Advent, Advent … in Bermuda

Man singt eher „Oh Palmenbaum“, auch wenn süß duftende Tannen importiert werden.

Weihnachten ohne Schnee – in Osttirol ein Trauerspiel, in Bermuda normal. Fotos: Prugger
Weihnachten ohne Schnee – in Osttirol ein Trauerspiel, in Bermuda normal. Fotos: Prugger

Wenn die Tage kürzer und die Schatten länger werden und es draußen friert, dann dauert es nicht mehr lange bis Weihnachten vor der Tür steht … uuups, da stimmt doch etwas nicht: Auf Frost können wir hier auf unserem subtropischen Eiland wohl lange warten, Weihnachten kommt aber trotzdem bald, auch bei uns. Wie bei den meisten Menschen der Welt sind unsere Weihnachten eben warm und grün – naja in Lienz sind grüne Weihnachten ja auch nichts Neues.

Aber wir singen hier eher „Oh Palmenbaum“ als „Oh Tannenbaum“. Letzteren gibt es in der natürlichen Vegetation zwar nicht, aber dafür werden die schönsten, dichtesten und wohlriechendsten Tannen, die mir je untergekommen sind, vom amerikanischen Festland hergebracht und für großes Geld an die hiesigen Einwohner verkauft. Diese hoffen, dass der dichte Nadelbewuchs ihres weitgereisten Zuchtexemplars die warmen Wochen bis Weihnachten durchhält, ohne auf den Boden zu rieseln. Die Bäumchen landen hier nämlich nicht erst am Heiligen Abend in den Stuben, sondern harren schon die ganze Adventzeit trotz der hohen Temperaturen aus. Dafür brauchen sie auch nicht bis zu den Heiligen Drei Königen zu warten, sondern enden spätestens  – übrigens  immer noch verdächtig intensiv und süß duftend – nach Neujahr auf der Straße zur Abholung, manchmal sogar schon vorher.

Die besinnliche Adventzeit in Bermuda wird jedes Jahr Ende November mit einem hippen Santa-Claus-Umzug in der mit rot-, blau- und grünblinkenden Lichterketten geschmückten Hauptstadt Hamilton eingeleitet. Auf riesigen, ratternden und stinkenden LKWs tummeln sich – ganz in Disney-Manier – unzählige Candy Canes verteilende Elfen, Filmprinzessinnen (von der Schneekönigin bis zu Schneewittchen sind alle dabei), Rentiere, Schneemänner und natürlich Santa Claus, begleitet von in funkelnde Outfits gehüllten (oder eher kaum verhüllten) Majorettentänzerinnen in allen Größen und Formen. Eines muss man den Mädels allerdings lassen: Sie haben enormes Körperbewusstsein und können sich auch wirklich gut bewegen, der Rhythmus liegt ihnen sozusagen im Blut. Ob einem dieser Firlefanz gefällt oder nicht, ist Geschmacksache – die Kinder finden es toll, auch wenn es mit Weihnachten nicht wirklich viel zu tun hat, sondern eher an Karneval erinnert. Richtig gruselig wird es aber immer zwischen zwei Lastwägen, wenn man sich nicht mehr recht entscheiden kann, ob man lieber dem von ohrenbetäubendem Disco Beat untermalten „Jingle Bells“ des einen oder doch schon der nicht minder lauten Rapversion von „Last Christmas“ des nächsten Wagens lauschen soll. Wahrscheinlich muss man mit diesen Dingen aufgewachsen sein, um sie wirklich zu schätzen. Die richtigen Bermudianer jedenfalls genießen, auf einem mitgebrachten Strandsessel lümmelnd, mit einer Pizza und einer Coladose in den Händen, das laute Treiben in vollen Zügen.

In St. George, der ehemaligen Hauptstadt, erinnert Weihnachten noch eher an das Fest in Europa.
In St. George, der ehemaligen Hauptstadt, erinnert Weihnachten noch eher an das Fest in Europa.

Wen das nicht so recht in Weihnachtsstimmung bringt, der hat immer noch die Möglichkeit, zum alljährlich stattfindenden Christmas Walkabout nach St. George zu fahren, der früheren Hauptstadt Bermudas. Diese Veranstaltung kommt einem Besuch auf dem von mir so vermissten heimatlichen Christkindlmarkt wohl am nächsten.

Das kolonial angehauchte Städtchen am Ostzipfel der Insel zeigt sich zu Weihnachten in traditioneller, dezent weißer Weihnachtsbeleuchtung und öffnet für diesen einen Abend seine Türen zu historischen Häusern, Kirchen und Museen. Außerdem gibt es an allen Ecken und Enden Punsch und Kekse sowie Konzerte und Tanzvorführungen.

Die Tradition, sein Haus zu dekorieren, hat hier in den letzten Jahren etwas nachgelassen. Ob es an dem ständig steigenden Strompreis liegt, ist schwer zu sagen, aber jedenfalls gibt es immer weniger Häuser, die in weihnachtlichem Glanz erstrahlen. Manche Hardcore-Dekorateure lassen sich aber auch nicht von horrenden Stromrechnungen einschüchtern und hüllen das Eigenheim in Lichterketten, die in den herrlichsten karibischen Farben blinken, stellen sich aufgeblasene Weihnachts- oder Schneemänner in den Garten oder gar ein ganzes Schlittengespann mit Rentier Rudolph. Die Blinkfrequenz nimmt jedenfalls, je näher es an Weihnachten geht, merklich zu.

Das ist aber nicht alles, was Bermuda zur Weihnachtszeit zu bieten hat. Was in der zweiten Adventhälfte noch passiert, erzähle ich euch in meiner nächsten Geschichte …

Für einen Schneemann braucht man nicht unbedingt Schnee ...
Für einen Schneemann braucht man nicht unbedingt Schnee …
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