Bulgarien: Bergig, einsam und ein Traumradreiseland

Ein beglückendes Auf und Ab durch die Berge samt Abstecher nach Griechenland.

Wir hoffen, unsere Reiseerlebnisse unterhalten euch gut in diesen Tagen der Sesshaftigkeit. Österreich, Slowenien, Kroatien, Ungarn, Serbien und Rumänien haben wir schon durchradelt.

Wir überqueren die Donau bei Calafat und reisen in Land Nummer 7, Bulgarien, eines unserer bisherigen Lieblingsländer. Unsere erste Nacht in Bulgarien verbringen wir unweit der Grenze auf einem Feld. In der Ferne sehen wir die kilometerlange Schlange an LKWs die sich bis zum Grenzübergang gebildet hat. Gut, dass wir uns mit den Fahrrädern immer an allen vorbeischlängeln können und die Passkontrollen bis jetzt sehr zügig vorangingen. Mit wiehernden Pferden und Hundegebell fallen wir in einen erholsamen Schlaf. Am nächsten Morgen bin ich gerade dabei Frühstück zu machen, als plötzlich ein Mann im meterhohen Gras vor uns auftaucht.

Zu unserer Überraschung spricht er ein bisschen Deutsch. Wie er uns erzählt, war er früher professioneller Speerwerfer und hat, wie viele Sportler aus dem Osten, in der DDR trainiert. Er bittet uns, unser „Haus“ nicht in der Luft zu schütteln, da es seine Pferde erschreckt. Haus? Er meint unser Zelt, das wir morgens vor dem zusammenpacken ausbeuteln. Wir sind amüsiert über die Unterhaltung und versprechen ihm, unser „Haus“ auf dem Boden zu lassen.

Die ersten Kilometer in Bulgarien sind noch recht flach und es gibt, wie in Rumänien, schöne Dörfer mit vielen Blumen. Generell kommt uns das Land fruchtbarer vor als Rumänien. Wir haben ganze Säcke voller Maulbeeren und Kriecherl gesammelt. Anhand der zerquetschen Maulbeeren am Asphalt erkennen wir genau, wann wir anhalten müssen und finden die „Beute“ direkt über uns am Straßenrand.

Beeindruckende Sandsteinformationen in Belogradtschik.

Am zweiten Tag ist’s vorbei mit der Gemütlichkeit. In der Mittagshitze geht es steil bergauf nach Belogradtschik, wo wir vor beeindruckenden Sandstein-Formationen Pause machen. Ferdi nutzt die Gelegenheit zum Wäsche waschen, während ich einen erfrischenden Salat als Mittagsjause richte. Tags darauf radeln wir gerade mal zwei Kilometer als wir in einem Dorf stoppen, um unsere Wasserflaschen aufzufüllen. Prompt werden wir von einer netten Dorfbewohnerin und ihrer Schwester zu einem zweiten Frühstück eingeladen. Es gibt einen Welcome-Drink (Whiskey aus einer riesigen Flasche und Cola, aber separat, nicht gemischt), Walnüsse, Weichkäse, Brot und Marmelade. Wahnsinn! Mit vielen Geschenken (selbstgemachtes Joghurt, Walnüsse, Minzzuckerl, eingelegtes Gemüse, Marmelade, irgendeine besondere türkische Hautcreme für mich) und ungefähr drei Kilo schwerer, machen wir uns auf die Weiterreise.

Zweites Frühstück mit Whiskey aus der Magnum-Flasche und selbst gemachten Köstlichkeiten.

Beeindruckt von der unglaublichen Gastfreundschaft werden wir am nächsten Tag noch mehr überrascht. Nach einer langen Bergfahrt und einer umso spektakuläreren Abfahrt hinunter ins Iskar-Tal sind wir auf der Suche nach einem trockenen Schlafplatz. Für heute ist ein Gewitter angesagt, deshalb hätten wir gern ein Dach über dem Kopf. Wir machen Halt in Zerovo und fragen herum. Hotel oder sowas gibt es hier nicht, wollen wir auch nicht. Eine Scheune oder ein Rohbau würden uns reichen. Eine Frau kommt auf mich zu und erklärt mir mit Händen und Füßen, dass wir bei ihr schlafen können. So landen wir schließlich im Haus des Pensionistenpaares Svetla und Ivan. Sie kümmern sich rührend um uns, wie um ihre eigenen Kinder. Eine gute Jause und selbstgebrannter Schnaps wird aufgetischt. Später gibt’s noch Grillerei, frischen Salat aus dem Garten, frittierte Krapfen und Gin Tonic.

Svetla und Ivan kümmern sich so rührend um uns, als wären wir ihre eigenen Kinder.

