Marlen und Brigitte Schieder unterwegs zum Kloster Gergetier im Kaukasus. Alle Fotos: Marlen & Ferdi

Marlen und Brigitte Schieder unterwegs zum Kloster Gergetier im Kaukasus. Alle Fotos: Marlen & Ferdi

Unterwegs im Kaukasus und Besuch aus Lienz

In Georgien lassen wir die Fahrräder stehen, gehen wandern und machen Sightseeing in Tbilisi.

Bereits vor dem Grenzübertritt nach Georgien war für uns klar, dass wir dieses Land ganz anders erkunden werden. Zum ersten Mal seit Beginn unserer Reise werden wir die Räder abstellen und mit motorisierten Vehikeln durchs Land ziehen. Außerdem erwarten wir Besuch!

Vorerst geht es mit dem Fahrrad weiter. Ab der Grenze fahren wir wenige Kilometer am Schwarzen Meer entlang. Kurz vor Batumi biegen wir Richtung Osten ab und radeln durch ein fruchtbares Tal der Provinz Adscharien. Wir haben uns für diese Route entschieden, da sie landschaftlich viel schöner und vor allem abseits der Hauptverkehrsstraße durch die Berge führen soll. Einziger Haken: ein Pass auf über 2000 Metern mit äußerst schlechter Straße. Wir stellen uns der Herausforderung und sind guter Dinge. Wir schaffen alles!

Der Weg dorthin ist gekennzeichnet durch viel Grün, Weintrauben an jeder Ecke, abgeschiedene Orte und viele, viele Kühe auf der Straße. Schon wenige Kilometer nach der türkischen Grenze fällt uns auf, wie sich die Menschen und ihr Verhalten uns gegenüber verändern. Die GeorgierInnen begegnen uns vorerst zurückhaltend und mit strengem Blick, wir würden sagen, man merkt den russischen Einschlag. Bleibt man aber an einem Verkaufsstand neben der Straße stehen, wird man gleich auf Chacha, den typischen selbstgebrannten Schnaps, eingeladen. Statt türkischem Tee gibt’s jetzt georgischen Schnaps. Ich hoffe, dass die Einladungen hier nicht so zahlreich ausfallen, wie im türkischen Nachbarland.

Seit dem Meer geht es beständig aufwärts. Anfangs noch ziemlich gemütlich, später dann immer steiler. In Khulo decken wir uns mit Obst und Gemüse ein und wollen noch unsere Wasserflaschen für den Abend auffüllen. Hier gibt es leider kaum Brunnen neben der Straße und so fragen wir uns im Ort durch. Schließlich werden wir in einem kleinen Lokal fündig, wo wir auch gleich gefragt werden, ob wir was essen wollen. Nicht ganz sicher, ob es als Einladung gemeint ist, setzen wir uns hin und bekommen eine richtig gute Suppe aufgetischt. Für Ferdi mit, für mich ohne Fleisch, ähnlich einer Gerstensuppe und mit vielen frischen Kräutern. Natürlich dauert es nicht lange bis jeder ein Glas Chacha vor sich stehen hat. Für meinen Geschmack viel zu stark! Deshalb wird mir stattdessen Bier kredenzt. Draußen dämmert es schon und wir müssen langsam los, einen Schlafplatz suchen.

Eine georgische Suppe mit frischen Kräutern. Gut!

Doch dann lernen wir Victor kennen, einen Radler aus Spanien. Er hat unsere Räder vor der Tür gesehen und musste einfach „Hallo“ sagen. Nachdem auch er gegessen und getrunken hat, machen wir uns zu dritt auf die Suche nach einem geeigneten Zeltplatz. Das stellt sich als gar nicht so einfach heraus. In solch engen Tälern dauert es schon mal etwas länger bis man eine gerade Fläche für das Zelt findet. Auf einer Seite der Straße geht es meist steil bergauf und auf der anderen Seite fließt ein Fluss oder es geht steil bergab. Mittlerweile ist es stockdunkel und der Straßenbelag hat sich ab Khulo von Asphalt auf Sand und Schotter verschlechtert. Ausgerüstet mit unseren Stirnlampen fahren wir im Schritttempo durch die Nacht. Irgendwann finden wir dann doch noch eine halbwegs ebene Wiese und schlagen unser Nachtlager auf. In Khulo haben wir nicht nur Victor kennengelernt, auch ein Straßenhund hat sich uns angeschlossen. Er trägt eine Marke mit der Nummer „186“ am Ohr, weshalb wir ihn liebevoll „one-eight-six“ nennen.

