„Land unter“ am Deich – „Snowfarming“ im Gebirge

Der Klimawandel gefährdet die Wasserreserve Schnee.

Im November ist Sturm „Heini“ über Norddeutschland gefegt. Heini hat den Fischmarkt unter Wasser gesetzt, aber der Fischmarkt hält das aus, der kann das ab, wie der Norddeutsche sagt. Die Äcker und Wiesen in Deichnähe hingegen können das immer weniger ab. Ihre Wasseraufnahmekapazitäten seien erschöpft. Der Boden ist voll.

Für die Waterkant Schleswig-Holsteins, die an Nord- und Ostsee mehr als 1000 km lang ist, sagen Experten voraus, dass durch den Anstieg des Meeresspiegels nicht nur Sturmfluten sehr viel bedrohlicher seien, nein, auch der Grundwasserspiegel im Hinterland der Deiche werde ansteigen. Landwirtschaftliche Flächen würden aufgegeben werden müssen, weil sie nicht mehr entwässert werden könnten.

Wenn, wie in diesem Winter, wegen der relativ hohen Temperaturen kein Schnee sondern Regen fällt, dann verschärft sich das Problem. Wer momentan durch die Küstengebiete der Ost- und Nordsee fährt, hat eine Seenlandschaft vor sich, die so nicht gewollt ist. Hinterm Deich herrscht Land unter.

Schnee ist wichtig, an den Küsten genauso wie im Alpenraum. Schnee wirkt als Rückhaltebecken ebenso wie als Trinkwasserspeicher. Wie wichtig er als Wasserreserve ist, zeigen die schwindenden Gletscher in den Anden, deren Schmelzwasser die dortigen Siedlungsräume mit lebenswichtigem Nass versorgte, und das mittlerweile nicht mehr in ausreichendem Maß zur Verfügung steht. Ein Szenario, das auch für den Alpenraum nicht abwegig ist, besonders für die Südalpenseite.

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Die Wasserreservoirs im Gletschereis schmelzen ab. Geo-Ingenieure denken über Snowfarming als Lösung nach. Foto: Expa/Groder

Glaubt man an die Möglichkeiten des Geo-Engineering, dann erscheint die Beschneiung von Berghängen eine Antwort zu sein. Wasserwirtschaft durch Beschneiungstechnik fernab skisportlicher Ressourcenversorgung könnte ein Thema werden, selbst wenn dadurch kein Hochwasserschutz in relevantem Ausmaß erreicht werden kann. Als Trinkwasserspeicher aber könnte ihr Bedeutung zuwachsen, als Zweig einer neuen, anderen alpinen Landwirtschaft, unter dem Namen „Snowfarming“.

Snowfarming gibt es schon jetzt. Darunter versteht man das Bunkern von Kunstschnee in Schattenlagen. In Gletscherskigebieten wird das kostbare Weiß auch im Sommer produziert, um dann von weißen, lichtreflektierenden Planen abgedeckt auf seinen Einsatz auf der Piste zu warten. Die erzeugten Mengen sind überschaubar. Der Energieaufwand hingegen ist gewaltig. Seine Kosten werden durch touristische Wertschöpfung gerechtfertigt. Bald kommt vielleicht auch das wasserwirtschaftliche Argument dazu, um eine Vergesellschaftung der Kosten argumentieren zu können.

Wie es um das Snowfarming bestellt sein wird, sollte der Wintergast einmal ausbleiben, weil ihm beschneite Schneebänder neben braunen Wiesen zu wenig winterlich erscheinen, steht noch in den Sternen. Mir künstlich im Gipfelschatten geschaffene Schneefelder als Pumpspeichertrinkwasserkraftwerke, als technikgewordene alpine Eierlegendewollmilchsau vorzustellen, lässt mich frösteln. Ähnlich geht es wohl den Bauern an der Waterkant, die in der Spiegelung des auf ihren Feldern stehenden Wassers die Wolken einer leider nur zu gewissen Zukunft aufziehen sehen.

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