Beim "Mahnmal 1938 – 1945“ findet sich seit 5. Mai auch ein Buch aus Metall, in dem die Namen der Opfer des Nationalsozialismus aus und in Osttirol namentlich genannt werden. Fotos: Brunner Images

Beim "Mahnmal 1938 – 1945“ findet sich seit 5. Mai auch ein Buch aus Metall, in dem die Namen der Opfer des Nationalsozialismus aus und in Osttirol namentlich genannt werden. Fotos: Brunner Images

„Sie verdienen Liebe, Ehrfurcht und Dankbarkeit.“

Im Rahmen einer Gedenkfeier wurde das „Buch der Opfer“ der NS-Diktatur in Osttirol präsentiert.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges blickte die Welt auf eine verheerende Bilanz zurück: Millionen getötete Menschen waren zu beklagen, wobei zahlreiche Personen nicht an der Front starben. Viele Opfer hatten jüdische Wurzeln, waren krank, lehnten sich gegen das NS-Regime auf, vertraten christliche Werte, waren Sozialisten oder wollten einfach nur anderen Menschen helfen. Auch im Bezirk Lienz. Über 100 Opfern gedenkt das „Mahnmal 1938 – 1945“ bei der Pfarrkirche St. Andrä in Lienz. 48 von ihnen findet man seit Freitag, 5. Mai, namentlich im „Buch der Opfer“, das nun ebenfalls dort zu finden ist und im Rahmen einer Gedenkfeier für eben jene Opfer der NS-Diktatur präsentiert wurde. Damit geht ein lang gehegter Wunsch von Zeitzeuge Pepi Wurzer und den Mitgliedern des Forums „Mahnmal 1938 – 1945“ in Erfüllung.

Vermittelt werden diese insgesamt 48 Namen in Form eines Buches mit Seiten aus Metall, angefertigt von Kunstschlosser Rudolf Duregger. Es soll zum Blättern anregen, außerdem ist noch Platz für mögliche weitere Namen, die nach wissenschaftlicher Überprüfung nachträglich hinzugefügt werden können. Auf allgemeine Weise werden außerdem 57 Osttirolerinnen und Osttiroler, die im Rahmen der sogenannten NS-„Euthanasie“ ermordet wurden, genannt – sie bleiben aus Datenschutzgründen anonym.

Stabswachtmeister Franz Faustini führte durchs Programm. Uwe Ladstädter, Obmann des Ausschusses für Kultur und Museum der Stadt Lienz, begrüßte die Besucher. In seiner Rede betonte er, dass Unrecht auch nach 72 Jahren noch Unrecht bleibe und wies auf die Gefahr des Vergessens hin. Durch das „Buch der Namen“ würde nun endlich dem Wunsch vieler Angehöriger entsprochen und viele Opfer des Nationalsozialismus seien endlich rehabilitiert. Vizeleutnant Gottfried Kalser hielt eine dem Gedächtnis der Opfer gewidmete Einstimmung. „Ihr seid heute Zeitzeugen“, sagte er, vor allem in Richtung der anwesenden Schülerinnen und Schüler des Lienzer Gymnasium und BORG Lienz gewandt, „wie bisher Namenlose heute endlich einen Namen bekommen.“

Josef Wurzer richtete die Worte seines Vaters, der aus gesundheitlichen Gründen verhindert war, an die Anwesenden.

Anstelle von Initiator Pepi Wurzer, der aus gesundheitlichen Gründen verhindert war, trug dessen Sohn Josef die Ansprache zum Mahnmal vor. Er erzählte aus der Jugend seines Vaters, der in der NS-Zeit zum Widerstandskämpfer wurde. In den Sechzigerjahren setzte sich dieser dann für eine Gedenkstätte ein und erreichte unter Bürgermeister Hubert Huber die Errichtung des Mahnmals. Am 5. Mai gehe die Reise nun, da alle bekannten Opfer im Gedenkbuch festgehalten sind, zu Ende. „Sie verdienen unsere ganze Liebe, Ehrfurcht und Dankbarkeit.“ Auch Josef Wurzer wandte sich, stellvertretend für seinen Vater, insbesondere an die Schülerinnen und Schüler – auch für die Jugendlichen werde eine Zeit kommen, in der sie sich für Frieden und Menschlichkeit einsetzen müssen.

Der Historiker Martin Kofler, der sich seit über zwanzig Jahren mit der Geschichte Osttirols im Nationalsozialismus beschäftigt, wies darauf hin, dass die Auflistung im Buch der Opfer keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt. „Manchmal wissen wir viel, manchmal wenig und manchmal leider nichts“, erklärte er und verwies als Beispiel auf drei Opfer, geflohene jüdische Frauen und Mädchen, deren Namen nicht mehr zu ermitteln waren. Stefan Weis, Chronist der Stadt Lienz, erzählte von den 57 nicht genannten „Euthanasie“-Opfern. Sie sollen, obwohl die Namen nicht bekannt sind, nicht als Zahl in Erinnerung bleiben, sondern als Töchter und Söhne, Männer und Frauen. „Nur weil diese Mädchen, Buben, Frauen und Männer nicht dem entsprachen, was der Nationalsozialismus für seine Volksgemeinschaft erwartete, mussten sie sterben. Und auch wenn man es Euthanasie nannte, war es kein Gnadentod, sondern Mord“, prangerte Weis in seiner Rede beim Mahnmal an.

Nach der Weihe des Buches durch Dekan Bernhard Kranebitter und Pfarrer Hans Hecht wurden chronologisch die Namen der Opfer verlesen. Für jeden der genannten Namen trat ein Schüler oder eine Schülerin des Lienzer Gymnasiums aus der Menge, den Namen in geschriebener Form bei sich tragend. Die 57 „Euthanasie“-Opfer wurden von einer Klasse des BORG Lienz repräsentiert. Anschließend erfolgte, begleitet von der Österreichischen Bundeshymne, die Kranzniederlegung durch Bürgermeisterin Elisabeth Blanik und Josef Wurzer, sowie ein Blumengruß durch die Angehörigen der Opfer.

Zum Schluss sprach eine sichtlich bewegte Elisabeth Blanik noch ein paar gefühlvolle Worte. Sie bedankte sich bei allen Beteiligten, insbesondere Pepi Wurzer, und drückte den Familien der Opfer ihr tiefes Mitgefühl aus. Auch die Lienzer Bürgermeisterin betonte einmal mehr die Verantwortung, die wir alle auch heute tragen – nicht für die Vergangenheit, sehr wohl aber für die Gegenwart und Zukunft. „Wir dürfen unsere Herzen nicht verschließen“, meinte sie in Bezug auf aktuelle politische Geschehnisse in Europa, insbesondere auch auf jene Menschen bezogen, die als Flüchtlinge nach Osttirol gekommen sind. „Wir müssen auf dem Weg der Menschenrechte und Menschenwürde bleiben.“

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1 Posting bisher
boarium vor 7 Monaten

Kleine Korrektur zum Artikel: die Namen der 57 “Euthanasie"-Opfer sind natürlich alle bekannt, dürfen aber auf Grund des aktuellen Datenschutzgesetzes derzeit nicht veröffentlicht werden.

Zumindest nicht ohne die Zustimmung aller lebenden Verwandten, die man ja schwerlich ausfindig machen kann, ohne das Datenschutzgesetz zu... Und da hamma das Problem...