Wir unterhalten uns mit Hilfe der Übersetzungs-App am Handy, zeigen Bilder von unseren Familien und erfahren, dass man in Bulgarien den Kopf schüttelt, wenn man „Ja“ sagt. Sehr verwirrend! Nach einem herrlichen, aber sehr fettigen Frühstück und ein paar Selfies in der Weinlaube verabschieden wir uns mit vielen Bussis und Umarmungen. Geschenke gibt’s natürlich auch wieder: ein Parfum für mich, einen Kühlschrankmagneten, einen Glücksbringer und Riesentomaten, Gurken und Kriecherl aus dem eigenen Garten. Schon 13 Kilometer weiter legen wir einen weiteren Stopp bei Emil ein. Auch ihn haben wir über „Warmshowers“ angeschrieben.

Emil hat groß aufgekocht, schenkt Ferdi ordentlich ein und hilft uns bei der Routenplanung.

Weil wir Einiges zu erledigen haben, bleiben wir gleich zwei Tage. Mit Emils Hilfe planen wir unsere Route durch Bulgarien und schicken ein Paket mit ungenutzter Ausrüstung und warmem Gewand, welches wir die nächsten zwei Monate nicht benötigen, nach Hause. Ganze sechs Kilogramm leichter geht es der Iskar entlang weiter, in großem Bogen an Sofia vorbei hinunter in den Süden.

Wir fahren mitten durch’s Rhodopen-Gebirge. Unsere Wadeln werden gefordert, nicht selten sind es mehr als 1000 Höhenmeter am Tag. Die Anstrengung lohnt sich auf jeden Fall! So lange wir flach dahin geradelt sind, so gut tut uns jetzt die Abwechslung. Auch das Wetter hier ist super. Manchmal sogar recht kalt, vor allem bei den langen Abfahrten.

Mehr als 1000 Höhenmeter am Tag, das geht in die Wadeln.
So lässt sich's radeln! Fruchtbare Landschaft und einsame Wege, hier über eine Steinbrücke in den Rhodopen.

Wir finden wunderschöne Straßen ohne Verkehr und immer einen trockenen Platz, wenn es regnet: Es ist Mittag und wir jausnen neben einer Tankstelle. Dunkle Wolken ziehen auf. Schnell alles zusammengepackt und kaum stehen wir unterm Dach, gießt es wie aus Kübeln. Kurz darauf ist der Spuk auch schon wieder vorbei und wir ziehen weiter. Nach ein paar Kilometern der nächste Guss. Und selbstverständlich gleich ein überdachter Picknickplatz am Straßenrand. So viel Glück!

Kaffeepause!

Doch es kommt noch besser. Wieder Regenpause. Wieder geht’s weiter. Jetzt aber schnell einen Schlafplatz suchen. Wir radeln in ein Tal und da taucht auch schon eine kleine Holzhütte samt Brunnen am Straßenrand auf. Die „Türe“ steht für alle offen. Kaum drinnen, regnet und stürmt es sofort wieder los. Wir freuen uns über den gemütlichen Schlafplatz mit Bankerl und Esstisch und bedauern fast, dass wir kein trockenes Holz für die offene Feuerstelle haben. Am nächsten Tag erfahren wir, dass es auf der anderen Seite der Berge in Griechenland Unwettertote gab.

Glück muss man haben! Kurz vor einem Sturm haben wir diese Hütte entdeckt, ein idealer Schlafplatz.

Bulgarien wird für uns zu einem Traumradreiseland. Ein richtiger Geheimtipp! Einsame Straßen, wunderschöne Natur, viele Berge und kaum Touristen. Ein weiteres Highlight für Radfahrer: Hier gibt es direkt neben der Straße unzählige Brunnen mit frischem Quellwasser. Die sind auch super zum Wäsche und Haare waschen. Doch bis auf zwei Radler, die in einer Mittagspause ohne anzuhalten an uns vorbeirauschen, haben wir hier keine Reiseradler getroffen.

Nun fahren wir im Süden an der bulgarisch-griechischen Grenze entlang durch die Berge. Es ist Ferdis Geburtstag. Zum Frühstück gibt’s Semmeln (aus einer österreichischen Supermarktkette) mit Schokoaufstrich, Müsli und Kakao. In Ardino machen wir Halt und holen uns Mittagessen in einer Kantine, die Ferdi an die Milchbars in Polen erinnert. Leider gibt es nichts Vegetarisches, also muss ich mich mit den Beilagen, Reis und Erdäpfel, begnügen. Doch zu Ferdis Freude gibt’s als Desert Crème caramel. Da er die heiß liebt und heute Geburtstag hat, verdrückt er gleich zwei davon. Nach so viel Süßem und Kaffee geht’s volle Fahrt voraus auf den nächsten Berg.

