„Mama, es geht uns gut“ – G20 in Hamburg

Zwischen Chaos, Hubschraubern und einem ganzen Haufen netter Menschen.

Das politische Resultat des G20 Gipfels in Hamburg erscheint dürftig, der Veranstaltungsaufwand hingegen enorm. Die gezeigten Bilder von Randale und Zerstörung verstören und erschüttern. Das Bild ist dennoch nicht ganz komplett. Es gab auch eine friedliche Gegenöffentlichkeit, die abseits von Wasserwerfern, Pfefferspray und Flaschenwürfen wichtige Fragen stellte. Nach Verteilungsgerechtigkeit, Humanität, Menschenrechten, Abrüstung, um nur einige zu nennen.

Für uns wurde der Gipfel schon gut drei Monate vor seinem Beginn sichtbar, als man begann, etliche Hundertschaften der Polizei in Hamburg zu konzentrieren. Zum einen, damit sie sich mit den örtlichen Gegebenheiten vertraut machen können, zum anderen, um den Tagungsort vor etwaigen Angriffen zu schützen. So weit, so unspektakulär, so weitgehend friedlich. Nicht nur die Sicherheitskräfte bereiteten sich vor, sondern auch viele Organisationen, die den Gipfel ebenfalls als Podium nutzen wollten.

Extrem eindrucksvoll war etwa die Performance 1000 Gestalten, ein Befreiungsakt der besonderen Art. Seit Februar 2017 bereitete ein Kollektiv aus über hundert Menschen aus den Bereichen Kunst, Handwerk und Kommunikation die Aktion vor. Getragen wurde sie von vielen Freiwilligen, die als Darsteller oder Unterstützer mit Zeit, Engagement, Geld- und Sachspenden halfen. Sie erschufen eindrucksvolle Bilder einer mühsamen, aber gelungenen Befreiung. Bilder, die es verdient hätten, anstelle der brennenden Barrikaden aus dem Schanzenviertel, gezeigt zu werden. Einige davon möchte ich den LeserInnen in Osttirol deshalb nicht vorenthalten. Die Bilder stammen von den FotografInnen Andrea Rüster, Christian Angl und Willem Thomsen:

Das Bild von „Feuer und Flamme“  bemühten in einem anderen Zusammenhang die Brüder Braun, Gründer und Betreiber des Miniaturwunderlands (MiWuLa) in Hamburg. Damals warben sie für eine Olympiabewerbung Hamburgs, die schlussendlich an einem klaren Bürgervotum scheiterte. Diesmal wollten sie ihre weltweite Bekanntheit nützen, um einem zuverlässig friedlichen Umfeld Bürgeranliegen zu den politischen Delegationen zu tragen. Da viele Tagungsteilnehmer das MiWuLa besuchen wollten, boten die beiden Brüder Teile der Ausstellungsfläche als Sprachrohr für Bürgeranliegen an.

Hätte es zu dem G20 Gipfel ein Bürgervotum gegeben, so hätte man sich in Hamburg sehr wahrscheinlich noch klarer gegen die Veranstaltung ausgesprochen, als bei der gescheiterten Olympiabewerbung. Kaum einer meiner Gesprächspartner sah einen erkennbaren Sinn in einem immens teuren, aufwendigen und schwer zu kontrollierenden Treffen von Staatschefs, die in letzter Konsequenz kaum valide Beschlüsse erzielen. Für die Bewohner Hamburgs brachte das Meeting vor allem Nachteile, die in den Zerstörungen gipfelten, die weltweit das Bild einer in Flammen stehenden Stadt transportierten. Bilder, die das Resultat eines mehr als hinterfragenswerten Sicherheitskonzepts und brutaler Zerstörungswut eines kriminellen Mobs sind. Bilder, die auch Gaffer zeigen, die Selfies vor der angerichteten Zerstörung schießen.

Weil uns das alles stank, weil wir das nicht wollten und weil wir auch wissen, dass Hamburg auch ganz friedlich Protest üben kann, sind wir auch zu einer Demonstration gegangen. Die Auswahl war groß. „Lieber tanz ich als G20“, „G zwanzig Bier holen“  oder „Gay20 Gipfel“  waren nicht unbedingt unser Fall. Wir entschieden uns für „Grenzenlose Solidarität statt G20“ und hatten Glück.

Kein schwarzer Block, freundliche wie müde Polizisten, viele nette, meist lachende Menschen. Nach Zahlen irgendwas zwischen 50.000 und 75.000 Menschen. Laut und leise, bunt und beige, vielfältig. Alte wie Junge, viele Familien mit kleinen Kindern. Eine Horde Clowns, die einen angenehm durchgeknallten Eindruck im Vergleich zu den als Horrorclowns bezeichneten Staatschefs machten. Der Sohn meiner Partnerin hatte ein Plakat gemacht, schrieb „Ganz Hamburg hasst Gewalt“ darauf, und bekam viel positive Resonanz.

Während neben uns der „GeldScheinheilige Bankratius“ in einer rosaroten Soutane Kapitalismuskritik tanzte, erlebte ich gelebten Kapitalismus, als mir für recht viel Geld ein an sich sehr billiges wie warmes Bier von einem Straßenverkäufer angeboten wurde. Angebot und Nachfrage trafen sich. Wir zogen an der Großen Freiheit vorbei, einem Straßenzug auf St. Pauli, in dem Waffen explizit per Straßenschild verboten sind, und kamen wohlbehalten am Heiliggeistfeld an. Neben uns immer wieder Schilder, auf denen stand, „Mama, es geht uns gut“.

Das stimmt. Es geht uns gut. Jetzt erst recht, wo der G20 Gipfel vorbei ist. Nach Tagen, in denen wir wegen der Nachteinsätze der Hubschrauber erst nicht schlafen konnten, und uns daran gewöhnten. In denen wir kaum glauben konnten, was in unserer Stadt passiert. Es geht uns gut.


Marcus G. Kiniger wuchs in Sillian auf, lebt schon sehr lange in Hamburg, hat aber dennoch immer ein Auge auf seine ehemalige Heimat Osttirol und strickt aus diesem subtilen Verhältnis von Distanz und Nähe schöne Essays, die unsere Leser vor allem im Dolomitenstadt-Magazin erfreuen. Zwischendurch berichtet er aber auch online ab und zu über Ereignisse in der Hansestadt, die uns alle angehen.

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