Fern der Heimat – Au-pair in England

Ich konnte mir nie vorstellen, länger als ein paar Wochen weg zu sein.

Hätte man mich vor drei, vier Jahren gefragt, ob ich mal für längere Zeit ins Ausland gehe, hätte ich denjenigen wahrscheinlich für verrückt erklärt. Ich konnte mir nie vorstellen, von daheim länger als ein paar Wochen weg zu sein. Nun bin ich seit über drei Monaten in England (genauer gesagt in Welwyn, Hertfordshire), bleibe bis zum Sommer und hatte kein einziges Mal Heimweh – so kann man sich irren! Und das einzige, was ich vermisse, neben meiner Familie und Freunden, sind die Berge!

Früher musste man mich fast zwingen, wandern zu gehen, jetzt würde ich nichts lieber tun. In England sind die höchsten Erhebungen nur „Hügel“, was aber großartig für lange Spaziergänge ist. Einmal ein Bergkind, immer ein Bergkind, auch wenn mir das bis jetzt nicht wirklich bewusst war. Man hat die Vorstellung, dass England im kulturellen Vergleich nicht so anders ist wie Österreich. Das stimmt auch eigentlich. Die Menschen hier sind herzlich, offen, immer für einen Spaß zu haben und auch sehr, sehr zuvorkommend.

Aber dennoch gibt es ein paar Unterschiede, die mir aufgefallen sind. Das typische englische Essen, das man kennt, wird auch in meiner Gastfamilie gekocht. Und ich muss sagen, ich habe mich damit angefreundet, bin aber sowieso von vornherein nicht so heikel. Was mir auch besonders aufgefallen ist, ist die Höflichkeit der Briten. Wenn sich eine Verkäuferin entschuldigt, weil man zwei Minuten in der Schlange bei der Kasse steht und warten muss, kam mir das persönlich übertrieben vor, ich fand es aber trotzdem sehr nett. Die Leute im Verkauf sind allgemein sehr nett hier und begrüßen dich mit „Hey, how are you doing“, auch wenn sie oft keine lange Antwort erwarten. Oder es spricht einen der Busfahrer mit „Good morning, love“ an und man startet schon mit einem Lächeln in den Tag.

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„Wer überlegt, so ein Jahr zu machen, dem kann ich nur raten, es zu wagen“, Judith Neunhäuserer arbeitet als Au-Pair in England.

Hier regnet es auch häufig. Nicht so viel wie alle denken, es ist jedoch keine schlechte Idee einen Regenschirm zur Sicherheit dabeizuhaben, denn wolkenfreies, schönes Wetter kann auch sehr schnell in Wind und Regen wechseln. Viele Mädchen entscheiden sich für ein Aupair-Jahr, einige sehen das auch als ein Jahr Auszeit, um mal die „große, weite Welt“ zu sehen und ein Land nicht nur während eines kurzen Urlaubs zu bereisen. Und ich kann nur jedem raten, der überlegt, so ein Jahr zu machen, es zu wagen. Man muss sich wirklich mit dem Gedanken anfreunden können, von daheim längere Zeit weg zu sein. Hat man leicht Heimweh, ist es keine gute Idee! Ich bin zwar „nur“ in England, und könnte jederzeit einen 2-stündigen Flug buchen, um heimzufliegen, aber das war und ist absolut kein Thema.

Und der Job kann natürlich auch manchmal anstrengend sein. Die Kinder sind auch nicht immer Engel, die darauf hören was man ihnen sagt. Dennoch wird man mit schönen Momenten belohnt: wenn sich die Kinder an einen kuscheln, einem etwas Interessantes zeigen oder aufgeregt von einem tollen Ereignis während ihres Tages erzählen. Meine Hauptbeschäftigung an den Wochenenden ist, mich mit anderen Au-pairs aus verschiedenen Ländern zu treffen, wie z.B. aus Deutschland, den Niederlanden, Tschechien und Frankreich. Es ist immer sehr lustig, die Stadt gemeinsam zu erkunden, etwas über die anderen Länder zu erfahren und trotz anfänglich sprachlichen Schwierigkeiten ist auch die Verständigung schnell kein Problem mehr.
Wenn man so nah bei London wohnt, fährt man natürlich so oft es geht in das Zentrum der Stadt. Sei es zum Shoppen, um in den zahlreichen Parks zu spazieren oder die vielen wichtigen „Sightseeing“-Orte nach der Reihe abzuklappern. In einer Stadt wie London wird es nie langweilig. Oft setze ich mich auch mit einer Freundin ganz oben in einen Doppeldecker-Bus, ohne zu wissen, wohin uns die Reise führt.

Das letzte Mal sind wir dadurch vor dem Wembley-Stadion gelandet. Mein Lieblingsplatz hier ist Primrose Hill, ein Hügel im Stadtteil Camden, von wo aus man die ganze „Skyline“ von London sieht. Außerdem ist Camden Town sicher immer wieder einen Besuch wert, dort gibt es unfassbar viel zu sehen. Auf meiner To-do-Liste stehen noch viele Dinge, die ich unbedingt in den nächsten Monaten machen möchte: ein Musical-Besuch, auf die O2 Arena klettern (wenn die Höhenangst nicht siegt), ein paar Konzerte besuchen und vom Sky-Garden aus einen 360 Grad Blick über ganz London haben. Der Eintritt dazu ist sogar frei. Außerdem stehen auf meiner Liste Besuche in Städten wie Oxford, Cambridge oder Brighton.

Diese Auslandserfahrung hat mir bis jetzt eines gezeigt: Es ist schön, mal was anderes zu sehen, neue Leute kennenzulernen und in einer etwas anderen Kultur für längere Zeit leben zu können. Dennoch weiß man dadurch viel mehr zu schätzen, wie schön wir es daheim in Osttirol haben!

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