Am nächsten Tag heißt es dann: 30 Kilometer und 1300 Höhenmeter auf mieser Piste. Schön langsam treten wir uns nach oben. Es ist hart, es ist heiß, aber Tritt für Tritt kommen wir unserem Ziel immer näher. Auch „186“ kommt an seine Grenzen und lässt die Zunge schon fast am Boden schleifen. Am Nachmittag erreichen wir die Passhöhe auf 2025 Metern und sind überglücklich.

Noch lachen wir, doch schon bald wird die Piste richtig mies und nicht nur unserem vierbeinigen Begleiter hängt die Zunge heraus.
Das „Restaurant Edelweiß“ auf 2025 Metern Seehöhe!
Auf ein Bier mit unserem spanischen Wegbegleiter Victor. Noch bin ich guter Dinge. Doch dann kam die Suppe.

Das Abenteuer Goderdzi Pass ist geschafft. Naja nicht ganz, die Abfahrt steht noch bevor. Aber zunächst haben wir uns ein gutes Essen und ein kühles Bier verdient. Hier oben gibt es ein kleines Geschäft und das Restaurant „Edelweiß“. Mithilfe einer Russin bestellen wir einen Fleischeintopf für Victor und Ferdi und eine vegetarische Suppe für mich. Diese „Suppe“ war mit Abstand das fetthaltigste Essen, das ich jemals gegessen habe. Bestehend aus Käse, Butter, Sahne und Ei (oder so ähnlich) gleicht sie mehr einem großen Fettklumpen. Vielleicht ganz gut, um die harten Winter hier oben zu überleben, aber mit Sicherheit nicht das Richtige für eine ausgepowerte, hungrige Radlerin. Wir lernen ein Schweizer Paar kennen, das mit dem Mietwagen durch Georgien reist. Victor schließt sich ihnen an, um zu einem nahegelegenen See zu fahren und dort die Nacht zu verbringen. Ferdi und ich sind zu müde für viel Kommunikation, wollen noch ein paar Kilometer bergab radeln und dann nur noch schlafen.

Die Abfahrt ist für mich unglaublich anstrengend und kostet mich weitaus mehr Kraft als der Aufstieg. Ich hänge in den Bremsen, alles holpert, es rüttelt mich und den Fettklumpen in mir durch und ich bekomme Kopfweh. Etwas abseits der Straße, im Wald, finden wir einen Platz zum Schlafen. Ich fühle mich nicht gut. Mir ist schlecht und kalt, Schüttelfrost packt mich. Nur noch schnell Zähne putzen und ab ins Bett. Doch an Schlaf ist nicht zu denken. Drei Mal muss ich aus dem Zelt kriechen und die „Suppe“ von vorhin kommt wieder hoch. Das war zu viel für mich und meinen erschöpften Körper. Nach einer wenig erholsamen Nacht, geht es mir am nächsten Morgen nicht wirklich besser. Doch es nützt nichts, wir müssen weiter. Es geht noch mindestens 15 Kilometer bergab und die Straße wird eher schlechter als besser. Unser treuer Straßenhund ist immer noch an unserer Seite und hat die ganze Nacht neben unserem Zelt Wache gehalten.

Hund „186“ hält Wache neben unserem Zelt.

Nach insgesamt zwanzig Kilometern Abfahrt treffen wir unten wieder auf Victor. Auch er hat eine harte Nacht hinter sich (viel Alkohol und wenig Schlaf). Gemeinsam radeln wir bis in den nächsten Ort. Endlich haben wir wieder Asphalt unter den Rädern und „186“ hat große Mühe unserem rasanten Tempo zu folgen bis er schließlich unsere Spur verliert. Ich muss sehr oft pausieren und mich hinlegen, habe seit der Suppe nichts mehr gegessen und bin recht schwach. Wir machen Halt in einem Ort. Eine halbe Stunde später taucht „one-eight-six“ wieder auf. Trotz mehrerer Abzweigungen hat er uns gefunden! Aber schon kurz nachdem es weiter geht, hängen wir ihn wieder ab. Das Wetter ist ebenfalls verstimmt. Es beginnt zu regnen.

