„Österreich hat schon andere Krisen bewältigt!“

Caritas Tirol-Direktor Georg Schärmer sprach in Lienz über Afrika, Flucht und Ehrenamt.

Caritas Tirol-Direktor Georg Schärmer beim Pressegespräch in Lienz. Foto: Dolomitenstadt
Georg Schärmer, Direktor der Caritas Tirol, beim Pressegespräch in Lienz. Foto: Dolomitenstadt

Für seine jährliche Pressekonferenz in Osttirol am 5. August hat sich Georg Schärmer, Direktor der Caritas Tirol, einige äußerst große Themen vorgenommen. Zusammenfassen ließen sich alle unter seinem Satz: „Das Ehrenamt ist die Zukunft.“ Was so einfach klingt, verweist auf mehrere parallele Herausforderungen. Da wäre zunächst die aktuelle Sammlung der Caritas. Diesmal hat man sich vorgenommen, 500 Kindern, die auf ihrer Flucht in Lagern im Libanon gelandet sind, die Schulbildung zu ermöglichen. Der Libanon ist kleiner als Tirol und beherbergt derzeit an die zwei Millionen Flüchtlinge. Damit die Kinder neben ihrem Heim nicht auch noch ihre Schulzeit ganz verlieren, werden in libanesischen Schulen Unterrichtseinheiten für sie eingeschoben. 200 Euro kostet der Unterricht samt Essen und Transport pro Kind und Jahr. Die Sommersammlung der Caritas wird aber auch Geld für Ernährung nach Westafrika bringen, denn Georg Schärmer sagt: „Afrika bleibt ein Dauerauftrag.“ Dabei macht ihm besonders der Klimawandel Sorgen, da immer mehr Menschen der Zugang zu Nahrung und Wasser fehlt. Allein im August 2014 hat man in Osttirol 80.000 Euro an Spenden gesammelt. Fünf Tiefbrunnen konnten dafür gebaut und damit an die 10.000 Menschen mit Wasser versorgt werden. Heuer hofft man auf ein ähnlich gutes Ergebnis.

Durch den Brunnenbau der Caritas werden die Menschen in Mali mit sauberen Wasser versorgt. Fotos: Caritas
Durch den Brunnenbau der Caritas werden viele Menschen in Mali mit sauberem Wasser versorgt. Fotos: Caritas

Hunger und Wasserknappheit sieht Schärmer auch als den großen Faktor, der Menschen in die Flucht treibt. Er rechnet mit einer wachsenden Zahl an Flüchtlingen. „Angstmacher finde ich verwerflich“, sagt er und fährt fort: „Es braucht ein konstruktives Überlegen. Das Problem in Traiskirchen lässt sich morgen lösen!“ Man brauche nur die umliegenden Schulen öffnen, dann „muss niemand mehr im Dreck schlafen“, wie er hinzufügt. Damit gewinne man Zeit und könne nach konstruktiven Lösungen suchen, denn Österreich habe schon andere Krsien bewältigt, auch in der Aufnahme von Flüchtlingen. Das Verhalten der Regierung und die ständige Betonung des Flüchtlingsthemas findet der Caritas-Direktor „ungeschickt“. Vor allem lenke es von den wesentlich größeren und eigentlichen Themen ab und gebe den Österreichern das Gefühl, dass ihnen selbst weder soziale noch finanzielle Aufmerksamkeit gewidmet werde, was nicht stimme.

Schärmer in einem der Ernährungszentren in Burkina Faso. Foto: Caritas
Schärmer in einem der Ernährungszentren in Burkina Faso. Foto: Caritas

Aber sprechen müsse man endlich auch über die anderen Themen, betont Georg Schärmer und verweist auf die 450.000 Pflegebedürftigen in Österreich, die in 30 Jahren schon eine Million ausmachen werden. „Darauf wünsche ich mir den Fokus“, sagt er energisch. In Osttirol sei die Situation „vorbildlich, und es gibt ein gutes Netz an Sprengel und Heimen.“ Die Osttiroler Gemeinden zahlen pro Einwohner 1,20 Euro im Jahr an die Caritas. Wenn es dann zu einem tatsächlichen Einsatz der Caritas kommt, zahlt die Gemeinde nochmals 1,82 Euro pro Stunde dazu. „Das ist gute Sozialpolitik,“ ist Schärmer überzeugt.

Überzeugt ist er auch davon, dass ohne Ehrenamt bald nichts mehr gehen werde und auch gar nicht solle, denn der Staat habe ohnehin bereits zu viele Aufgaben übernommen, mehr als er tatsächlich leisten könne. Es ende mit immer mehr Bürokratie. Nur die Nachbarschaftshilfe könne langfristig helfen – und auf diese verweist er auch für die aktuelle Hitzeperiode und schlägt vor, dass man im eigenen Häuserblock ruhig einmal nachschauen könne, ob die älteren Leute noch genug zu essen und zu trinken zuhause hätten.

Die Caritas bildet ihre freiwilligen Helfer aus und nennt sie „Wegbegleiter“. Derzeit gibt es im Bezirk Lienz zwölf, die sich um 25 Personen kümmern, ganz besonders um demenzkranke Menschen, damit auch deren Angehörige einmal eine Stunde frei hätten. Wenig hingegen hält der Caritas-Direktor von der 24-Stunden-Pflege. Diese sei erstens nur „für begüterte Leute finanzierbar“ und andererseits würden dadurch lange erkämpfte Arbeitsrechte, wie das Recht auf Ruhezeiten oder auf Urlaub ausgeschaltet. „Die Caritas“, so stellt er fest, „steht für die christliche Soziallehre. Wir sind zunächst selbst füreinander verantwortlich.“ Wer selbst anderen helfe, werde auch dann Hilfe bekommen, wenn er sie einst brauche. Nur wenn eine Überforderung stattfinde, sei die nächste Instanz gefragt, wie die Gemeinde, dann das Land und erst dann der Staat. „Das Ehrenamt soll nicht der Lückenbüßer für den Staat sein, sondern umgekehrt.“

Seine große Hoffnung liegt auf der Jugend, der „Young Caritas“: „Die Jungen ticken anders, sie gehen sorgsamer mit den Menschen und mit den Ressourcen um.“ Da fände ein Wechsel im Denken statt, und im Umgang miteinander. Da schließt sich für Schärmer auch der Kreis zu Afrika, zum Nahen Osten und den Flüchtlingen. Ein anderes Denken und ein anderer Umgang miteinander würde helfen, die Zukunft gemeinsam zu gestalten. Davon ist Georg Schärmer überzeugt: „Denn es kann leicht sein, dass die Frau mit dem Kopftuch, vor der man sich jetzt so fürchtet, einen später pflegt und wäscht. Das sollte man einmal all den Hetzern und gewissen Parteien sagen.“

Spenden kann man übrigens online oder per Überweisung:
Caritas der Diözese Innsbruck
AT79 3600 0000 0067 0950
BIC: RZTIAT22
Spendenzweck: Sommersammlung

Das Sujet für die diesjährige Kampagne der Caritas: "Für eine Zukunft ohne Hunger."
Das Sujet für die diesjährige Kampagne der Caritas: „Für eine Zukunft ohne Hunger.“
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