Aktuell ist das Thema Hauskatze in aller Munde. Zwei Umweltjuristen aus Holland fordern in einem kürzlich veröffentlichten Gutachten eine Leinenpflicht oder ein Ausgehverbot für Katzen und berufen sich dabei auf geltendes EU-Recht (Trouwborst & Somsen, 2019). Ihr Gutachten haben die Juristen unter dem Titel „Domestic Cats (Felis catus) an European Nature Conservation Law“ im Journal of Environmental Law veröffentlicht. Die Hauskatze bedrohe weltweit den Bestand von mindestens 367 Arten. Die Autoren weisen darauf hin, dass einheimische Tier- und Pflanzenarten durch europäisches Recht unter besonderem Schutz stehen.
Unserer Meinung nach ist es besonders „im Land der Edith Klinger“ und in Zeiten des massiven weltweiten Biodiversitätsrückganges und der Klimakrise geboten, sich auch diesem politisch sehr heiklen Thema zu widmen. Ohne nun das Grundübel der Menschheit an den Katzen festmachen zu wollen, möchten wir daher die aktuelle Diskussion zum Anlass nehmen und uns aus naturwissenschaftlicher Sicht dem Thema Katzen näher.
Die Hauskatze stammt entgegen der Meinung mancher nicht von der sehr scheuen, in Europa und vor allem in Österreich sehr seltenen Wildkatze (Felis silvestris) ab, sondern von der Afrikanischen Falbkatze, welche u.a. in Nordafrika weit verbreitet ist. Erste belegte Hinweise auf die Domestikation reichen bis 7500 v. Chr. zurück. Der ursprüngliche Grund für die Domestikation war die Bekämpfung von Vorratsschädlingen. Spezialisiert auf die Beute von kleinen Nagern und relativ leicht zu zähmen, war diese Unterart lange Zeit für Menschen von großem Nutzen.

Mit der zunehmenden Industrialisierung der Landwirtschaft hat die Katze im Laufe des 20. Jahrhunderts zunehmend ihre ursprüngliche Rolle verloren. Aus dem nützlichen Jäger auf dem landwirtschaftlichen Hof wurde ein Haustier für Wohnungen, auch oder vor allem im städtischen Bereich. Um die grundsätzlich nachtaktiven Jäger an einen Ort zu gewöhnen, wurde Futter angeboten. Dies führte im Laufe der Jahrtausende andauernden Domestikation dazu, dass das Jagen und Fangen nicht mehr überlebensnotwendig war. Das Futter musste allerdings nun gekauft werden, und mit steigendem Beliebtheitsgrad der Katze als Haustier stieg auch die wirtschaftliche Bedeutung des Vierbeiners. Bei geschätzten 1,5 Millionen Hauskatzen alleine in Österreich, welche nahezu täglich gefüttert werden müssen, ist diese Bedeutung gut vorstellbar.
Als geschickter, vielseitiger und generalistischer Jäger kann es eine Katze mit vielen Tieren aufnehmen.
Mittlerweile wurden der Jagdtrieb und das Hungergefühl voneinander entkoppelt. Die Jagd, um zu überleben, wurde zur „Jagd als Hobby“. Ein toter Vogel vor der Haustür ist wohl keinem Katzenbesitzer unbekannt. Und genau hier beginnt auch die Rolle der Katze im Ökosystem. Als geschickter, vielseitiger und generalistischer Jäger kann es eine Katze mit vielen Tieren aufnehmen. Von Kleinvögeln bis zu kleinen Nagetieren, von Reptilien bis zu Fledermäusen und diversen Insekten (z.B. Schmetterlinge, Heuschrecken, Libellen) – das Beutespektrum ist enorm vielfältig. Da sich Katzen mittlerweile durch den Menschen über den gesamten Globus verteilt haben, haben sich in der Zwischenzeit zahlreiche wissenschaftliche Studien weltweit mit diesem Thema beschäftigt, wobei einen sehr guten Überblick in deutscher Sprache auch etwa eine Studie der Universität für Bodenkultur gibt (Hackländer et al., 2014).
Dementsprechend viele Zahlen sind auch verfügbar. Es würde viel zu weit führen, diese hier auch nur ansatzweise wiederzugeben. Aber ein paar Zahlen zum besseren Verständnis der Dimension müssen dennoch sein: Eine australische Studie (Woinarski et al., 2017) schätzt die jährliche Vogelopferzahlen durch die rund 3,9 Millionen Katzen auf 60,6 Millionen. In den USA schätzen Loss et al. (2012) die jährliche Zahl an Katzenopfern auf im Mittel 2,3 Milliarden (!) Vögel und 6,3 bis 22,3 Mrd. Säugetiere. In Kanada geht eine Studie von rd. 100 - 350 Mio. toten Vögeln pro Jahr aus (Blancher, 2013).