Wir halten unter einem Baum an und warten ab. Schon von weitem hören wir ein Jaulen und sehen den patschnassen „one-eight-six“ mitten auf der Bundesstraße auf uns zulaufen. Ein trauriger Anblick. Der Regen legt sich, wir radeln weiter. „One-eight-six“ haben wir nun endgültig verloren. Am Ende des Tages schaffen wir sogar über 50 km und zelten kurz nach Akhaltsikhe. Nun sind es nicht mal mehr 70 km bis nach Khashuri, wo wir uns mit meinen Eltern treffen. Ich versuche mich auszuruhen, damit ich am nächsten Tag wieder fit bin. Tatsächlich fühle ich mich am Morgen wieder viel besser und wir radeln flott dahin. Entlang des Borjomi Nationalparks geht es Richtung Norden. Der Verkehr nimmt zu, die Überholmanöver sind gefährlich, das Hupen laut und angsteinflößend. Es ist anders als in der Türkei. Ich bin mir nicht sicher, ob die Leute zur Begrüßung hupen oder ob sie uns sagen wollen „geht aus dem Weg, macht Platz“.

Am frühen Nachmittag erreichen wir das Hostel und finden den perfekten Ort zum Entspannen vor. Christoph und Tamara haben erst vor kurzem ihr „Rest Camp“ eröffnet und empfangen Leute aus aller Welt. Wir haben die Unterkunft über „Warmshowers“ gefunden. Christoph ist Deutscher und vor ein paar Jahren selbst von Deutschland in den Iran geradelt. Jetzt will er etwas von der vielen Gastfreundschaft, die er unterwegs erfahren hat, zurückgeben und hat gemeinsam mit seiner georgischen Freundin Tamara dieses Hostel eröffnet. Für RadlerInnen ist die erste Nacht, Frühstück und eine Ladung Waschmaschine gratis. Super, alles was sich ein RadlerInnenherz wünscht. Frisch geduscht liegen wir in den Hängematten im Garten, trinken Bier und plaudern mit anderen Reisenden.

Besuch aus Lienz! Gemeinsam wandern wir zum berühmten Gergetier Dreifaltigkeitskloster.

Am nächsten Tag kommen meine Eltern an. Wir freuen uns riesig und können kaum glauben, dass wir uns nach fast drei Monaten hier treffen. Die ersten Tage werden leider von einem Darmvirus überschattet, der zuerst Ferdi und dann auch meinen Papa erwischt. Gut, dass wir hier im Hostel sind und nicht irgendwo draußen im Zelt. So können sich alle recht gut erholen und werden auch schnell wieder fit.

Zum ersten Mal auf unserer Reise lassen wir unsere treuen Räder zurück und fahren mit dem Taxi weiter. Es geht in den Norden, nach Stepandsminda (früher Kasbegi), bis kurz vor die russische Grenze. Ein wilder, abgelegener Ort im Kaukasus mit Blick auf den über 5000 Meter hohen Kasbek, an den nach der griechischen Mythologie Prometheus gekettet war. Wir bleiben zwei Nächte, wandern am ersten Tag zum berühmten Gergetier Dreifaltigkeitskloster und machen am zweiten Tag einen Ausflug ins Trusotal. Die Landschaft hier beeindruckt uns sehr. Das weite Tal mit grünen Berghängen zu beiden Seiten erinnert uns an Bilder aus der Mongolei oder Kirgistan.

Es ist sicher einer der landschaftlich schönsten Orte auf unserer Reise! An einem kleinen, blubbernden Mineralsee, Schwefelgeruch inklusive, machen wir Pause, müssen uns aber schon bald wieder auf den Retourweg machen, da unser Taxi am Taleingang auf uns wartet. Es bringt uns in die Hauptstadt Georgiens Tbilisi.

