht gilt. Christoph Kirchler bringt es am Ende nochmals auf den Punkt. Es gehe um eine Lebenseinstellung. Er spricht lieber von einer Wertegemeinschaft: „Wir Hanfianer sind letztlich eine Familie.“ Das ist notwendig, denn die großen Pharmakonzerne und die Erdölindustrie sind starke Gegner. Regional aber, in kleinen Gruppen könne die Autonomie funktionieren, hofft der Südtiroler. Das Stroh, das Rumpelstilzchen gesponnen hat, war schließlich ja auch Hanf und es wurde zu Gold.

Von der Landwirtschaft bis zur Forschung und schließlich dem Hausbau übernehmen Christoph Kirchler und Alexander Erlacher die Hauptarbeit selbst. Foto: www.ecopassion.it
Von der Landwirtschaft bis zur Forschung und schließlich dem Hausbau übernehmen Christoph Kirchler und Alexander Erlacher die Hauptarbeit selbst. Foto: www.ecopassion.it
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