Amphibien: Viel Lärm um nichts

In Bermuda sind die Geräusche der Nachttiere laut, aber willkommen. Mit Hörprobe!!

Jetzt wo die nächtlichen Temperaturen auf der subtropischen Insel schon seit mehreren Wochen die 20°-Marke deutlich hinter sich lassen, fällt uns Inselbewohnern, aber noch viel mehr den Besuchern, der ungewöhnliche Geräuschpegel auf, den die Dämmerung und Dunkelheit hier mit sich bringen. „Was sind denn das für Vögel, die hier die ganze Nacht solch einen Lärm machen? Wir konnten gar nicht schlafen!” wurden wir von so manchen Gästen schon nach der ersten Nacht gefragt. Darauf gibt es dann immer die gleiche überraschende Antwort: “Das sind keine Vögel, sondern Frösche.”

Als verhinderte Amphibienbiologin sind mir die zwei Lurcharten, die es hier (leider nur!) gibt, natürlich besonders ans Herz gewachsen. Und sie könnten unterschiedlicher nicht sein. Da gibt es erstens diese kleinen Whistling Frogs, zwei Arten der fingernagelgroßen Baumfrösche der Gattung Eleutherodactylus sp. Tagsüber sieht man von den nachtaktiven Baumfröschen meist nichts, nur manchmal wird man nach einem Regenguss von einem unerwarteten lautstarken Konzert überrascht. In den kühleren Wintermonaten möchte man sogar meinen, die Frösche gibt es gar nicht, wenn da nicht hin und wieder ein unerschrockener Einzelkämpfer sein Stimmchen durch die Nacht schicken würde.

Der kleine Whistling Frog wirkt fast durchsichtig. Fotos: Petra Heinz-Prugger
Der kleine Whistling Frog wirkt fast durchsichtig. Fotos: Petra Heinz-Prugger

Um diese Jahreszeit allerdings wird man bei abendlichen Spaziergängen durch Hecken und Baumstriche von einem ohrenbetäubenden Lärm begleitet, den die männlichen Lurche zum Anlocken ihrer weiblichen Artgenossen von sich geben. Aus Versehen landet dabei auch manchmal so ein federleichter Lurch mit einem feuchten Plopp auf Armen und Beinen, was sich aber keineswegs ekelig anfühlt und wovor man sich auch nicht fürchten muss. Im Nu sind die kleinen scheuen Amphibien auch schon wieder in der Dunkelheit verschwunden.

Die Frösche wurden irgendwann vor 1880 wohl versehentlich und höchstwahrscheinlich mit einer Orchideenlieferung aus der Karibik auf das Eiland gebracht. Sie konnten sich auf Bermuda, das ursprünglich aufgrund des fehlenden Süßwassers keine Amphibien beherbergte, gut vermehren, zumal sie sich direkt aus den Eiern entwickeln und somit das wassergebundene Kaulquappenstadium überspringen. Mit ihrem Gepfeife verleihen sie der Nacht auf Bermuda ihren ganz besonderen Reiz und man gewöhnt sich recht schnell an die kleinen Schreihälse.

Die Agakröte ist nicht nur groß, sondern hat auch Gift zu ihrer Verteidigung.
Die Agakröte ist nicht nur groß, sondern hat auch Gift zu ihrer Verteidigung.

Die zweite Lurchart hier und ein absoluter Kontrast zu den filigranen, fast gläsernen Baumfröschen ist die große, unansehnliche Riesenkröte, auch Aga-Kröte oder einfach nur Aga genannt (Bufo marinus mit wissenschaftlichem Namen). Sie zählt mit bis zu 22 Zentimeter Länge und um einem Kilogramm Körpergewicht zu den fünf größten Froschlurchen der Welt. Die ursprünglich aus Amerika stammende Krötenart wurde auf Bermuda – wie auch in anderen Gebieten der Welt – als vermeintlich natürlicher Schädlingsbekämpfer angesiedelt. Diese unüberlegte Faunenverfälschung ging nicht nur hier ordentlich in die Hose, sondern führte in manchen Gegenden, wie zum Beispiel Australien, sogar zu einem regelrechten ökologischen Desaster. Im englischen Sprachgebrauch kennt man sie als Cane Toad, weil sie auf den Zuckerrohrplantagen die Schädlinge in Schach halten sollte. Der „gemeine Bermudianer“ wiederum nennt sie Road Toad, was sich einerseits im hiesigen Slang ziemlich komisch anhört, andererseits ein unverhohlener Hinweis auf ihr oft unausweichliches, unnatürliches Ende ist.

Während sich die Agakröte in anderen Teilen der Erde unverhältnismäßig und sogar bedrohlich schnell vermehrt und heimische Tierarten verdrängt sowie bedroht, ist das in Bermuda nicht der Fall, weil es nichts gibt, was verdrängt werden könnte. Ihre Vermehrung auf der Insel verdankt sie ihrer Fähigkeit, auch leicht salzhaltiges Wasser im Kaulquappenstadium zu tolerieren, so findet man ihre Larven in den Brackwassertümpeln der Insel zu Hauf. Laich und Kaulquappen haben bereits toxische Abwehrstoffe und die giftigen Sekrete der erwachsenen Kröte können im Maul eines Hundes nach 15 Minuten bereits zum Tod führen. Beim Menschen können die Absonderungen starke Hautreizungen verursachen, somit sollte man sich den dicken Kröten nur mit Vorsicht nähern, zumal sie das Gift auch manchmal regelrecht abspritzen. Da Amphibien generell kein Spielzeug sind, sondern empfindliche Tiere, dürfte das selbstverständlich sein.

Jedenfalls ist die andernorts so verhasste Kröte auf der kleinen Atlantikinsel ein gern gesehener Gast, denn die eine oder andere Kakerlake oder auch kleine Ratte lässt sie sich eben doch ab und zu mal schmecken. Und ich, die ich schon als Kind bei jeder Gelbbauchunke, jedem Grasfrosch und jedem Bergmolch in höchste Verzückung geraten bin, freue mich sowohl über die kleinen “Springingerlen” abends auf der Terrasse als auch über die trägen Kröten in der Wiese vor dem Haus.

Eine kleine Hörprobe der Nachtgeräusche in Bermuda gefällig?

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