Wir bleiben fünf Tage und fühlen uns das erste Mal wie richtige TouristInnen. Sightseeing ist angesagt. Ein ungewohntes Gefühl, ganz anders, als wir sonst auf unserer Reise unterwegs sind. Die Altstadt ist gut zu Fuß zu erkunden. Halbverfallene Häuser neben moderner Architektur sorgen für interessante Kontraste. Wir lassen uns mit gutem Essen und Wein verwöhnen. Die Temperaturen Anfang Septemper sind angenehm, im Sommer wird es hier unerträglich heiß. Nach zehn Urlaubstagen mit meinen Eltern wird es Zeit, Abschied zu nehmen. Für uns geht es zurück nach Khashuri zu unseren Rädern, für meine Eltern nach Kutaissi und mit dem Flieger nach Wien. Der Abschied fällt mir schwer, fast schwerer als zu Beginn der Reise in Lienz. Es war schön, ein Stück gemeinsam zu reisen und für uns alle ein wohltuender Urlaub. Zurück im Hostel verbringen wir noch zwei Tage mit Radservice und Sachen packen. Meine Eltern haben uns unser warmes Gewand und den zweiten Schlafsack mitgebracht, den wir aus Bulgarien nach Hause geschickt hatten.

Tbilisi – Tiflis – die Hauptstadt Georgiens, bei Nacht.
Auch das ist Tbilisi.

Ein paar Kilogramm schwerer sitzen wir endlich wieder im Sattel. Die erste Strecke bis nach Akhaltsikhe kennen wir schon, nur dass es in umgekehrter Richtung immer ein bisschen aufwärts geht. Wir schlafen sogar am gleichen Platz, wie vor zwei Wochen. Nur Victor fehlt. Nach Akhaltsikhe geht es – landschaftlich sehr schön! – Richtung Armenien. In den letzten drei Monaten sind wir fast ausschließlich Richtung Osten geradelt. Nun werden wir für die nächsten Monate hauptsächlich Richtung Süden radeln. Der Sonne entgegen. Bis zur armenischen Grenze müssen wir wieder mal auf über 2000 Meter hinauf. Die Straßen werden schlechter, die Temperaturen sinken. Nachts ist es richtig kalt. Gut, dass wir unsere warmen Schlafsäcke haben. Bei fünf Grad und stürmischem Wind Abendessen kochen ist echt ungewohnt. Viel zu schnell ist es jetzt kalt geworden. Beim Gedanken an das gebirgige Armenien wird uns auch nicht wärmer. Hier ein paar Eindrücke von diesem Abschnitt:

Riesige Berge aus Strohballen türmen sich vor den Bauernhäusern.

Die Landschaft hier oben ist ziemlich karg, die Menschen leben in einfachen Steinhäusern. Riesige Berge aus Strohballen türmen sich vor den Bauernhäusern. Als wir in Ninotsminda ankommen, ist gerade Markttag, perfekt um uns mit Gemüse fürs Abendessen einzudecken. Auch unser „Gewürzregal“ können wir auffüllen und werden noch dazu auf ein leckeres Eis eingeladen. Hier im Ort ist der Großteil der Bevölkerung aus Armenien und es wird Armenisch gesprochen. Heute ist unsere letzte, wieder sehr kalte Nacht in Georgien. Am nächsten Tag radeln wir ganz gemütlich über die Grenze. Es ist nichts los, alles total ruhig. Der Grenzbeamte fragt uns wo wir hinfahren. „Armenia!“, wohin denn sonst? Auf ins kleinste Kaukasusland!

Landschaftlich hat uns Georgien super gefallen. Es war schön, wieder mal zu Fuß unterwegs zu sein und kleine Wanderungen zu unternehmen. Für unseren Geschmack ist das Land ein bisschen zu sehr gehypt und es sind sehr viele TouristInnen unterwegs. Vielleicht besser in der Nebensaison bereisen oder gleich nach Armenien weiterfahren?


Marlen aus Lienz und Ferdi aus Salzburg starteten im Juni 2019 zu einer Weltreise auf dem Fahrrad. In neun Monaten radelten die beiden von Lienz mehr als 11.000 Kilometer durch 14 Länder bis in den Iran. Dann stoppte Covid 19 die beiden Globetrotter. Was sie bis zu ihrer Rückkehr in die Quarantäne erlebten, erzählt uns Marlen Schieder in einer spannenden, mehrteiligen Reisereportage. Viel Spaß!

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2 Postings bisher
Kapatieme

Volle inspirierend eure Berichte .Man hat ja auch kleine Fluchten, viel kleiner halt. Wünsche euch eine gute Fortsetzung, wann auch immer !

Spanidiga

Immer wieder.....ein Danke für eure interessanten Reiseberichte...wäre ich nur nochmal Jung...das wärs ....👍👍