Die ersten 1000 Kilometer – Das Abenteuer beginnt

Wir starten heute eine Reise, über deren Ende wir bereits berichtet haben.

In den nächsten Wochen nehmen wir die Leser und Leserinnen von dolomitenstadt.at mit auf eine Radtour ins Ungewisse. Ins Ungewisse? Nicht ganz. Denn den Schluss dieses Reisetagebuchs haben wir bereits vorweggenommen. Es war eine Heimkehr in die Quarantäne. Doch beginnen wir am Anfang:

Nach langer Vorbereitungsphase geht es Ende Mai 2019 endlich los. Unser großes Abenteuer beginnt! Die letzte Nacht in Salzburg bricht an und schön langsam steigt die Aufregung. Nach einem ausgiebigen Frühstück mit Ferdis Familie und vielen Tränen (Wer weiß, wann wir uns wiedersehen!) sind wir startklar. Mit einem „Fertig…Feuer…Los!“ begleiten uns Ferdis Nichte Miri auf ihrem Drahtesel und Neffe Clemens mit seinem Laufrad auf den ersten paar Metern. Für uns geht es jetzt erst mal 200 km über die Alpen nach Lienz.

Unsere Route führt durch das Saalachtal übers deutsche Eck. Die Räder rollen unglaublich gut dahin und so schaffen wir am ersten Tag schon an die 90 Kilometer. Kurz vor Saalfelden verbringen wir die erste Nacht im Zelt. Alles ist neu und aufregend: Zelt aufbauen, kurze Dusche im Bach, Essen kochen.

Die erste Nacht im Zelt! Alle Fotos: Marlen & Ferdi

Gut ausgeruht starten wir in den nächsten Tag. Wir radeln gemütlich dahin und überlegen uns was wir auf die Frage „Wohin geht die Reise?“ antworten sollen. Schließlich wissen wir das selbst nicht so genau. Was ist eigentlich unser Ziel? Zumindest haben wir so etwas wie ein erstes Ziel: den Pamir Highway in Tadschikistan. Wir finden den Gedanken lustig und beschließen von jetzt an Tadschikistan als Ziel unserer Reise zu nennen. Zufälligerweise werden wir auch gleich von einem älteren Ehepaar im Vorbeiradeln danach gefragt. Als wir ihnen Tadschikistan entgegenrufen, kommt als Antwort: „Super! Sehr schen!“. Ob sie überhaupt wissen, wo das ist?

Der Tauernradweg hat es in sich!

Zu Mittag erreichen wir Bruck an der Glocknerstraße, wo wir meine Cousine Elli und ihre Familie besuchen. Nach einer längeren Pause und fabelhafter Verköstigung radeln wir noch ein Stück gemeinsam den Tauernradweg entlang. Dann geht’s durchs Gasteinertal und schließlich steil hinauf bis nach Bad Gastein (ich geb’s zu, das allerletzte Stück muss ich schiebend zurücklegen). Bei Einbruch der Dunkelheit erreichen wir Böckstein und nehmen noch schnell einen der letzten Züge durch den Tunnel nach Mallnitz. Am nächsten Morgen werden wir von leichtem Regen, der an unsere Zeltwand prasselt, geweckt. Wir beeilen uns, um noch vor dem großen Guss über den Iselsberg zu kommen. Zu Mittag radeln wir müde aber überglücklich in Lienz ein.

Ohne Worte.

Die ersten Tage hatten es in sich. Viele Steigungen (Bad Gastein!!!), sehr steile Schotterwege und ein bisserl Regen fordern unsere untrainierten Wadeln. Eigentlich wollten wir nur ein paar Tage bei meinen Eltern in Lienz bleiben, am Ende werden es fast zwei Wochen. Wir treffen letzte Vorbereitungen, sortieren schon ein paar Dinge aus, unternehmen kleine Wanderungen und bekommen Besuch von Ferdis Eltern.

Abschied in Lienz.

Am 8. Juni heißt es dann erneut Abschied nehmen. Ein letztes gemeinsames Frühstück mit meinen Eltern, die fertig gepackten Taschen aufs Radl geschnallt, hoffend, dass wir nichts vergessen haben und weiter geht’s. Bis Oberdrauburg werden wir noch von meinen Eltern begleitet (Mama radelt mit uns, Papa fährt mit Auto und Kamera voraus). Ein letzter Kaffee in Oberdrauburg, viele Umarmungen, Bussis und Tränen, dann radeln wir davon! Jetzt sind da nur noch wir, unsere Räder und vor uns die große, weite Welt. Das Abenteuer beginnt!

Auf dem Drauradweg.

Die ersten hundert Kilometer geht es entlang der Drau ziemlich flach dahin. Unsere Räder rollen wie von selbst, einzig dem Hintern fehlt es noch an Sitzfleisch. Die Temperaturen steigen bis über 30 Grad, doch mit dem Fahrtwind ist es gut auszuhalten. Immer wieder pausieren wir an wunderbaren Badeseen und erfrischen uns im kühlen Nass. Kurz vor Völkermarkt treffen wir den ersten Gleichgesinnten. Lilo aus Brasilien, der in Lissabon gestartet ist und vielleicht auch in den Iran will. Recht chaotisch, aber sehr nett.