Bei diesen enormen Zahlen ist es wenig verwunderlich, dass Katzen insbesondere im urbanen Raum zu einem der größten vom Menschen verursachten Mortalitätsfaktoren für Vögel und andere Tiergruppen zählen. Wie groß dadurch der Einfluss auf die Artenvielfalt genau ist, lässt sich dennoch nur schwer quantifizieren. Insbesondere auf Inseln, auf denen die dort ursprünglich heimische Fauna nicht an Bodenräuber angepasst ist, können Katzen jedoch enormen Schaden anrichten. Das gleiche gilt für jene Lebensräume, in denen die Bestände einzelner Arten bereits derart gering sind, dass zusätzliche Mortalitätsfaktoren zum Verschwinden einer Art führen können.
Eine kleine Katze verzehrt mehr Fleisch als ein durchschnittlicher Österreicher.
Ein weiterer Faktor ist auch in Hinblick auf die aktuelle Klimaerwärmung zu bedenken: Katzen sind Fleischfresser, sie werden demnach auch mit Fleisch gefüttert. Katzen benötigen im Durchschnitt zwischen 200-300 Gramm Futter pro Tag. Auf ein Jahr gerechnet ergeben sich dadurch pro Stubentiger zwischen 70 und 110 kg tierisches Futter, welches zuerst produziert und dann auch noch verpackt, transportiert und vertrieben werden muss. Im Vergleich zum durchschnittlichen Österreicher, der gemäß einer aktuellen Studie von Global 2000 rund 65 kg Fleisch pro Jahr verzehrt, frisst damit eine kleine Katze sogar mehr Fleisch pro Jahr! Insbesondere in Hinblick auf die aktuelle Klimakrise sollte dies zum Nachdenken anregen.
Über die Situation der Hauskatze in Osttirol gibt es keine verlässlichen Zahlen. Es ist davon auszugehen, dass ähnlich wie im Rest von Österreich in rund jedem 4. Haushalt eine Katze lebt. Bei knapp 20.000 Privathaushalten (vgl. Regionsprofil Osttirol, Landesstatistik 2019) ergäbe dies rund 5.000 Katzen. Aus fachlicher Sicht ist daher ein gewisser Einfluss freilaufender Hauskatzen auf die heimische Tierwelt auch im Bezirk Lienz anzunehmen. Im Vergleich zu anderen Gefährdungsfaktoren, die vom Menschen ausgehen, ist der Einfluss der Hauskatze auf die heimische Artenvielfalt aber vergleichsweise gering.


Verinselung, Degradierung und Verlust von Lebensräumen – bedingt durch intensive Flächennutzung im Siedlungsraum – sind als Gefährdungsfaktoren sicher deutlich relevanter einzuschätzen. Erhöhte Mortalität durch Verkehr, intensive Landnutzung, Pestizide, invasive Tierarten und eingeschleppte Krankheitsüberträger etc. tragen ebenso erheblich zur aktuellen Biodiversitätskrise bei. Um den Artenrückgang aufzuhalten braucht es somit freilich deutlich mehr Anstrengungen, als „nur“ Katzen an die Leine zu nehmen oder ihnen den Ausgang zu verbieten.
Abschließend dennoch ein paar praktische Tipps für „naturschutzbewusste“ Katzenbesitzer: Lassen Sie Ihre Katze insbesondere im Frühjahr nicht den ganzen Tag im Freien. Vor allem die frühen Morgen- und Abendstunden sind besonders kritisch. Hängen Sie Ihrer Katze ein kleines Glöckchen um den Hals, damit wird das lautlose Anschleichen deutlich schwerer. Und gerade in Anbetracht der vielen herumstreunenden und herrenlosen Katzen ist auch die Kastration ein wichtiger Schritt, um die Anzahl der Katzen nicht zusätzlich ansteigen zu lassen.
Gartenbesitzer sollten Vogel-Futterstellen zudem nicht in der Nähe eines Gebüsches aufhängen. Besser sind frei hängende Futterhäuschen oder jene auch rutschigen Metallstangen, welche von der Katze nicht erklettert werden können. Ebenso kann das Versteckangebot im Garten erhöht werden: Je mehr Versteckmöglichkeiten Reptilien, Kleinsäugern und Insekten zur Verfügung stehen, desto kürzer sind die Fluchtdistanzen und desto größer die Überlebenschancen für diese Tiere.
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