Ferdi liebt Crème caramel und weil er Geburtstag hat, bekommt er zwei Portionen!

Der Abschnitt von Ardino bis Dzhebel hat es uns so richtig angetan. Nach dem Anstieg werden wir mit einer wunderschönen Abfahrt auf einer kleinen Straße mitten durch fast schon mediterrane Wälder belohnt. Wir können kaum fassen, wie schön es hier ist und sind mal wieder richtig happy mit unserer Routenplanung.

Gegen Griechenland zu wird es immer flacher. Kurz vor der Grenze verbringen wir zwei Tage bei Ania und Marcin, einem jungen Paar aus Polen, das sich in einem 20-Einwohner Dorf am Ende der Welt ein altes Haus kaufen will. Ein ambitioniertes Vorhaben in einem Ort, in dem niemand englisch spricht und Handwerker für die anfallenden Renovierungsarbeiten schwer zu finden sind. Doch wer wilde Natur und Einsamkeit liebt, ist hier am richtigen Platz. In ihrem Permakulturgarten wachsen auch schon die ersten Pflänzchen und wir dürfen uns über frische Tomaten und Gurken als Reiseproviant freuen.

Ania und Marcin, ein junges Paar aus Polen, träumt von einem eigenen Haus am Ende der Welt.

Bulgarien ist mit sieben Millionen Einwohnern sehr dünn besiedelt. Der Großteil der Bevölkerung wohnt in Sofia. Viele Dörfer verfallen, nur hin und wieder bauen sich Einheimische, die zum Arbeiten nach Deutschland gezogen sind, Sommerhäuser. Wir genießen die Ruhe und die wilde, ursprüngliche Natur. Überall blüht und duftet es wunderbar nach Kamille und anderen Heilkräutern, die am Wegesrand wachsen. Laut Reiseführer werden hier jährlich 17.000 Tonnen Heilkräuter geerntet und 80 Prozent davon nach Deutschland exportiert. Somit ist Bulgarien Europas größter Heilkräuter-Exporteur. Leider kennen wir uns auf diesem Gebiet nicht so gut aus, sehen aber ganze Felder übersäht von Johanniskraut, welches auch in den Windfängen vieler Häuser zum Trocknen aufgehängt wird, und einige Lavendelfelder.

Zwei Wochen radeln wir durch Bulgarien, dann heißt es schon wieder Abschied nehmen. Bei Ivaylovgrad fahren wir über einen Mini-Grenzübergang nach Griechenland.

Auf einen Sprung durch Griechenland

Über Griechenland gibt es nicht viel zu berichten. Für uns ist es auf dieser Reise nur ein Transitland auf dem Weg in die Türkei und die Strecke nicht mal 100 Kilometer lang. Na gut, das Frühstück am ersten Tag ist der Hammer. Es gibt Pancakes mit selbstgemachtem Kriecherlröster, Bananen und Schokoaufstrich. Schon ein bisschen aufwändig mit unserer bescheidenen Küchenausstattung, aber hin und wieder kann man sich solchen Luxus gönnen. Außerdem sind wir mittlerweile bekannt für unsere High-End-Campingküche, in deren Genuss so manche Mitreisende kamen.

Das nordöstliche Griechenland ist sehr flach, daher auch sehr heiß. Die Landschaft ist wenig aufregend und besteht hauptsächlich aus Sonnenblumen- und Baumwollfeldern. Nach zwei Tagen überqueren wir auch schon die nächste Landesgrenze und reisen bei Ipsala in die Türkei ein.


Marlen aus Lienz und Ferdi aus Salzburg starteten im Juni 2019 zu einer Weltreise auf dem Fahrrad. In neun Monaten radelten die beiden von Lienz mehr als 11.000 Kilometer durch 14 Länder bis in den Iran. Dann stoppte Covid 19 die beiden Globetrotter. Was sie bis zu ihrer Rückkehr in die Quarantäne erlebten, erzählt uns Marlen Schieder in einer spannenden, mehrteiligen Reisereportage. Viel Spaß!

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2 Postings bisher
Spanidiga

Ach wolf_c die neue Brücke Tristacherstrasse-Bahnhofareal liegt dir wirklich schwer im Magen...geh einfach mal drüber zur Bahnhofsapotheke und besorg dir Tabletten.... Trotzdem sei erwähnt....super Reiseberichte der beiden,darum gehts hier eigentlich....

wolf_c

... auf dem foto von der brücke sieht man pure ästhetik; so schön kann und könnte brückenbau sein; auf moderne verhältnisse übersetzt: die schwachmatiker der neuzeit in kleinstädten vekaufen hilflose materialorgien als ingenieurskunst: das heisst: entweder waren sie prüfling an einer untergeordneten ausbildungsstätte oder sie gabens billiger ... zu berfürchten ist beides!