„Bitte, lasst es einmal vorbeigehen!“

Am 20. November wird eine Theaterpremiere in Osttirol Tabus durcheinanderwirbeln.

Astrid Hochenwarter und Stefanie Stanglechner (v.l.) zeigen in "Nacht, Mutter", dass Theater in Osttirol auch ganz anders sein kann. Fotos: Marco Leiter.
Astrid Hochenwarter und Stefanie Stanglechner (v.l.) zeigen in „Nacht, Mutter“, dass Theater in Osttirol auch ganz anders sein kann. Fotos: Marco Leiter.

Betritt man derzeit den Probenraum auf Schloss Lengberg, sieht man sofort: Da arbeiten drei Menschen mit hohem Respekt voreinander. So freundlich die Stimmung wirkt, so erschöpft sehen die Protagonistinnen aus. „Ich merke erst jetzt, was es mit mir macht“, sagt Stefanie Stanglechner: „Jetzt ist der Punkt, an dem ich sage: Gut, dass nun bald die Aufführungen kommen und es dann ein Ende hat.“ Loslassen wird sie das Thema allerdings lange nicht, das ist allen Beteiligten bewusst, werfen sie doch mit dem Stück „Nacht, Mutter“ ein Thema in die Öffentlichkeit, das noch immer einem Tabu gleichkommt: Suizid und das Sprechen darüber. Sie rechnen daher mit Reaktionen. Erste Präventionsorganisationen haben bereits ihr Interesse bekundet, in irgendeiner Form zusammenzuarbeiten.

„Ich glaube, daraus wird noch mehr entstehen. Wir stellen es einmal in den Raum und dann warten wir“, sagt Stephanie Stanglechner. Astrid Hochenwarter entgegnet: „Ich bin mehr in der Stimmung: Jetzt lassen wir es endlich einmal passieren. Warum darüber nachdenken, was danach geschieht? Bitte, lasst es einmal vorbeigehen!“ Dann lachen alle, denn sie spüren die gleiche Erschöpfung, körperlich und psychisch und sind zugleich froh, sich dieses Themas künstlerisch angenommen zu haben – das sollte auch nicht vergessen werden: Neben aller thematischer Ernsthaftigkeit und Bedeutung ist es doch auch ein Theaterstück, geht es auch darum, es klug zu inszenieren und dem Stück auf der Bühne standzuhalten. Dass die beiden Schauspielerinnen Stefanie Stanglechner, die in Lienz lebt, und die Gailtalerin Astrid Hochenwarter genau das beherrschen, werden sie am kommenden Wochenende bei den Aufführungen eindrucksvoll vorführen.

Derzeit wird an den letzten Details gefeilt und auch ein wenig für Pause gesorgt, denn eine der beiden Schauspielerinnen ist derzeit ohne Stimme. Die Aufgabe von Regisseur Gerhard Paukner lautet daher auch, zu motivieren: „Es ist einfach, mit euch zu arbeiten, obwohl es ein schwieriges Thema ist.“ Das Stück wurde für die Inszenierung leicht gekürzt und Live-Musik wird die einzelnen Szenen zusammenfügen: „Cello, für die stimmungsvollen Bilder“, sagt Paukner.

Regisseur Gerhard Paukner: "Trotz ernstem Thema hatten wir viel Spaß bei den Proben." (hier im Bild mit Astrid Hochenbichler (li.) und Stefanie Stanglechner.
Regisseur Gerhard Paukner: „Trotz ernstem Thema hatten wir viel Spaß bei den Proben.“ Hier im Bild mit Astrid Hochenwarter (li.) und Stefanie Stanglechner.

200 Karten sind bereits verkauft. „Wir kennen fast jeden Zuschauer persönlich“, erzählt Stefanie Stanglechner und fährt fort: „Und jeder, ausnahmslos jeder hat mich gefragt: ‚Muss man da weinen?‘ Darauf habe ich gesagt: ‚Ja, das hoffe ich doch.’“ Manche fragten, ob es finster wäre oder wer denn aller komme, denn man wolle beim Weinen nicht gesehen werden – alleine das zeigt, wieviel Tabu noch in diesem Thema liegt. „Vor wem würde ich da weinen?“, fragten einige.

Knapp sechs Wochen standen fürs Textlernen, Proben, aber auch alles andere zur Verfügung, handelt es sich bei der Theatergruppe „kostPaar“ um nur zwei Personen, die alles machen. Astrid Hochenwarter erklärte ihrem Mann, dass er eine Bühne zu bauen habe, dem fiel zu seinem eigenen Glück ein, dass man eine solche ausleihen könne. Scheinwerfer wurden organisiert und jedes Detail persönlich zusammengetragen, ehe die beiden ganz tief in das Stück eintauchen konnten.

Stefanie Stanglechner wurde im Zuge dessen auch darauf angesprochen, warum sie sich eines so ernsten Themas annehmen würden. Ihre Antwort: „Ich möchte die ‚Wein’-Kultur in Lienz fördern, weil ich das als etwas Gesundes empfinde.“ Im Zuge der Proben haben beide Darstellerinnen genau das selbst erlebt. Gerhard Paukner hakt hier ein: „In jedem Theaterraum sitzen zukünftige Tote. Es geht daher darum, einmal gut zu leben. Wie gehe ich mit dem Ding um, das ich Leben nenne und bei dem auch solche Themen vorkommen?“ Er lobt den Mut der beiden Schauspielerinnen: „Man rennt bei diesem Thema schon am eigenen Ich an.“ So wird es zweifellos auch dem Publikum ergehen und doch hat diese Inszenierung auch etwas Heilendes an sich. Man darf sich mit dem beschäftigen, was sonst im Dunkeln bleibt und man darf durchaus weinen, egal wer neben einem sitzt.

Die Premiere von „Nacht, Mutter“, findet am Freitag, 20. November um 20:00 Uhr auf Schloss Lengberg statt, die weiteren Aufführungen am 21. November um 20:00 Uhr sowie am 22. November um 16:00 Uhr. Eintritt: 10 Euro. Die Karten können telefonisch 0650/7432803 oder per Mail kostpaar@gmail.com reserviert werden und sind auch an der Abendkassa erhältlich.

Nachtrag:
ALLE AUFFÜHRUNGEN SIND AUSVERKAUFT!
WEITERE AUFFÜHRUNGSTERMINE WIRD ES ANFANG 2016 GEBEN.

Slideshow von Marco Leiter:

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