Lilo aus Brasilien begleitet uns ein Stück des Weges.

Wir radeln ein paar Tage gemeinsam, überqueren unsere erste Grenze nach Slowenien, kochen gutes Abendessen, zwitschern ein, zwei Glaserl Wein und versuchen die unzähligen Gelsen mit Unmengen an Mückenspray zu verteiben. Ein paar Kilometer nach Maribor trennen sich unsere Wege wieder. Wer weiß, vielleicht sehen wir uns irgendwo weit im Osten wieder. Nach dem kurzen Stück in Slowenien geht es auch in Kroatien der Drau entlang (teilweise sehr schlechter Radweg, wir weichen auf die Straße aus). Weil der Grenzübertritt in der EU für uns kein Problem ist, fahren wir einen Tag auf der ungarischen Seite. Aber Kroatien gefällt uns besser und nach einer Nacht geht es gleich wieder zurück.

Kroatien wir kommen.

Es ist mittlerweile sehr heiß und die Strecke ist wenig abwechslungsreich. Zwar sind die vielen kleinen Dörfer nett anzuschauen, aber die unglaublich flache Gegend wird auf Dauer recht langweilig. Manchmal können wir uns nicht mehr erinnern, wo wir am Vortag gezeltet haben. Da ist eine schnelle, hoffentlich unbeobachtete Dusche unterm Wasserhahn eines Friedhofs eine spannende Abwechslung. Das Problem mit den Gelsen wird zur größten Herausforderung und lässt mich manchmal fast verzweifeln. Es sind Unmengen, offensichtlich ist es heuer besonders schlimm. Das liegt wohl an dem vielen Hochwasser.

Flach ist das Land. Sehr flach.

So heißt es jeden Abend: schnelle Flaschendusche, danach bereite ich das Essen zu, während Ferdi das Zelt aufbaut, schnell essen, Zähne putzen und ab ins Zelt, bevor ich von den Moskitos aufgefressen werde. Es scheint ausweglos. Sie lauern sogar untertags an jeder Ecke. Eine entspannte Pause im Schatten ist uns nicht vergönnt. Selbst beim Pinkeln schwirren diese nervigen Blutsauger um mich herum und Ferdi versucht durch heftiges Herumwedeln mit seinem Hut meinen Hintern zu verteidigen. Wir probieren es mit jeder Menge Mückenspray, Räucherspiralen, Zitronen, kaufen uns sogar Vitamin B1 Tabletten, weil das angeblich helfen soll, doch es sind einfach zu viele.

Und wieder ein Grenzübertritt.

Wir sehnen uns nach einer Pause. Zum Glück gibt es Warmshowers, eine Online-Plattform, über die man radfahrfreundliche GastgeberInnen finden kann, die einen gerne bei sich übernachten lassen und immer für einen Plausch oder andere Aktivitäten zu haben sind. Ein Gastgeber in Serbien hat uns zugesagt. Somit verlassen wir Kroatien und damit auch die Drau, die uns seit Lienz begleitet hat. Ab der serbischen Grenze folgen wir der Donau. Nach 11 Radtagen am Stück sind wir froh über zwei Tage Erholung bei Zoran und seiner Familie in Bac. Mit Pizza und Bier feiern wir unsere ersten 1000 Kilometer! Juhu!

Ferdi beim ersten Radservice.

Schon nach so kurzer Zeit haben wir unseren Radreiserhythmus gefunden. Das Reisen wird schön langsam zum Alltag. Das Zelt ist unser Haus geworden, das selbstgekochte Essen unser 5-Sterne Dinner. Am Anfang schwirren mir noch viele Gedanken durch den Kopf, über Familie, über die Zeit, über Ziele und Arbeit. Doch all das tritt immer mehr in den Hintergrund und plötzlich werden ganz andere Dinge wesentlich. Der Kopf wird frei, genauso wie die Landschaft um uns herum. Die Art wie wir Reisen, erlaubt es frei zu sein.

Am Morgen wissen wir nicht, wo wir am Abend landen werden. Natürlich ist eine der häufig gestellten Fragen, wie lange unsere Reise wohl dauern wird. Irgendwann hat sich bei unseren Familien dann der Zeitraum von drei Monaten bis drei Jahren eingestellt.

Wir sind gespannt!


Marlen aus Lienz und Ferdi aus Salzburg starteten im Juni 2019 zu einer Weltreise auf dem Fahrrad. In neun Monaten radelten die beiden von Lienz mehr als 11.000 Kilometer durch 14 Länder bis in den Iran. Dann stoppte Covid 19 die beiden Globetrotter. Was sie bis zu ihrer Rückkehr in die Quarantäne erlebten, erzählt uns Marlen Schieder in einer spannenden, mehrteiligen Reisereportage. Viel Spaß!

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